07.08.1967

USA / RASSENKRIEG„BLUT IST DICKER ALS DIE ARMY“

Das blinde Schwein ist schuld -- doch nicht allein. Während an der Kreuzung von 12. Straße und Taylor Avenue noch eine dünne Rauchsäule aus den Ruinen aufsteigt, erforschen die Detroiter ihr Gewissen.
Keine amerikanische Stadt wurde durch den Aufruhr des Sommers 1967 so getroffen wie Detroit -- nicht weil es hier die meisten Toten und die größten Brände der amerikanischen Rassenkampf-Geschichte gab, sondern weil Detroit sich fast makellos gefühlt hatte.
Keine amerikanische Stadt erwies ihren Negern so viele Wohltaten. Daß "es" dann trotzdem passierte, erscheint den Detroitern als unglückliche Fügung, fast als administrativer Unfall -- und ist doch zugleich das beste Symptom für die Aussichtslosigkeit des Rassenkampfs.
Das blinde Schwein ("blind pig" -- Slang für illegalen Alkoholausschank) im Haus Nummer 9125 der 12. Straße trägt spezielle Schuld. Hier tagten in der Nacht zum 23. Juli 73 Schwarze, von denen Polizeisergeant Arthur Howison um 1.45 Uhr per Spitzel Witterung erhielt. Zwei Stunden später war die Zechgesellschaft in Polizeiwagen verladen, flog der erste Stein.
Die Detroiter möchten sich den Glauben bewahren, daß "ihre"
Neger so bösartig nicht seien, jedenfalls nicht als Neger. "Diese Leute sind nicht schwarz und nicht weiß, sie sind grün", sagt Thomas E. Brennan, Richter am Obersten Gericht des Staates Michigan.
"Sie sind grün vor Neid auf den Besitz und Komfort ihrer hart arbeitenden, gesetzestreu lebenden Nachbarn." Da etliche der rund 4000 Festgenommenen stattliche Vorstrafen-Kataloge haben, erscheint der Rassenkrieg als Gefängnis-Auf stand.
Gerne erzählt man In Detroit, daß auch weiße Heckenschützen auf die Polizei geschossen hätten. So wurden im Haus Nummer 8047 des John Lodge Freeway fünf Weiße, darunter die 17jährige Elizabeth Grifford, mit fünf Pistolen, fünf Gewehren und etlichen leeren Geschoßhülsen aufgefunden. So half ein schwarzer Plünderer einem weißen Kollegen, der mit dem Hosenbein in einer zerbrochenen Schaufensterscheibe hängengeblieben war, in die Freiheit.
Die Weißen fühlen sich durch weiße Mittäter nicht kompromittiert, sondern erleichtert: Es was gar kein typischer Rassenaufstand, sondern "das erste integrierte Plündern in der Geschichte", bemerkte ein Polizeioffizier.
Die These vom integrierten Plündern rettet die rassische Reputation der Stadt. Negerfreunde wie Negerfeinde finden sich unter der Devise: "Wir haben sogar die Unterwelt integriert." Das festigt das gute Gewissen von Detroit, und den Schwarzen gibt die Gesellschaft weißer Ko-Plünderer das Gefühl, so schlecht nicht zu sein.
Doch die Ruinen zwischen Grand River Avenue und 12. Straße bezeugen, daß der Aufruhr nicht nur eine Revolte der Gesetzlosen gegen das Gesetz war. In diesem Getto wohnen nur Schwarze, aber Weiße unterhalten zahlreiche der ärmlichen Drugstores, Pfandhäuser, Schnaps- und Möbelläden. Sie nehmen oft höhere Preise -- und wurden ausgeräuchert.
Wo ein ganzer Wohnblock flammte, sanken auch die Behausungen der Neger in Asche. Aber das Bekenntnis "Soul Brother" (Seelenbruder), mit Kreide an Tür oder Schaufenster gekritzelt, salvierte den "Meridian Beauty Shop" in der 12. Straße und viele andere Negerläden.
Hunderte von Türen weisen den Bewohner als "Soul Brother" oder Artverwandten aus: manchmal nur als "Soul", einmal als "Pure Soul" (reine Seele), einmal als "Sold Brother" (verkaufter Bruder). Dr. Lloyd Lawson variiert den rettenden Ausweis gar zu "Black Soul" (schwarze Seele).
Wenn die Plünderer schwarzweiß integriert waren -- ihre Objekte waren jedenfalls weiß. Am Chicago Boulevard" wenige Schritte von der 12. Straße (die in Detroit schlicht "die Straße" heißt) entfernt, liegen die einstmals von Weißen bewohnten Prachtvillen der Neger-Aristokratie. Der Mob rührte sie nicht an.
Wenig integriert verlief schließlich die Unterdrückung des Aufruhrs. Ein schwarzer Soldat aus Kalifornien entgegnet auf die Frage, ob er auf Schwarze schießen werde: "Blut ist dicker als die Army." Und ein weißer Nationalgardist gelobt zitternd: "Ich schieße auf alles, was sich bewegt und schwarz ist." Von den 41 Toten sind 33 Neger. Im Wayne County Jail, dem Ortsgefängnis, leuchtet unter den eingepferchten schwarzen Körpern nur ab und zu eine weiße Haut.
Die Detroiter empfinden den Aufstand als unverdienten Unglücksfall, der durch größere Sorgfalt hätte verhindert werden können.
Wenn Polizeisergeant Howison beim Ausräumen des blinden Schweins seinen Wagen nicht vor dem Haupteingang, sondern in einer Seitenstraße geparkt hätte, wäre das Getto nicht aufmerksam geworden. Wenn Oberbürgermeister Jerry Cavanagh nicht als erste Gegenmaßnahme die Öffnung kühlender Schwimmbäder und Gouverneur Romney nicht die Erzeugung kühlenden Kunstregens verordnet hätten, wenn Präsident Johnson schneller Truppen entsandt hätte -- wenn. Beim großen Gewissensputz von Detroit fällt für alle etwas ab, selbst für die Schwarzen.
In der 12. Straße schossen Neger, die gar nicht in den Slums, sondern in den freundlichen Einfamilienhäusern der Nachbarschaft wohnen. In der 12. Straße schrien Neger, sie bekämen keinen Job, obschon sie 175 Dollar die Woche verdienen.
Der Getto-Aufstand pervertierte auch in Detroit von der sozialen Revolte zum Aktivismus der Gewalt. "Es war schön, Baby, so schön, daß ich jedesmal vor Freude aufgeschrien habe, wenn ich einen Polizisten traf", erinnert sich ein 18jähriger Heckenschütze an seinen Krieg.
An der Woodward Avenue, der feudalen Einkaufsstraße, wacht noch alle 50 Meter ein Nationalgardist mit schußbereitem Gewehr. Elegante Negerinnen mit mühsam glattfrisiertem Kraushaar geben durch ihren Gesichtsausdruck zu erkennen, daß sie sich nicht betroffen fühlen.
Weiter oben, an der Frontseite des 20stöckigen City County Building, verkündet Detroits riesiges goldenes Stadtwappen mit amerikanischer Unbefangenheit: "Speramus meliora" -- "Wir hoffen auf bessere Zeiten."

DER SPIEGEL 33/1967
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