18.09.1967

MUSIK RICHARD / STRAUSSLöwe der Stunde

An energischen Kritikern, zeitgenössischen wie nachgeborenen, hat es dem deutschen Tondichter Richard Strauss noch nie gefehlt: Kollege Strawinski wollte "gern alle Strauss-Opern einem Purgatorium überlassen, das triumphierende Banalität bestraft". "Vor dem Komponisten Strauss", sagte Arturo Toscanini, "ziehe ich den Hut. Vor dem Menschen Strauss setze ich ihn wieder auf."
Und sein Librettist Hugo von Hofmannsthal entdeckte in Strauss eine "fürchterliche Tendenz zum Trivialen und Kitschigen", er attestierte ihm 1918 eine "Kulturlosigkeit" der Sie, in fast rhythmischem Wechsel, sich hingeben und sich zu entziehen suchen".
Seither hat noch mancher Strauss-Kritiker ein herbes Urteil gefällt -- über den derben, naiven, egozentrischen, widersprüchlichen, rätselhaften Charakter des Komponisten Strauss ebenso wie über seine prunkvoll-spätromantischen Schwebe-Klänge (die in Israel noch immer unerwünscht sind).
Sein gestrengster Richter jedoch ist ihm erst jetzt in Amerika erwachsen. Er heißt George R. Marek und ist Autor einer neuen Richard-Strauss-Biographie mit dem Untertitel "Das Leben eines Nicht-Helden"**.
Der Musikschriftsteller Marck ("Puccini", "Oper als Theater"), einst Chef der Schallplattenabteilung von RCA Victor, in Wien geboren und nach Amerika ausgewandert, lange bevor Österreich in eine "Ostmark" umgemünzt wurde, ist bei seinen Strauss-Recherchen auf viele verblüffende Rätsel gestoßen.
Äußerst widersprüchlich erscheint ihm beispielsweise, daß der Komponist des "Don Juan" offenbar ein treuer Monogamist, mehr: ein "Pantoffel-
* Charles de Tolnay: "Hieronymus Bosch". Halle Verlag, Baden-Baden; 416 Seiten mit 304 Abbildungen; 168 Mark.
** George R. Marck: "Richard Strauss. The Life of a Non-Hero". Verlag Simon and Schuster, New York; 352 Seiten; 7,95 Dollar.
held" ("hero of the slipper") war. Auf Frau Paulinens Gebot komponierte er das Lied "Traum durch die Dämmerung" in nur 20 Minuten; und er unterbrach das Tonsetzen, wenn ihm die Gattin auferlegte, Milch zu holen.
Strauss verfaßte die Orchester-Variationen "Don Quixote" -- und dennoch blieb er zeitlebens ein kühl und erfolgreich kalkulierender Geschäftsmann. Er schrieb einen "Zarathustra" -- und war doch immer nur ein skatspielender Bürger.
Das "größte Rätsel" aber ist für Marek "der Verlust an Qualität in seiner musikalischen Arbeit": "Er (Strauss) begann, nach einigen herkömmlichen Frühwerken, hoch oben und blieb dort viele Jahre lang. Dann plötzlich sackte er ab; er machte Kompromisse, er war mit Zweitklassigem zufrieden. Er verlor seine Selbstkritik. wiederholte Formeln und ersetzte musikalische Substanz durch Tricks in der Orchestrierung.
Marek glaubt, das Rätsel gelöst zu haben: Der "Niedergang der deutschen Zivilisation" -- und der begann für Marek mit dem Ersten Weltkrieg -- war schuld daran; er zog auch Straussens Genie mit herab. Denn Strauss "war so tief in der deutschen Romantik verwurzelt, in jener langen Tradition, die einen Brahms und einen Wagner hervorgebracht hatte, daß er seine Wurzeln verlor, als die Romantik von Bajonetten und Granatsplittern zerfetzt wurde".
Dabei hatte der frühreife Sohn des Ersten Hornisten im Münchner Hoforchester -- seine Mutter entstammte der Bierbrauerfamilie Pschorr -- eher wie ein radikaler Neutöner gewirkt. als die Romantik noch schönste Blüten trieb. Strauss, 1864 geboren, 1885 Kapellmeister in Hans von Bülows "Beethovenopolis" Meiningen, ließ mit 23 sein erstes Musik-Poem, "Aus Italien", erklingen und fühlte sich sogleich als "Löwe der Stunde" -- für Tschaikowski freilich hatte es "noch nie eine empörendere und anspruchsvollere Talentlosigkeit" gegeben als die "des neuen deutschen Genies Richard Strauss".
Strauss, vom "Tristan" ebenso wie vom Deutschtum des Meisters Richard Wagner infiziert" blieb der Löwe noch jahrzehntelang. Ob "Don Juan" oder "Tod und Verklärung", ob "Till Eulenspiegel"," Don Quixote" oder "Also sprach Zarathustra" -- die bis dahin unerhörten Kunststücke seiner Tondichtungen, raffiniert, mystisch schillernd, vitalistisch und bisweilen auch so kolossal wie "Ein Heldenleben" (Marek: "Billige Musik, teutonischer Wirbel", ein "echtes Produkt der wilhelminischen Ära"), brachten ihm schnellen Ruhm.
