07.08.1967

USA / RASSENKRIEG„ICH HAB' MIR DREI PRIMA UHREN BESORGT“

Vier Tage lang zog John Dotson, farbiger Reporter des amerikanischen Nachrichtenmagazins „Newsweek“, mit schwarzen Aufrührern durch Detroit. Er berichtet:
Vor einer Ladenfront auf dem West Grand Boulevard lungerten am Abend etwa ein Dutzend Neger herum. Plötzlich, wie auf ein Kommando, traten einige der Burschen die riesigen Schaufensterscheiben eines Ladens ein, die übrigen stürmten die schweren Eisengitter vor den Schaufenstern anderer Geschäfte.
Beim ersten Scheibenklirren kamen krakeelende junge Burschen und Männer von der anderen Straßenseite herübergestürzt. Die magersten Jungen schlängelten sich unter den Eisengittern durch, während die anderen das Gestänge aus der Wand rissen. In Sekunden wuchteten sie die Gitter aus den Angeln.
Scharenweise drangen Leute durch die zertrümmerten Schaufenster in die Läden und kamen wenig später, bepackt mit Kleidern, Mänteln, Hemden und Schuhen, wieder heraus. Sie zogen Schaufensterpuppen aus, rissen ihnen die Glieder ab und warfen die Rümpfe auf die Straße. Aus einem Möbelgeschäft rannte ein langbeiniger Mann mit zwei riesigen Kristalllüstern in der Hand. Ein anderer quälte sich mit einem mächtigen Polstersessel durch ein Schaufenster.
Die Plünderer räumten die Geschäfte so schnell und so gründlich aus, daß die Beute schon nach zehn Minuten knapp wurde. Ein paar Jungen begannen, herumliegende Schuhe aufzusammeln, um wenigstens ein passendes Paar zu ergattern.
Volle 20 Minuten ließ sich die Polizei nicht blicken. Als dann fünf Mannschaftswagen in Sicht kamen, verdrückten sich die Plünderer. Die Polizisten standen zunächst ratlos herum -- sie hatten die Hauptsache verpaßt. Plötzlich jedoch stürzten Cops auf die Zuschauer los und zerrten zwei Jungen aus der davonstiebenden Menge.
Mit dem Gewehrkolben traktierte ein junger Cop das Kinn eines Bürschchens, das gar nicht geplündert hatte und nur hinter den Flüchtenden hergezockelt war. Der Junge fiel hin, schon war der Cop über ihm und schlug erneut mit dem Gewehrkolben zu. Wummwumm-wumm.
Ein Neger, der neben mir stand, ein kräftiger Mann, geriet außer sich. "Jetzt gehe ich nach Haus und hole meine gottverdammte Kanone", keuchte er und rannte weg.
Ein Plünderer, der sich einen großen Klubsessel ausgesucht hatte, winkte inzwischen einem Taxi. Der Chauffeur war bereit, Dieb und Beute zu befördern, aber der Sessel paßte nicht in den Wagen. Der Taxifahrer sagte, es täte Ihm leid, fuhr weg und ließ den Plünderer wütend am Straßenrand stehen.
Wieder ein anderer schleppte sich mit einer ganzen Rinderhälfte ab. "Was willste denn damit?" fragte ein Eckensteher, als der Fleischhamsterer vorbeikeuchte. "Ich hab' schon immer Schlachter werden wollen!" antwortete der.
Die größte Unverschämtheit leistete sich ein Team, das eine dreiteilige Wohnzimmergarnitur auf dem Dach und im Kofferraum eines Bulck 1967 verstaute.
Auch die Wohlhabenden wurden vom Plünderfieber angesteckt. Ein 26jähriger Neger, der bei Ford durchschnittlich 160 Dollar die Woche verdient, sagte mir: "Die Cops sind nicht gleich gekommen, und da hat sich jeder was genommen. Und so hab' ich mir eben dieses Radio und einen Fernseher geschnappt. Wir haben die Dinger in den Wagen gestellt und sind abgehauen. Ich glaube, ich hätte nichts genommen, aber, mein Gott, wenn das alles so daliegt, warum soll man nicht zugreifen?"
Ein Mann kam mit einer Karre und schaffte damit eine dunkelgrüne, doppeltürige Kombination von Kühlschrank und Tiefkühltruhe weg. "Was geben Sie mir dafür?" fragte er mich. "Ich liefere sie Ihnen für 50 Dollar frei Haus, wenn's nicht gar zu weit ist." Das Preisschild hing noch am Türgriff: $ 599.
Zwei Tage später, als die Plünderer allmählich genug hatten, gingen die Hehler an die Arbeit. Nichts kostete mehr als zehn Dollar, und manche Kleider bloß 50 Cent.
Ich unterhielt mich gerade mit einem Teenager, da schlenderte ein anderer Junge heran, ein wahrer Riese. "Mensch", sagte er, "bei Oakman ist alles offen. Bei Oakman plündern sie von oben bis unten."
"Was Ist denn noch übrig?" fragte mein Gesprächspartner.
"Ich weiß nicht genau, aber Ich hab' mir drei prima Uhren besorgt. Richtig gute, Mensch. Longines und Benrus."
"Mensch, ich brauch' auch 'ne neue Uhr. Gehen wir hin."
Bis Oakman waren es vier Querstraßen, und wir beeilten uns, aber kurz vor Oakman kamen drei Polizeiwagen mit Blaulicht angerast.
"Huh", sagte der Junge, der mich mitgezogen hatte, "so dringend brauch, ich die Uhr auch wieder nicht. Geben wir's auf." Und so kauften wir uns bloß zwei Flaschen Brause.
Von John Dotson

DER SPIEGEL 33/1967
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