07.08.1967

EIGENHEIME / WOHNUNGS-HALDENKrise im Grünen

Der müde Markt machte alle Makler munter. Für über 10 000 Eigenheime und Eigentumswohnungen suchen sie zur Zeit in der Bundesrepublik einen Käufer.
Die Immobilienhändler überbieten sich mit Lockinseraten: "Zufall" -- "Einmalig günstig" -- "Dies ist Ihr Vorteil! Sofort beziehbar!" Sie suggerieren den Lesern, daß man jetzt den billigsten Bungalow kaufen könnte, den es je gab. Ihr Geschäft leidet an der Krise im Grünen.
Zwölf Jahre lang profitierten Unternehmer, Architekten und Makler von dem staatlich geförderten Eigenheim-Boom. Sie erwarben billiges Terrain in Randgebieten, bauten nach normiertem Modell auf Vorrat und verkauften die Häuser mit 20 bis 30 Prozent Gewinn.
"Wie der Metzger jede Wurst umsetzt, waren wir gewohnt, unsere Objekte frisch vom Bau und meist schon vor der Fertigstellung loszuwerden", so trauert der Geschäftsführer der Wohnungsbaugesellschaft Neue Heimat Bayern, Ludwig Geigenberger, den entschwundenen goldenen Zeiten nach. "Aber das klappt nicht mehr." Die Familienväter halten ihre Sparkonten beisammen, seit ihnen der Arbeitsplatz nicht mehr sicher erscheint. "Früher entschloß sich nach jeder Besichtigung etwa jeder zehnte Besucher zum Kauf", sagt der Hamburger Eigenheim-Fabrikant Rudolf Victor Friedburg, "heute höchstens jeder hundertste."
Während in den Großstädten noch Wohnungsnot herrscht, wuchsen auf den grünen Wiesen der Außenbezirke die Wohnungshalden. So stehen zum Beispiel in und um Bremen rund 2000 Eigenheime und Eigentumswohnungen leer.
Das höchste Monument fehlgeleiteten Bauens ragt im Norden aus Bismarcks Sachsenwald: ein 80 Meter hoher Komfortsilo mit 143 Kaufappartements" in den die hannoversche Baugesellschaft Hans Zapf 9,8 Millionen Mark investierte. Ende 1965 war das Sachsenwald-Hochhaus in Reinbek schlüsselfertig. Ein renommierter Makler übernahm den Verkauf. Er gab 64 000 Mark für Werbung aus und pries die modernen "Eigenheime auf der Etage" sogar in den Hamburger Kinos an. Gleichwohl konnte er bis April dieses Jahres nur knapp ein Drittel -- 45 Wohnungen -- absetzen.
Seither widmet sich Firmeninhabern Zapf selbst dem Verkauf. Sie erzählt den Besuchern, daß nur noch drei bis vier Wohnungen zu haben seien; man müsse sich beeilen. Tatsächlich steht aber in Norddeutschlands höchstem Wohngebäude immer noch die Hälfte der Räume leer.
Allein die Hypothekenzinsen betragen täglich fast 1000 Mark. Dazu kommen noch die Unterhaltungskosten, wie Stromrechnungen und die Heizung im Winter.
Auch das Geschäft mit Ferienhäusern und Zweitwohnungen in Erholungsgebieten stagniert. So wartet zum Beispiel die KG Bauträger GmbH Hamburg & Co., die vor einer Waldkulisse im Ostseebad Scharbeutz ein Feriengehege errichtete, sehnsüchtig auf Kunden. Die Appartements, die ursprünglich 51 000 bis 79 000 Mark kosten sollten, werden jetzt mit etwa sieben Prozent Rabatt verkauft.
Das Überangebot drückte überall die Preise -- "regional unterschiedlich um fünf bis 20 Prozent", stellte der Bundesverband Ring Deutsche Makler e.V. fest. So senkte zum Beispiel die Immobilienfirma Cura die Preise für ihre Einfamilien-Doppelhäuser in Seefeld am Pilsensee, einer bevorzugten Wohngegend der Münchner, von 139 000 auf 119 000 Mark und verzichtete auf die Provision.
Die Wiesbadener Filiale der Betreuungs- und Wohnungsbaugesellschaft mbH (Bewobau) offeriert ihre Reihenhäuser in Walldorf jetzt 15 000 Mark billiger als vor einem halben Jahr. Von 35 Walklorf -Häusern sind erst fünf bewohnt.
Auch die Neckermann Eigenheim GmbH zog Konsequenzen. Sie liefert beispielsweise ihre mit Klinker verblendete Fertighaus-Type "Consul" früher 101 900 Mark -- jetzt für 63 575 Mark.
In ihrer Not verhökern viele Baukonfektionäre ihre Standardheime in Kleinst-Raten. So kassiert etwa der Bad Homburger Vorrats-Bauunternehmer Günter Fritz Krebs von 20 Kunden, die ihm seine 110 000-Mark-Häuschen im hessischen Dorf Neuenhaßlau bei Hanau abnahmen, monatlich je 1200 Mark. Er hofft, daß sie die hohe Belastung ihres Familienbudgets zehn Jahre lang durchhalten können. Solange gelten sie als "Kaufmieter".
