25.04.1966

Datum: 25. April 1966 Betr.: Gruseln

Datum: 25. April 1966 Betr.: Gruseln
Bruno Kreisky, dieser im deutschen Sprachraum unvergleichliche Staats-Gentleman, hat er nicht am Ende sein Ministeramt am Wiener Ballhausplatz durch unbedachtes Hantieren mit SPIEGEL-Sprengstoff selbst in die Luft gepulvert? Nun sitzt er hinter dem Burgtheater im sozialistischen Parteihaus und begrüsst den SPIEGEL (siehe SPIEGEL-Gespräch Seite 138) als "Sieger" im Streit um den politischen Wert der Grossen Koalition in Österreich, die der SPIEGEL unter der Motivation "Modell für Bonn?" drei Wochen vor der letzten Bundestagswahl als "totalitäre Demokratie" und "Teufelskreis von Proporz-Posten" abgehandelt hatte (SPIEGEL 36/1965). Der Wasserkanten-Devise "Ganich ignorieren" zuwider, forderte damals Kreisky den SPIEGEL auf schwere Argumente vor die Kameras des österreichischen Fernsehens zu einer Mensur, die am 1. Dezember 1965 den Kampf um die österreichische Parlamentswahl vom 6. März 1966 einleitete. Es wurde eine politische Fiesta, wie sie Wien selten erlebt. ("Die Welt": "Hunderttausende sassen bis Mitternacht an den Fernsehschirmen. Vietnam und die Weltpolitik waren vergessen.") Im SPIEGEL entdeckte das Volk an
seiner Regierungskoalition Geist vom Geiste des Herrn Karl; und auf die Frage, ob Ausländer in ihnen Herrn Karl erkennen, sind Österreicher - in der Fernsehdiskussion erwies es sich - ansprechbar. Zwar, Kreisky sprach sich im Fernsehen selbst Mut zu: "Beide Parteien gehen in die Wahlen und treten für die Fortsetzung dieser Zusammenarbeit ein, und das Volk wählt sie." Aber die bürgerliche ÖVP trat dafür ein, den Proporz zu sprengen (also die Koalitionsvereinbarung aufzulockern), und das Volk wählte ÖVP. Sie erzielte soviel Mandate wie seit zwanzig Jahren nicht, und mit elf Mandaten Abstand den grössten Vorsprung vor der SPÖ seit Kriegsende (1953/1956 und 1959/1962: ein Mandat). Nicht nur der Proporz, sondern gleich die ganze Koalition wurde gesprengt. Kreisky, der in der Fernsehdiskussion die blutigen Wirren des Jahres 1934 mit Sozialisten-Verbot und dem Aufgehen der Christlichsozialen in der faschistoiden "Vaterländischen Front" als Mahnung zu unverbrüchlicher christlich-sozialistischer Koalition beschworen hatte, war damit unter den persönlichen Verlierern der Wahl. Im Fernsehen schon hatte der parteilose Chefredakteur Otto Schulmeister gemurrt: "Wir sollten doch die Alten mit ihren Problemen und mit ihrem 'Wie war das doch im vierunddreissiger Jahr?' sich selbst und ihren Stammtischen überlassen." Ins Gruselkabinett verwies der österreichische Wähler die Alternative "Koalition oder Bürgerkrieg", und nicht die SPIEGELung einer durchproportionierten Demokratie.
Die Furche, Wien

DER SPIEGEL 18/1966
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