12.06.1967

ZEITGESCHICHTE / NS-RUNDFUNKPROPAGANDABessere Ordnung

Am 19. April 1941 warnte der Sender "Vaterland" die Athener: "Nehmt keinen Tropfen Wasser auf die Lippen. Beamte des englischen Geheimdienstes haben den Marathon-See von der Nordost-Seite her mit Typhusbazillen infiziert."
Und zwei Tage später prophezeite "Vaterland", das Briten-Kontingent, das den Griechen 1940 gegen die italienischen Aggressoren zu Hilfe gekommen war, werde sich demnächst nach Ägypten absetzen. " Bei ihrer Flucht ... wollen sie die Ehefrauen und Kinder von Offizieren und Mannschaften von 65 griechischen Handelsschiffen als Geiseln mitschleppen."
Diese und 21 weitere Sprüche hatte der Mitarbeiter der Rundfunkpolitischen Abteilung des Auswärtigen Amtes, von Niebelschütz, im April 1941 für den Sender "Vaterland" -- eine der zahlreichen Geheimstationen der NS-Propaganda ersonnen, um "den Zusammenbruch des militärischen griechischen Widerstandes durch Rundfunkpropaganda vorzubereiten".
Wie stets, schickte Niebelschütz Durchschläge seiner Texte an den Leiter der Rundfunkpolitischen Abteilung des AA, den Gesandten Gerd Rühle, und dessen Stellvertreter, den Rechtsanwalt Kurt Georg Kiesinger, heute Bundeskanzler.
Aufbau, Tätigkeit und personelle Besetzung der Rundfunkpolitischen Abteilung des AA sind Gegenstand des kürzlich im Wiener Europa Verlag erschienenen Dokumenten-Bandes "Mißbrauchte Mikrofone"*. Herausgeber der Akten-Publikation ist der Ost-Berliner Reimund Schnabel -- laut Verlagsmitteilung erst Gymnasiast und HJ-Führer, dann Wehrkraftzersetzer und KZ-Häftling. Heute ist Schnabel Mitglied der Ost-CDU und Schriftsteller ("Macht ohne Moral"). Er veröffentlicht im wesentlichen das gleiche Material, das SED-Propagandachef Al-
* Reimund Schnabel: Mißbrauchte Mikrofone". Europa Verlag, Wien; 512 Seiten; 37,50 Mark.
bert Norden schon am 22. November 1966 auf einer Ost-Berliner Pressekonferenz publik gemacht hatte.
Norden startete seine Aktion, um Kiesinger, den die Christdemokraten gerade zum neuen Bundeskanzler küren wollten, als "Organisator der faschistischen psychologischen Kriegführung" zu entlarven. Und Schnabel versucht nach der Wahl den gleichen Eindruck auf andere Weise zu suggerieren: Im Index seines Buches verweist er 85mal auf Kiesinger, aber nur 59mal auf dessen Vorgesetzten Rühle, 28mal auf AA-Chef Joachim von Ribbentrop und 17mal auf den obersten NS-Propagandisten Joseph Goebbels.
Allein: 46mal taucht der Name Kiesinger lediglich in dem auf den Schriftstücken vermerkten Verteilerschlüssel auf, 29mal wird er nur am Rande erwähnt, während nur zehn -- meist unbedeutende -- Berichte von Kiesinger verfaßt wurden.
Tatsächlich war Kiesinger im Dritten Reich kleiner, als ihn Norden und Schnabel machen -- er war nicht einmal befugt, auf den täglichen Geheimkonferenzen im Reichspropagandaministerium Fragen an Goebbels zu richten. Aber er war nicht so klein, wie er sich selbst heute gern sieht.
Kiesinger -- NSDAP-Mitglied von 1933 bis 1945 -- war laut "Geschäftsübersicht des Auswärtigen Amtes" vom September 1943 Stellvertretender Leiter der Rundfunkpolitischen Abteilung des AA und Leiter der Referate Ru A ("Referat Rundfunkeinsatz: internationale Rundfunkbeziehungen und rundfunkrechtlich-technische Rundfunkangelegenheiten") und Ru B ("Allgemeine Propaganda, Koordinierung der Arbeit der Länderreferate, Verbindungsmann zum Propagandaministerium").
Als Rechtsanwalt Kiesinger, damals 36 Jahre alt, im Jahre 1940 vom Auswärtigen Amt dienstverpflichtet wurde, befand sich die Rundfunkpolitische Abteilung noch im Aufbau: AA-Chef von Ribbentrop vermochte es nicht, sich gegenüber seinem Minister-Kollegen Goebbels durchzusetzen, der gerade erfolgreich in den Äther-Krieg eingegriffen hatte: Während des Frankreich-Feldzuges lösten die von ihm gelenkten "G-Sender" (Geheimsender) eine Panik unter den französischen Soldaten aus.
