04.09.1967

SCHRÖDERSzene verändert

Er rauchte nicht, nippte nur gelegentlich am Weinglas, hielt beim Essen maß. Morgens ging er spazieren, abends früh ins Bett.
Gerhard Schröder, 56, dienstältester Bonner Minister (seit 1953 im Kabinett), schien von allen Bonner Ministern am wenigsten verbraucht zu sein.
Schröder ersparte sich Streß und lange Nächte im Amt. Seinem Nachfolger im AA, Willy Brandt, empfahl er noch vor einigen Wochen im Kabinett: "Ich höre, Sie lesen immer alles. Das hat doch gar keinen Zweck. Wenn eine Sache wirklich stinkt, dann stinkt sie so, daß man es gleich riecht."
Während seine Kanzler -- und seine Referenten -- nach strapaziösen Auslandsreisen sogleich in die Stickluft von Bonn zurückkehrten, stieg er mitunter schon auf dem Regierungsflughafen Wahn in eine Bundeswehrmaschine um, die ihn zu seinem reetgedeckten Friesenhaus "Atterdag" in Kampen auf Sylt brachte.
Wie er mit seinen physischen Kräften maßhielt, so vermied er es auch, seine politische Energie zu verschwenden. Spätestens seit dem Abgang von Uraltkanzler Adenauer schonte er sich für höhere Aufgaben: "Wenn man einmal Außenminister ist, kann man nur noch Kanzler werden."
Die Erhard-Ära überlebte er im AA. Und Kiesingers schwarz-rote Koalition wollte er, eingeigelt im rheinischen Pentagon auf der Hardthöhe, gleichfalls überdauern.
Für sich selber und für einen nicht eben kleinen Teil der CDU war er der Kanzler in Reserve, denn bei der Kanzlerwahl der CDU/CSU-Fraktion im November hatte er fast ebenso viele CDU-Stimmen (81) wie der von der CSU (49 Stimmen) favorisierte Kiesinger (insgesamt 137 Stimmen) bekommen. Schröder galt als Regierungschef eines neuen bürgerlichen Regimes in Bonn, Anführer in eine neue Ära -- ohne Sozialdemokraten.
Doch seit dem Dienstag letzter Woche hat Reserve vorerst Ruh.
Noch am Vormittag dieses Tages hatte des Ministers Schulfreund und Ghost-Writer Kurt Hoffmann mit Schröder telephoniert, kurz nach dem Mittagessen auch noch seine Sekretärin Annerose Thelen. Des Ministers Stimme knarrte wie immer, seine Anweisungen waren knapp wie eh und je.
Doch dann, einen Tag bevor er nach einem Sommer der Erholung ins Kabinett zurückkehren wollte, stürzte Schröder auf der Treppe, die er eben hinaufging.
Was im Bulletin der Ärzte später umschrieben wurde als "Herzrhythmusstörung" und "Bewußtseinstrübung", machte die größte Militärstreitmacht Westeuropas vorübergehend kopflos.
Noch in der Nacht ließ Staatssekretär Karl Carstens, den Schröder aus dem AA ins Verteidigungsministerium mitgenommen hatte, den Kanzler (auf Urlaub in Kreßbronn) informieren und rief selber den Vertriebenenminister Kai-Uwe von Hassel an (auf Urlaub in Glücksburg an der Ostsee).
Hassel, glückloser Vorgänger Schröders im Verteidigungsministerium, war nach der Geschäftsordnung der Bundesregierung dazu ausersehen, den Verteidigungsminister politisch -- das heißt: bei Kabinettsentscheidungen und Hoheitsakten -- zu vertreten. Doch
* Bei der Einlieferung in die Neurologische Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf.
die Befehlsgewalt über die Bundeswehr gewann von Hassel damit nicht zurück.
Nicht einmal seine Anwesenheit im alten Ministerium auf der Hardthöhe war erforderlich. Hassel zum SPIEGEL:" Da gehe ich überhaupt nicht hin."
Die Befehls- und Kommandogewalt der Bundeswehr lag in der letzten Woche mindestens zwei Tage lang bei einem bewußtlosen Mann im ersten Stock des Pavillons 51 der Neurologischen Klinik in Hamburg-Eppendorf. Dorthin war Schröder in der Nacht nach dem Treppensturz -- Folge einer Herzattacke -- gebracht worden.
Es hätte einer Sondersitzung des Kabinetts bedurft, um die Befehlsgewalt einem anderen Minister zu übertragen. Automatisch geht der Oberbefehl nur in einer einzigen, im Grundgesetz genau spezifizierten Situation, auf eine andere Person über: im Kriegsfall auf den Kanzler. So blieb die Befehlsgewalt beim bettlägerigen Schröder -- bis zum Donnerstag, als der Bundesregierung Bedenken kamen und sie "nach gründlicher Prüfung der Rechtslage" verkündete, die Befehlsgewalt wäre selbstverständlich auf Hassel übergegangen.
Woran er wirklich litt, schien vorerst unklar. Noch am Donnerstag vergangener Woche beharrte das "Hamburger Abendblatt", Schröder habe einen Gehirnschlag erlitten.
Doch während diese Nachricht noch formuliert wurde, rief Ministerfrau Brigitte aus dem Eppendorfer Krankenhaus den Kanzler in Kreßbronn an: Das Schlimmste sei überstanden, und ihr Mann habe das Bewußtsein wiedererlangt. Man könne darauf hoffen, daß er die Krankheit ohne Folgen überwinden werde.
Am Nachmittag desselben Tages verlautbarten die Ärzte: "Die Kreislaufinsuffizienz ist behoben, die Bewußtseinstrübung ist abgeklungen." Zur gleichen Stunde unterhielt sich Gerhard Schröder bereits mit seinem Bruder Adelbert ("Ja, Gott sei Dank, er spricht jetzt wieder") und verlangte nach Zeitungen. Doch sie wurden ihm verweigert.
Tags darauf lief) der Ministerbruder, Chefarzt des Rotkreuz-Krankenhauses in Hamburg, die Öffentlichkeit wissen: "Nach einem Genesungsurlaub wird der Minister seine Amtsgeschäfte in Bonn wiederaufnehmen können."
Zwar kann die Arbeit an den Plänen für eine neue Gliederung der Bundeswehr auch in Schröders Abwesenheit weitergehen; seine Weisungen liegen vor. Gerhard Schröders politisches Schicksal aber blieb Ende vergangener Woche trotz aller optimistischen Prognosen im ungewissen.
Der erzwungene Ruhestand des christdemokratischen Reserve-Kanzlers kann, wenn er dauern sollte, auf das Gleichgewicht der Kräfte in der CDU/CSU -- und damit in der Großen Koalition -- nicht ohne Folgen bleiben.
Schon fand der sozialdemokratische AA-Staatssekretär Klaus Schütz: "Die Szene in Bonn hat sich verändert."

DER SPIEGEL 37/1967
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SCHRÖDER:
Szene verändert

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