27.02.1967

KIRCHE / FASTENStrenge Bräuche

Fleisch am Freitag bleibt deutschen Katholiken weiterhin verwehrt, obwohl es den Gläubigen in den meisten Nachbarländern neuerdings erlaubt ist.
Der freitägliche Fleischverzicht war für die Katholiken in aller Welt "zu einem konfessionellen Erkennungszeichen und damit zu einem sichtbaren Bekenntnis geworden" -- so der Limburger Weihbischof Walther Kampe. Mit dieser Tradition brach Papst Paul VI. Er gab die Tisch-Sitten frei, die bis dahin der Heilige Stuhl geregelt hatte:
Die jeweiligen nationalen Bischofskonferenzen, so bestimmte der Heilige Vater, dürften fortan selbst "die Normen festsetzen, die sie in ihrem pastoralen Eifer und in ihrer Klugheit sowie aus direkter Kenntnis der lokalen Verhältnisse für die geeignetsten und wirksamsten halten".
In vielen Ländern beeilten sich die Bischöfe, die Fleischabstinenz am Freitag aufzuheben. Die Österreicher beispielsweise forderten ihre Gläubigen zu einem "Verzicht nach eigener Wahl" auf. Das könne, wie die Exzellenzen erläuterten, ein Fleischverzicht ebensogut sein wie "Verzicht auf Nikotin und Alkohol, Verzicht auf Eis und Süßigkeiten, maßvoller Gebrauch von Radio und Fernsehen". Am besten verzichte jeder "auf jenes Gut, das die Gefahr der Süchtigkeit mit sich bringt".
Ähnliche Bestimmungen veröffentlichten die Bischöfe auch in den USA, in Frankreich, Belgien, Holland, Italien und zahlreichen anderen Ländern. Die neuen Fasten-Regeln wurden ausnahmslos vom Heiligen Stuhl genehmigt und nur gelegentlich von der heimischen Fischwirtschaft getadelt. In Belgien beispielsweise befürchten die 30 000 Fischer und Fischhändler, wie ihr Sprecher verlautbarte, einen Umsatzrückgang um 25 Prozent. Der Bischof von Brügge, De Smedt, rief seine Gläubigen daraufhin auf, in der diesjährigen Fastenzeit (vom Aschermittwoch bis Karfreitag) noch beim Fisch zu bleiben -- "nicht wegen des Gesetzes, sondern wegen der Nächstenliebe".
Nur die deutschen Bischöfe waren nicht bereit, das Fleischverbot für die Freitage aufzuheben. Döpfner: "Das ist eine Ermessensfrage. Das kann man so· und so sehen. Die Deutschen sahen es anders und fasten anders als die anderen Europäer. Döpfner über den Unterschied: "Dort ist einfach gesagt, Freitag ist Bußtag, und es soll jeder nun sich ein Bußwerk aussuchen. Wir sagen, Freitag ist Bußtag, und grundsätzlich soll jeder Katholik in der bisherigen Weise auf den Fleischgenuß verzichten."
Immerhin: "Beiläufig" (Weihbischof Kampe) wurden die zahlreichen alten Dispens-Regeln aufgehoben, nach denen bislang beispielsweise Schlachter, Gastwirte, Schaffner, Urlauber. Schwerarbeiter und Kantinen-Esser freitags nicht auf Fleisch verzichten mußten. Künftig darf jeder deutsche Katholik selbst entscheiden, ob die Abstinenz -- so der Fachausdruck -- "angängig" oder "nicht angängig" ist.
Auf nähere Erläuterungen ließ sich Kardinal Döpfner nicht ein, als er die neuen Bestimmungen kommentierte. Döpfner: "Wenn wir nun anfangen und machen hier eine Kasuistik, dann würden wir uns ja vollends blamieren."
Freunden des Nikotins und des Starkbiers gegenüber zeigte sich der Münchner Kardinal liberal. Auf die Frage, ob Rauchern ein freitäglicher Nikotinverzicht empfohlen werden solle: "Wissen Sie, es gibt ja auch Raucher, bei denen muß man sagen: Mit dem Freitag schaffst du es ja gar nicht, da gehst du ja einfach ein. Du bist so widerwärtig, daß dein ganzes Büro sagt: Wenn er doch rauchen würde, damit er erträglich würde. Die Frau sagt: Rauch! Das muß jeder selbst entscheiden."
Und über den Starkbieranstich in der Fastenzeit urteilte der Oberhirte: "Vor Jahren war eine große Diskussion über den Starkbieranstich. Man kann darüber so und so denken. Also ich bin der Meinung, daß ich als Bischof hier, wie sich das Ganze bei uns entwickelt hat, nicht sinnvoll etwas dagegen sagen kann."
Der Streit, auf den Döpfner anspielte, hatte sich 1962 ereignet, als Alois Hundhammer, Anführer des schwarzen CSU-Flügels und Ritter vom Heiligen Grabe, an einem Freitag in der Fastenzeit bei der traditionellen "Vorprobe" des Salvator-Starkbiers vor dem Anstich mitmachte und überdies statt des von der Kirche und dem Wirt empfohlenen Fischs (Matjesfilet oder Goldbarsch) lieber Fleisch aß: vier Weißwürste. * Bei der Salvator-Vorprobe 1962 in München.

DER SPIEGEL 10/1967
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