Da eine Einigung zwischen den Ministern nicht zustande kam, legte sich das Auswärtige Amt in Berlins Wilhelmstraße ein Mini-Propagandaministerium zu, während am Wilhelmsplatz im Propagandaministerium eine AA-Filiale entstand. Und als Ribbentrop schließlich Störaktionen ersann, um den Promi-Chef auf die Inland-Propaganda zu beschränken, beschwerte sich Goebbels über den Chef der Reichskanzlei, Reichsminister Dr. Hans Heinrich Lammers, bei Hitler.
Am 16. Juni 1941 schrieb Goebbels: "Das AA macht meinen Mitarbeitern, die zur Betreuung propagandistischer Aufgaben ins Ausland reisen sollten, jede erdenkliche bürokratische Schwierigkeit bei der Genehmigung der Reise."
Die Goebbels-Beschwerde führte ein Vierteljahr später zu einem Arrangement, wenngleich nicht zum Ende der Reibereien: Am 22. Oktober 1941 gründeten Propagandaministerium und Auswärtiges Amt die "Deutsche Auslands-Rundfunk-Gesellschaft" (Interradio AG), deren Aufgabe es sein sollte, den "Kampfeswillen der feindlichen Bevölkerung" zu schwächen und so "zur Vernichtung des Gegners" beizutragen. Beide Ministerien entsandten Vertreter in den Aufsichtsrat; das AA schickte Kiesinger.
AA-Referent Kiesinger erhielt einen Spezialauftrag innerhalb der psychologischen Kriegführung. Ihm oblag, wie Rühle damals anordnete, "im Zusammenwirken mit der Leitung der Interradio und mit der Nachrichten- und Programmabteilung die Vermittlung der allgemeinen außenpolitischen Propagandarichtlinien".
Während Interradio ausländische Sender kaufte oder sich an ihnen finanziell beteiligte, um die deutsche Stimme zu erheben, berieselten Propagandaministerium und Auswärtiges Amt die Bevölkerung des feindlichen oder unfreundlichen Auslandes über Geheimsender der sogenannten Concordia-Gruppe.
So strahlte der Sender "Concordia N" in einwandfreiem Kings-Englisch auftragsgemäß "nationale, den Empire-Gedanken betonende, gegen Churchilis Abenteurerpolitik gerichtete Zersetzungspropaganda mit pazifistischem Unterton" aus, während "Concordia S" im Ost-Londoner Cockney versuchte, britische Arbeiter zu "Unruhe und Unfrieden" aufzuwiegeln
Was im Auswärtigen Amt und im Propagandaministerium für den Ätherkrieg erdacht wurde, erfuhr umgehend und stets AA-Referent Kiesinger. Zumeist waren es Lappalien. -- So wurde Kiesinger am 8. Mai 1941 informiert, daß "die Erfahrungen der letzten Schnellaktion anläßlich der Führerrede zeigen, daß in der sprachlichen Bearbeitung und der nachrichtentechnischen Auswertung keine restlose Klarheit besteht".
Am 24. Mai 1941 wurde ihm mitgeteilt, die "im Asienprogramm ausgesandte Kinderstunde "Familie Fröhlich und Ilse Obrig singen und erzählen"" werde in Schanghai erst um 20.45 Uhr ausgestrahlt -- "zu einem Zeitpunkt, in dem das Publikum, an das sich diese Sendung wendet, schon schläft".
Am 6. August 1942 erfuhr Kiesinger, das zu Interradio gehörende Gebäude von Radio Continental in Montevideo sei "in früher Morgenstunde durch Bombenattentat ... zerstört" worden. Und am 4. November 1943 wurde dem AA-Referenten mitgeteilt, daß demnächst besondere Nachrichtensendungen für britische und amerikanische Soldaten ausgestrahlt werden sollten: "Die Sendungen werden die etwas kindliche Sentimentalität der Engländer und Amerikaner ansprechen, das Gefühl des Heimwehs erwecken und wachhalten müssen."
Aber so lückenlos Kiesinger auch unterrichtet wurde, so selten ersann er, den Dokumenten nach zu urteilen, eigene Propaganda-Initiativen Die Deutsche Gesandtschaft in Kopenhagen berichtete am 26. Februar 1941: "Der Reichsrundfunk ... hat ... dem dänischen Opernsänger Jörgen Ulrich Bendix ... mitgeteilt, daß er am 9. März 1941 bei einem Wunschkonzert in Berlin mitwirken solle. Da Bendix Halbjude ist, habe ich gegen die Erteilung des Sichtvermerks für diesen Zweck erhebliche Bedenken." Kiesingers Anmerkung: "Wurde nach Rücksprache mit Promi abgeblasen."
Am 3. Juni 1941 rügte Kiesinger: "Die RRG (Reichsrundfunkgesellschaft) hat den schwedischen Staatsangehörigen Molund ... über den Sender Königsberg sprechen lassen. Entgegen der bestehenden Vereinbarung ist das Auswärtige Amt ... mit der Angelegenheit nicht befaßt worden. Wäre dies geschehen" so wäre in Anbetracht der politischen Position Molunds in Schweden sein Einsatz als unzweckmäßig bezeichnet worden." Über diesen Vorfall informierte Kiesinger auch Legationsrat Dr. Schirmer von der Rundfunkpolitischen Abteilung (siehe Faksimile Seite 60). Und am 4. April 1942 bat er "um gefällige Überweisung der Aufsichtsratvergütungen auf mein Postscheckkonto Berlin 1283". Die Bezüge beliefen sich auf 40 Reichsmark monatlich.
