07.08.1967

MEDIZIN / KENNEDY-KRANKHEITEnträtselte Bräune

Die Herausgeber der renommierten US-Mediziner-Zeitschrift "Journal of the American Medical Association" ("Jama") zögerten, den Beitrag zum Druck freizugeben. Nicht weil er medizinisch fragwürdige Thesen enthalten hätte -- er barg politischen Zündstoff.
Seit der Artikel, verfaßt von Dr. John Nichols, Pathologe an der Universität von Kansas, letzten Monat erschien, diskutiert Amerika von neuem, ob die Krankheit eines Regierungschefs seine Privatsache oder eine Angelegenheit der Nation sei. Die Diskussion entzündet sich am Leiden John F. Kennedys.
Gerüchte, daß der Millionärssohn aus Boston an einer Hormon-Störung, der sogenannten Addisonschen Krankheit, laboriere, hatten John F. Kennedy seit Beginn seiner politischen Karriere begleitet -- von ihm selber und seinem Clan halb bestätigt, aber auch verschleiert und dementiert.
In einer ungewöhnlichen detektivischen Puzzle-Arbeit spürte nun Mediziner Nichols Einzelheiten über jene Erkrankung auf. Danach steht nunmehr außer Zweifel, in welchem Umfang Kennedy -- neben seinen Sport- und Kriegsverletzungen an der Wirbelsäule -- mit dem umstrittenen Nebennieren-Leiden belastet war.
Die nach ihrem Entdecker, dem englischen Arzt Thomas Addison (1793 bis 1860), benannte Krankheit beruht auf einem Versagen zweier lappenartiger Drüsen oberhalb der Nieren. Normalerweise produzieren diese Nebennieren eine Vielzahl lebenswichtiger Hormone. Bei Addison-Kranken sind sie ganz oder teilweise zerstört. Typische Anzeichen: Muskelschwäche und Kälteempfindlichkeit, Gewichtsabnahme und Braunfärbung der Haut ("Bronzehaut-Krankheit"); aber auch Teilnahmslosigkeit, Gedächtnisschwäche und Gedankenträgheit können die Folge sein.
Seit langem war bekannt, daß Kennedy kurz nach dem Zweiten Weltkrieg drei Jahre lang mit einem Mittel behandelt worden war, das Addison-Kranke vor den Folgen des Hormon-Mangels, vor Siechtum und Tod bewahrt -- mit dem synthetischen Nebennieren-Hormon Cortison.
Kennedy selbst, so berichtete sein Mitarbeiter und Biograph Theodore C. Sorensen, sprach später, wenn überhaupt, nur mehr von einer "teilweisen Insuffizienz" seiner Nebennieren, die "durch einfache Einnahme von Medikamenten" ausgeglichen werde.
Und Bruder Robert Kennedy veröffentlichte während des Wahlkampfes um die Präsidentschaft ein ärztliches Attest, das dem damaligen Senator bescheinigte: "Die Tests vom Dezember 1958 zeigen, daß Ihre Nebennieren funktionieren."
Gleichwohl äußerten politische Gegner und Zeitungsleute immer wieder den Verdacht, John F. Kennedy sei Addison-krank. So fragte einmal ein mißtrauischer Reporter, ob Kennedys gleichbleibend braune Haut nicht das Zeichen eines Nebennieren-Leidens sei. Zum Beweis, daß seine Bräune Sonnenbräune sei, wies ihm Kennedy (laut Sorensen) "einen ungebräunten Körperteil".
Soweit möglich, suchten die Kennedys derlei Anwürfen vorzubeugen. Aus diesem Grund auch, so enthüllte später Sorensen, hielten Familie und Mitarbeiter Kennedys "während seiner Senatorenzeit -- außer den zwei Operationen von 1954/55 -- alle Krankenhausaufenthalte geheim".
An eben diese einzig bekanntgewordene Folge von Kennedy-Operationen knüpfte nun Medizin-Detektiv Nichols seinen Indizienbeweis.
Der Pathologe blätterte in alten "New York Times"-Bänden und fand die einschlägigen Meldungen: Am 21. Oktober 1954 habe sich Senator Kennedy, damals 37, in dem New Yorker "Hospital for Special Surgery" einer komplizierten Rückgrat-Operation unterzogen. Vier Monate später folgte ein Bericht, daß die dabei eingesetzte Metallplatte wieder habe entfernt werden müssen.
Dann aber machte Nichols seinen entscheidenden Fund. In den Annalen der amerikanischen Chirurgen, den "Archives of Surgery" vom November 1955, entdeckte er einen Operationsbericht von Dr. James A. Nicholas, Chirurg am "Hospital for Special Surgery" in New York. Der Name des Patienten war, ärztlicher Schweigepflicht gemäß, ungenannt geblieben. Einzige Angabe: ein 37jähriger Mann.
Dem Patienten, so berichtete Operateur Nicholas, war bei einem Eingriff am Rückgrat eine Metallplatte eingesetzt worden; vier Monate später habe sie wieder entfernt werden müssen. Doch der Chirurg berichtete auch: "Der Nebennieren-Schaden des Patienten aufgrund einer Addisonschen Krankheit ließ es gefährlich erscheinen, die Operation auszuführen."
Der von Chirurg Nicholas beschriebene Unbekannte hatte nach dem ersten Eingriff unter Komplikationen zu leiden. Von John F. Kennedy ist bekannt, daß der Rückgrat-Operation von 1954 eine schwere Infektion folgte. Kennedy-Biograph Arthur M. Schlesinger: "Er empfing die Sterbesakramente."
Nachforscher Nichols schloß: Der unbekannte Addison-Kranke und John F. Kennedy seien zweifellos ein und dieselbe Person. Und während Kennedy-Chirurg Nicholas weiterhin auf seiner ärztlichen Schweigepflicht beharrte, erhob Medizin-Detektiv Nichols den Vorwurf, die Öffentlichkeit sei über das Leiden des Politikers nicht unterrichtet worden.
Nach allen Regeln medizinischer Dokumentation aber, so rügte Nichols, hätten die Einzelheiten des Addison-Befundes spätestens im Warren-Report, dem offiziellen Bericht über den Präsidenten-Mord, auftauchen müssen; bei der Autopsie der Kennedy-Leiche hätten sich Grad und womöglich auch Ursache des Nebennieren-Leidens eindeutig feststellen lassen.
Daß statt dessen der umstrittene Bericht der Warren-Kommission in diesem Punkt "merkwürdigerweise keinen Hinweis" (Nichols) enthält, stimmte den Addison-Forscher bedenklich.
Nichols: "Diese Lücke im Bericht kann als zufällige oder beabsichtigte Unterlassung bei der Autopsie gedeutet werden." Zweite Möglichkeit, laut Nichols: "Autopsie-Befunde und klinische Dokumente wurden unterdrückt -- von den Angehörigen Kennedys, von Regierungsstellen oder auch von beiden."

DER SPIEGEL 33/1967
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