07.08.1967

DER KÖNIG WAR TOT, EHE ER GESTORBEN WAR

Der Sarg hatte die Villa Hügel in den prasselnden Hegen hinaus verlassen. Von draußen war das "Bergmann Glück auf" der Knappenkapelle zu hören. Wie angekündigt, hatte nur der "engste Familienkreis" der Aufforderung von Präses Beckmann ("Und nun lasset uns gehen und den Leib unseres entschlafenen Bruders zu seiner letzten Ruhestatt bringen") Folge leisten dürfen. Die verbliebenen Teilnehmer an der Trauerfeier verharrten im Saal, noch zum Mittelgang gewandt und ein wenig ratlos.
Doch da verschwanden der Katafalk und die Büste des Verstorbenen vom Kopfende des Saals, wie Rauch mit einem Windstoß abzieht. Der Vorhang aus schwarzem Flor, vor dem Katafalk und Büste gestanden hatten, wurde von Geisterhänden in zwei Schals geteilt, die eine sich öffnende Tür freigaben. Und schon drängte die Gesellschaft genau über den Platz hinweg, auf dem noch eben der Sarg Alfried Krupps unter Kränzen und Blumen gestanden hatte, in plötzlich aufquellendem Gespräch zu den im Gartensaal bereitgestellten Erfrischungen, zu Weißwein, Orangensaft und belegten Broten.
Der König war begraben, bevor er in der Erde war. Denn er war auch gestorben, bevor er tot war. Von Flick bis Siemens, von Vits bis Sohl und nicht zuletzt von Abs bis Blessing waren alle zur Leiche gekommen. Die Wirtschaft der Bundesrepublik hatte sich versammelt wie zum letzten Appell. Doch gebrach es der illustren Trauergemeinde an jener unheimlichen-heimeligen Ungewißheit, die sonst die Temperatur der Gefühle an der Bahre eines Mächtigen steigert.
Seit man sich Anfang März auf dem Olymp der Finanzwelt über die Umwandlung des Essener Familienunternehmens in eine Kapitalgesellschaft und in eine Stiftung verständigt hatte, war das Kapitel Krupp für die Männer der harten Zahlen geschlossen. Der Tod des letzten Namensträgers gehörte nunmehr zu den abschließenden, überleitenden Vollzügen und Vorgängen, für die man seine Leute hat und zu denen gelegentlich das Schicksal überraschende Ergänzungen beisteuert.
In Gruppen stand man schon vor der Feier zusammen, unweit des Sarges, doch wurden ("Wenn man sich schon trifft") nicht Leben und Person des Toten in verhaltenem Ton erörtert, sondern Themen, derentwegen es noch Meinung zu erkunden oder zu machen lohnt.
Die Dynastie der Krupps wurde ohne Sentiment zu Grabe getragen. 18 000 Menschen waren am offenen Sarg vorbeigezogen, Den Rednern der Trauerfeier blieb es überlassen, die Landschaft zu füllen, in welche die lautlos-perfekte Organisation des 150jährigen Unternehmens den Tod Alfried Krupps gestellt hatte.
Der Vorsitzende des Gesamtbetriebsrats, Frisch, hoffte auf die "Erhaltung der Kruppschen Sozialleistungen Bei allem Zwang zur Neuordnung sollten wir unseren Stil bewahren". Es gehört in die Legion der Widersprüche um das Haus Krupp, daß ihm von außen immer wieder rüdester Kapitalismus vorgeworfen, jedoch von innen stets soziales Unternehmertum bestätigt worden ist.
Sich der historischen Stunde zu stellen, war der Bundestagspräsident bemüht. Man genierte sich wie oft, wenn man ihm lauscht, weil es einem nicht gelingen will, dem Schönen und Guten zuzustimmen, das er doch auch sagt.
Diesmal schenkte er den Deutschen Ihre Krupps wieder, gipfelnd in einer zivilen Fassung des parlamentarischen "... hat sich um das Vaterland" verdient gemacht" -- "dafür dankt Deutschland an diesem Sarge". Der Präsident schloß diesen Lobpreis einer Bemerkung über den Nürnberger Prozeß an, der Allried Krupp gemacht worden war: "Er verantwortete sich für die Firma und ganz Deutschland."