Auf einer Sitzung von Interradio protestierte Kiesinger am 8. Februar 1943, "die politische Propaganda im Auslande sei ausschließlich Sache des Auswärtigen Amts" -- was den Referenten des Reichspropagandaministeriums, Noack, veranlaßte, seinen Kollegen vom AA zu rügen. Noack schrieb: "Die gesamten ... Differenzen werden nur genährt aus dieser, von Herrn Kiesinger geäußerten Einstellung."
Andere Kiesinger-Dokumente fehlen allerdings in Schnabels Aktenübersicht: Schnabel durchforschte nur die DDR-Bestände, nicht aber die in der Bundesrepublik verwahrten AA-Dokumente, obgleich beispielsweise das Koblenzer Bundesarchiv ihm Einsicht gestattet hatte.
So entging Schnabel ein Bericht des AA-Referenten Kiesinger vom 21. August 1940 "über eine Fahrt mit Rundfunkberichterstattern durch Belgien, Frankreich und das Elsaß". Darin resümierte Kiesinger: "Die Reportagen verfolgten den Zweck 1) den Hörern einen Eindruck zu geben von der unwiderstehlichen Kraft der deutschen Waffen im Kriege und 2) von der Haltung und Leistung des Siegers während des Krieges und nach Beendigung der Kampfhandlungen."
Reiseleiter Kiesinger, dem es oblag, ausländische Rundfunkleute durch das besetzte Ausland und durch Deutschland zu führen sowie unter anderen auch Visiten in Kriegsgefangenenlagern zu arrangieren, beanstandete die politische Qualifikation der Berichterstatter: "Es war nichts geschehen, um ... die Schilderungen über die Reise zu einem einheitlichen Ganzen mit einer bestimmten Zielsetzung zusammenzufassen."
Am 15. Dezember 1941 referierte Kiesinger über eine "Besprechung in der Auslandsabteilung des Propagandaministeriums über die künftige Gestaltung der Propaganda nach Amerika". Der AA-Referent notierte Maximen wie: "Nicht das amerikanische Volk, sondern Präsident Roosevelt wird angegriffen (R. der Kriegsstifter, R. treibt persönliche Machtpolitik, R. und die Juden Und: "Dem amerikanischen Volk soll beigebracht werden, daß es einem einzigen unbesiegbaren Europa gegenübersteht, in welchem eine neue und bessere Ordnung im Entstehen ist."
Unter dem Stichwort "Propagandistische Behandlung feindlicher Luftangriffe" warnte Kiesinger am 20. Oktober 1942: "Der Ausländer darf keinesfalls (neben einer erhofften inneren Ablehnung der Zerstörung ziviler Güter) den Eindruck erhalten, daß die englische Luftmacht der deutschen überlegen sei."
Nach der Landung amerikanischer Soldaten in Marokko und Algerien beurteilte Kiesinger die Lage im Äther-Krieg als "nicht ungünstig". Unter dem 5. Dezember 1942 schrieb er: "Das Schlagwort für diesen Krieg als "the rich man's war, the poor man's fight' ist dieser Truppe nicht fremd." Und die Mitteilung eines Gewährsmannes, wonach die Kampfmoral der GIs erheblich absinken würde, wenn man sie überzeugte, daß sie in deutscher Gefangenschaft nicht "gequält und erschossen" würden, kommentierte der AA-Referent: "Diese Auffassung ist meines Erachtens richtig. Der Inhalt der an die amerikanischen Truppen gerichteten Rundfunksendungen müßte daher so bestimmt sein, daß die Soldaten den Eindruck gewinnen, mit den Deutschen lasse sich leben."
Noch bevor ein Teil der AA-Dokumente Ende vorigen Jahres von SED-Propagandist Norden publik gemacht worden war, verstörten den damaligen Kanzler-Kandidaten Berichte über seine AA-Vergangenheit so sehr, daß er erwog, seine Kandidatur zurückzuziehen.
Zu Vertrauten sagte er: "Das stehe ich nicht durch."
Da wurde ein Dokument publik, das er noch nicht kannte: der Bericht eines AA-Kollegen für das Reichssicherheitshauptamt vom November 1944, in dem Kiesinger der Judenfreundlichkeit beschuldigt wurde. "In der Rundfunkpolitischen Abteilung des Auswärtigen Amtes, der ich angehöre", hieß es darin, "ist es ... Kiesinger, der nachweislich die antijüdische Aktion hemmt." Kiesinger ließ die Abschrift sofort abschreiben, vervielfältigen und allen CDU/CSU-Bundestagsabgeordneten zustellen. Dann stand er es durch.

DER SPIEGEL 25/1967
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