Der Frankfurter Immobilienhändler Brummermann konnte den schwerfälligen Verkauf seiner "Nordland-Bungalows" (Preis 152 000 Mark) nur dadurch beflügeln, daß er jedem Kunden ein Darlehen von 28 000 Mark gewährte. Die Käufer brauchten nur 10 000 Mark Eigenkapital mitzubringen; branchenüblich war bisher ein Drittel des Kaufpreises.
Mit solchen Finanzierungsmethoden versuchen die Bungalowfabrikanten und -händler, sich über Wasser zu halten. Ober 100 versanken jedoch in der Absatzkrise. Die hoffnungsloseste Insolvenz der Branche baute das Frankfurter Freie Wohnungsunternehmen Veith KG (Konkursforderungen: 4,5 Millionen Mark, Konkursmasse: 24 000 Mark). Zu Veiths ehemaligen Geschäftspartnern gehörten National-Fußballer Lothar Emmerich und der Frankfurter "Eintracht"-Mannschaftskapitän Dieter Lindner. Die Gesellschaft hinterließ 59 unvollendete Eigenheime, aus denen Handwerkertrupps jüngst die Heizungskörper und Installationen wieder herausrissen. In Hannover ging die Firma "Eigener Herd" Bauträger-Treuhand GmbH an ihrer Reihenhauskolonie im Vorort Arnum pleite. Von 30 "eigenen Herden" wurden nur zwei verkauft. Die Münchner Maklerin Brigitte Rottach havarierte an 100 unverkauften Eigentumswohnungen. Sie errichtete in der Nähe der Ingolstädter Esso-Raffinerie für etwa sechs Millionen Mark Wohnwaben, die sie aber nicht absetzen konnte. Deshalb muß sie jetzt ihr Unternehmen liquidieren.
Von Zinsforderungen und unbezahlten Rechnungen erdrückt, mußte die Münchner Baufirma Fremapo Vergleich anmelden. Ihre unverkauften Doppelhaus-Hälften, die im vergangenen Jahr 110 000 Mark kosten sollten, sind jetzt für 85 000 Mark zu haben.
Selbst Hessens größter Baulöwe, Werner Freitag, 44, in Bad Homburg, der während der letzten sieben Jahre für 100 Millionen Mark Wohnungen produzierte, ging in die Knie. Auf seinen Großbaustellen herrscht Grabesstille. Er sitzt auf 1024 Eigenheimen und Eigentumswohnungen, die zum Teil noch im Rohbau stecken.
Wie Freitag bauten noch viele Immobilisten am Markt vorbei. Sie rechneten nicht mit dem Konjunkturtief und unterschätzten ·den weiblichen Widerstand gegen das grüne Witwentum. Während der Mann jeden Werktag in die Großstadt fährt, will die Hausherrin nicht im Dorfmilieu zwischen Baum und Busch verkümmern.
Am Naturpark Vorspessart bei Großenhausen huschen seit einem Jahr ungestört Hasen und Hühner um die komfortablen Atrium-Landhäuser der Firma Mainbau. Nicht eines der handgemauerten Reduits mit Zwerggarten wurde bisher verkauft. Weder die Kaufpreissenkung von 95 000 auf 90 000 Mark noch die Beschränkung auf eine Eigenkapitalleistung von 8000 Mark förderten den Absatz.
Im nördlichen Hamburger Vorort Quickborn erwies sich sogar eine Paradesiedlung, die der amerikanische Stararchitekt Richard J. Neutra entworfen hatte, als kaufmännische Fehlleistung. Von den 67 Komfortheimen aus den Baujahren 1964/65 stehen immer noch fünf leer.
Auch der bisher originellste Werbetrick des Immobilienhandels zog in Quickborn nicht: Um die Abneigung vieler Ehefrauen gegen cityfernes Wohnen zu mildern, ließ die Baugesellschaft 4500 Mark vom Bungalow-Preis ab und empfahl, der "grünen Witwe" dafür einen Familien-Zweitwagen zu kaufen.
Aus ihren verlustreichen Erfahrungen zogen die Manager der überlebenden Bauträgerfirmen die Konsequenz, den Vorratsbau vorläufig zu bremsen. Marktforschungsgesellschaften wurden beauftragt, regional den Bedarf und auch die Wunschvorstellungen der Eigenheim-Interessenten zu testen.
"Wir wagen uns jetzt nur noch an ein neues Großprojekt heran, wenn genügend ernsthafte Bewerber vorhanden sind", sagt das Vorstandsmitglied der Gemeinnützigen Aktiengesellschaft für Angestellten-Heimstätten (Gagfah) Dr. Wilhelm Witter in Essen. "Weiterhin auf Verdacht zu bauen, wäre unverantwortlich."

DER SPIEGEL 33/1967
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 33/1967
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

EIGENHEIME / WOHNUNGS-HALDEN:
Krise im Grünen

  • Doku zu cholesterinreicher Ernährung: Fett for Fun
  • Freizeitpark im Schwarzwald: Karussell ähnelt Hakenkreuzen
  • "Uber Boat": In Cambridge kommt der Kahn per App
  • Archäologie: Jahrtausendealtes Wandrelief in Peru entdeckt