1905 präsentierte er, seit langem schon Erster Hofkapellmeister an der Königlichen Oper Berlin sowie Musikdirektor des Berliner Tonkünstler-Orchesters, seine mörderische, dekadent-erotische Fin-de-siècle-"Salome". Während Vater Strauss sich über die "nervöse Musik" entsetzte, begütigte der Komponist die Orchestermusiker: "Mut, meine Herren -- je falscher es klingt, um so richtiger ist es." In seiner schrill dissonanten "Elektra" von 1909 hatte er schließlich die Grenzen der Tonalität nahezu erreicht.
Danach allerdings, 1911, kam das kulinarische Melos des "Rosenkavalier". Mit ihm gab Strauss "den Weg in die Terra incognita des Klangs, der Dissonanz, der gestörten Dur- und Moll-Tonalität für immer auf"; er überließ künftige Kühnheiten der Schönberg-Generation. So jedenfalls deutet Kritiker Hans Heinz Stuckenschmidt Straussens Fall aus höchster Höhe.
Biograph Marek jedoch hält daran fest, daß Strauss immer nur Produkt und Spiegel seiner Zeit war. Mit dem verlorenen Ersten Weltkrieg, schreibt Marek verlor Strauss "an Potenz. Frische und Humanität". Als Grandseigneur, "Nicht-Held" und Stil-Jongleur, der mit alten Formeln spielte, "landete er schließlich in einer intellektuell ausgedörrten und politisch verderbten Welt, wo der Künstler zu parieren "und mit steifem rechtem Arm zu grüßen hatte".
Der "politisch naive", der "politisch geradezu analphabetische" deutsche Tonsetzer Strauss, so belehrt Marek sein amerikanisches Publikum, "war kein Nazi. Er war auch kein Anti-Nazi. Er war einer von denen, die es geschehen ließen".
Strauss dachte nicht, wie andere, an Emigration. Er blieb im Land, ließ sich zum Präsidenten der Reichsmusikkammer ernennen, ersetzte den Dirigenten Bruno Walter, der nicht mehr dirigieren durfte, und ersetzte Toscanini, der nicht mehr nach Deutschland kommen wollte.
Seine Opern brachten weiterhin volle Häuser, seine Tondichtungen blieben weiterhin erfolgreich. Da der "Neidnickel" und "Boche-Typus" Hans Pfitzner (Strauss) im Ausland unbekannt war, blieb Strauss der einzige Repräsentant .deutscher Musik in Hitlers Reich und profitierte von seiner hohen Position -- kurz: Strauss "ließ sich vom Opportunismus leiten".
In einem Brief, den Strauss 1935 an seinen jüdischen Librettisten Stefan Zweig nach Zürich schrieb -- er wurde von der Geheimen Staatspolizei geöffnet und zu Hitlers "gefälliger Kenntnisnahme" photokopiert -, entdeckte Marek ein weiteres Strauss-Übel: "blinden künstlerischen Egoismus".
"Für mich", schrieb Strauss an Zweig, "existiert das Volk erst in dem Moment, wo es Publikum wird. Ob dasselbe aus Chinesen, Oberbayern, Neuseeländern oder Berlinern besteht, ist mir ganz gleichgültig, wenn die Leute nur den vollen Kassapreis bezahlt haben."
Strauss ließ sich nach diesem Brief "auf Weisung des Herrn Reichsministers Dr. Goebbels" seines Präsidentenamts in der Reichsmusikkammer, die nach seiner Meinung .ohnehin "Dilettantenunfug" trieb, entheben; der Großvater zweier halbjüdischer Enkelkinder wurde von den Nationalsozialisten fortan mit Argwohn betrachtet. Goebbels: "Leider brauchen wir ihn noch -- aber eines Tages werden wir unsere eigene Musik haben und brauchen dann diesen dekadenten Narkotiker nicht mehr."
Als der Krieg zu Ende war, berichtet Marek, demonstrierte Strauss noch einmal seinen Doppeldefekt "Opportunismus" und "Egoismus". Strauss klagte einem Schweizer Freund: "Die Nazis waren Verbrecher -- ich habe es immer gewußt." Straussens Begründung "Sie haben die Theater geschlossen, und meine Opern konnten nicht gegeben wenden."
"Immerhin", sinniert Biograph Marek über seinen komplizierten Nicht-Helden, "hatte er Glück, daß er nicht in Dachau endete."
* Anja Silja in der Hamburgischen Staatsoper.

DER SPIEGEL 39/1967
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