Am Ende gar stand ein Dank, der über allen Streit um das Haus Krupp mit der Planierwalze rollte: "Wir danken dem Haus Krupp für das, was es in 150 Jahren für viele Deutsche, ja für ganz Deutschland gewesen ist." Für die Familie, "In der sich das Ansehen ganz Deutschlands zum Ausdruck brachte", ein schönes, doch für ganz Deutschland ein heikles, zur Ruhe gekommene Dinge wieder aufrührendes Wort.
Später am Grab fand eine andere Demonstration statt, die in gewisser Weise mit der Unternehmung des Bundestagspräsidenten konkurrierte. Die NPD steuerte einen Kranz bei, dem eigens und in Voraussicht von Schwierigkeiten ein Wächter beigeordnet worden war. "He, lassen Sie den Kranz mal liegen!" fuhr er Personen an, die den ungebetenen Schmuck zu entfernen oder in den Hintergrund zu rücken trachteten. "Dahinten liegt schließlich auch der Kranz von Bulgarien", mahnte der Wächter und spottete: "Wenn die SED hier einen Kranz brächte, könnten Sie auch nichts machen."
Einmal nur, zu Beginn der Feier, war Schmerz, war ein Gefühl zu spüren. Berthold Beitz, der Generalbevollmächtigte, der Freund hatte gesprochen, überlaut, mitunter eine Silbe, einen Buchstaben verlierend oder zerquetschend, in der angestrengten Mühe, Fassung zu wahren, und gequält davon, sprechen zu müssen, wo er nur schweigen mochte.
Doch sonst blieb Alfried Krupp verborgen. Mehr als jeder andere Tote hat er sein Geheimnis mitgenommen. Auch Präses Beckmann konnte im kirchlichen Ausgang wenig über den toten Krupp sagen. Er sprach recht oft von "unserem Bruder" Krupp. Der Himmel wäre vermutlich einverstanden gewesen, wenn einem scheuen Manne von soviel vornehmer Distanz wie Alfried Krupp dies erspart geblieben wäre.
Ihm wäre eine Trauerrede angemessen gewesen wie jene, die der ehemalige Herzog von Gandia als Priester auf Kaiser Karl V. hielt. Er sprach über das Bibelwort: "Wer gäbe mir Federn wie der Taube, daß ich flöge und mich ausruhte? Siehe, ich bin entflohen und in der Einsamkeit geblieben."
Wer am Ende Im Gewühl zwischen den Tischen und Gläsern Glück hatte, geriet an ein Besatzungsmitglied der Krupp-Jacht "Germania VI". Von dem konnte er hören, daß Alfried Krupp an Bord ein Kamerad, herzlich und anteilnehmend war. Ein Schiff ist ein Mikrokosmos, überschaubar, jeder gilt auf ihm danach, was er kann. Was einer hat, zählt nicht.
"Stolze und reiche Worte des Gedenkens haben wir In dieser Morgenstunde gehört", so Präses Beckmann, und "Das Leben unseres entschlafenen Bruders ist durch viel Dunkelheit geleitet worden." Mit "Wagen fünf, bitte vorfahren", in Komplimenten ("Glänzende Organisation, muß ich sagen") und neugierigem Gedränge vor dem Portal der Villa Hügel ging man auseinander. Der Gewitterregen war verebbt, und gedonnert hatte es übrigens an diesem Vormittag nur einmal: genau in dem Augenblick, in dem der Sarg die Villa Hügel verließ.
Unauffällig glitt Arndt von Bohlen und Halbach durch die Feier, neben seiner Mutter Anneliese von Bohlen und Halbach, der ersten, geschiedenen Frau Alfried Krupps, der einzige Sohn des Toten, der durch seinen Erbverzicht die Neuordnung des Familienunternehmens möglich gemacht hat. Als Berthold Beitz ihn in seiner Rede direkt ansprach und den Dank erwähnte, mit dem sein Vater den Verzicht aufgenommen habe, er, der so schwer Dankbarkeit zeigen konnte, rang der junge Mann einmal sichtbar um Fassung.
"The firm we love to hate", lautete einmal eine britische Definition des Hauses Krupp. Sie traf die zwiespältigen Gefühle des Auslands für die Herren an der Ruhr, die nun mit einem ihrer Nobelsten abgetreten sind.
Von Gerhard Mauz

DER SPIEGEL 33/1967
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