07.08.1967

BUNDESPRÄSIDENTEN-WAHLSolo für „Schorsch“

Fünfzig Jahre, so finden Deutschlands Sozialdemokraten, sind genug: Nach einem halben Jahrhundert soll Deutschlands Staatsoberhaupt endlich wieder Genosse sein.
Im Februar 1919 war zum ersten und bisher einzigen Mal ein SPD-Mann ins höchste deutsche Staatsamt aufgestiegen: der gelernte Sattler Friedrich Ebert.
Im Juli 1969 hat abermals ein Sozialdemokrat die Chance, zum deutschen Staatsoberhaupt zu avancieren: der gelernte Maurer Georg ("Schorsch") Leber, jetzt Verkehrsminister der Großen Koalition.
In der Waldabgeschiedenheit der Heimvolkshochschule Bergneustadt im Bergischen Land saß am Dienstag und Mittwoch letzter Woche das SPD-Parteipräsidium vollzählig beisammen, um ungestört und vertraulich die Zukunft von Partei und Staat zu bereden.
Zu "der Sitzung, die eigentlich geheim bleiben sollte, war SPD-Vize Herbert Wehner eigens aus seinem Ferienhaus auf der schwedischen Insel Öland herbeigeflogen; Fraktionsvorsitzender Helmut Schmidt hatte seinen Urlaub im eigenen Haus in der Holsteinischen Schweiz unterbrochen.
Parteivorsitzender Brandt hinterher: "Ich werde in den nächsten Tagen dem Vorsitzenden der CDU mitteilen, daß wir auf jeden Fall einen eigenen Kandidaten für die Bundespräsidentenwahl aufstellen werden."
Kandidaten hatte die SPD allerdings schon bei früheren Bundespräsidentenwahlen aufgestellt, doch unterlagen die Sozialdemokraten stets ihren bürgerlichen Konkurrenten. 1949 verlor Kurt Schumacher gegen Theodor Heuss (FDP), 1959 Carlo Schmid gegen Heinrich Lübke (CDU). Bei Lübkes Wiederwahl 1964 resignierte die SPD von vornherein, und ihre Wahlmänner stimmten für den CDU-Kandidaten, der sieh der SPD-Führung lieb gemacht hatte, weil er hartnäckig für eine Große Koalition eingetreten war.
Als Ende letzten Jahres dieses Regierungsbündnis tatsächlich zustande kam, versäumten es die SPD-Unterhändler, das Amt des Staatsoberhauptes in den Koalitionshandel einzubeziehen. Die Frage der Nachfolge Heinrich Lübkes, dessen Amtszeit im Herbst 1969 kurz vor den nächsten Bundestagswahlen endet, blieb offen.
Als CDU-Kandidat für die Lübke-Nachfolge ist bisher freilich nur Eugen Gerstenmaier im Gerede, den viele Christdemokraten hebend gern vom allzu selbstherrlich versehenen Amt des Bundestagspräsidenten fortloben möchten. Und gegen einen SPD-Kandidaten, der auch den Freien Demokraten genehm wäre, hätte Gerstenmaier in der Bundesversammlung kaum eine Chance. Denn auch bei der FDP erfreut er sich keiner sonderlichen Beliebtheit.
So darf die SPD -- wenn nicht der CDU noch ein bei Christ- und Sozialdemokraten gleichermaßen wohlgelittener Kandidat einfällt -- sich durchaus Hoffnungen auf das höchste Staatsamt machen. Sie braucht lediglich auf die FDP Rücksicht zu nehmen, mit der sie in der (paritätisch aus Wahlmännern des Bundestages und der Länderparlamente gebildeten) Bundesversammlung die Mehrheit hat. Und die FDP-Spitze läßt bereits verlauten, es könne durchaus auch einmal ein Sozialdemokrat Bundespräsident werden.
Seit Willy Brandt vor acht Wochen in einem SPIEGEL-Gespräch (SPIEGEL 26/1967) erstmals den Anspruch seiner Partei auf das Präsidentenamt angemeldet hat, sind vor allem Hessen-Premier Georg-August Zinn, Bundesratsminister Carlo Schmid und Justizminister Gustav Heinemann als mögliche sozialdemokratische Kandidaten genannt worden.
Doch Carlo Schmid, 70, und Gustav Heinemann, 68, haben altershalber weder Neigung noch Chancen, für die fünfjährige Amtsperiode des Bundespräsidenten zu kandidieren. Zinns Kandidatur stehen zwei Hemmnisse im Wege: Auch er ist schon 66, und seine wesentlich jüngere Frau (Christa, 40) scheut das in Repräsentationspflichten eingezwängte Leben als Gattin eines Bundespräsidenten.
So kam in der Parteiführung der neue Mann ins Gespräch: Willy Brandt und Herbert Wehner favorisierten den erst 46 Jahre alten Katholiken und ehemaligen Gewerkschaftsboß Georg Leber. Er würde auch nach zwei Amtsperioden als Bundespräsident der Partei noch politisch dienlich sein können.
Leber hat eine Kandidatur bislang nicht abgelehnt. Angesichts der ihm zugedachten Solo-Partie übt er sich in staatsmännischer Zurückhaltung: "Ich möchte mich dazu noch nicht äußern."

DER SPIEGEL 33/1967
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