25.04.1966

BRIEFWECHSELUnter Kontrolle

Der Kommunist kam von links, von rechts kam der Sozialdemokrat. Auf der Bühnenmitte im Berliner "Admiralspalast" verharrten Wilhelm Pieck, KPD, und Otto Grotewohl, SPD, im historischen Schritt und drückten einander die Hände. Wenig später sächselte der Genosse Walter Ulbricht das Jubilate: "Mit dem heutigen Tage gibt es keine Sozialdemokraten und keine Kommunisten mehr, mit dem heutigen Tage gibt es nur noch Sozialisten."
An einem sonnigen Frühlingstag, dem 21. April 1946, war die SED geboren (siehe Seite 50). Zwanzig Jahre danach beherrschte der Mann aus Sachsen allein die Szene; die Handlanger von damals sind tot. Doch auch diesmal war die SPD mit im Spiel: Der Briefwechsel zwischen Westdeutschlands Sozialdemokraten und ostdeutscher Einheitspartei durchzog die Festreden, die vorige Woche allenthalben in der DDR verlesen wurden.
Das Zusammentreffen von SED -Jubiläum und Deutschland-Disput kam dem roten Regime nicht ungelegen. Denn jene Stimmungswelle, die nach dem Brieftausch in Mitteldeutschland hochspülte, drohte unversehens über Ulbrichts Funktionärskorps hinwegzuschwappen. Es galt, nicht wünschenswerten Komplikationen der inneren Führung beizeiten zu wehren. Schon als das sozialdemokratische Antwortschreiben auf die Tauwetter -Offerte im SED-Blatt "Neues Deutschland" abgedruckt wurde, bildeten sich in Betrieben und an Straßenecken jenseits der Mauer Menschentrauben. Die erste unverblümte West-Veröffentlichung seit 20 Jahren, der Abdruck nie gesehener Vokabeln, wie "Schießbefehle, gaben den Anstoß zu freimütigen Diskussionen.
Selbst kleine Funktionäre zitierten in Gesprächsrunden ohne Scheu Bonner Deutschland-Argumente und westliche Rundfunksender. Und im Karl-Marx -Werk zu Magdeburg bedrängte der Putzer Werner Matros den Spitzenfunktionär Alois Pisnik, Mitglied des Zentralkomitees der SED: "Alles ist richtig, was hier gesagt wurde. Versteht mich recht, hier habe ich meine Arbeit, meine Familie und meine wirkliche Heimat. Aber wenn ich als ehrlicher Bürger arbeite, habe ich dann nicht auch das Recht, meine Verwandten in Westdeutschland besuchen zu können?"
Gesamtdeutsche Sehnsüchte keimten so üppig, daß evangelische DDR -Pfarrer Bittgottesdienste erwogen, in denen Kirchgänger eine Wiedervereinigung oder wenigstens baldigen Redneraustausch erflehen sollten; katholische Amtsbrüder besprachen gleiche Vorhaben.
In rasch organisierten Massenversammlungen mühte sich Ulbrichts Parteiprominenz zunächst, die Debatte - letztlich zwar ohne Risiko für das Regime, doch voller Ungewißheiten - unter Kontrolle zu bekommen. Paul Verner, Mitglied des Politbüros, stellte sich 500 Genossen in Berlin-Lichtenberg; Politbüro-Kandidat Horst Sindermann kam zu 1000 Werktätigen in den Dessauer Kristallpalast; Rudi Singer, Chefredakteur des "Neuen Deutschland", sprach vor 600 Arbeitern der Großbetriebe in Teltow.
Beste Gelegenheit aber, den öffentlichen Disput auf Zimmerlautstärke zu dämpfen, bot der 20. Jahrestag der Einheitspartei. In den Reden prominenter Genossen schrumpfte der aufregende Dialog zu einer Verbrüderungsgeste, wurde aus der Deutschlandinitiative ein Meinungsaustausch "mit den Mitgliedern und Freunden der westdeutschen Sozialdemokratie, mit denen uns nach wie vor Gemeinsames verbindet" (FDGB-Chef Herbert Warnke in Cottbus).
Vor DDR-Fernsehkameras präsentierte die SED einen alten Sozialdemokraten: Max Fechner, nach der Verschmelzung mit der KPD neben Walter Ulbricht stellvertretender Vorsitzender im ersten SED-Vorstand. 1953 war Fechner als "Feind des Staates und der Partei" aus der SED ausgeschlossen worden; jetzt begrüßte ihn Walter Ulbricht freundlich auf der Bühne des Friedrichstadt-Palastes in Berlin und verwickelte ihn vor 3000 Zuschauern in ein Gespräch über die gute alte Zeit in der Einheitspartei. Neues Deutschland" bildete die Rührszene auf der Titelseite ab.
"Die Hauptsache ist", so interpretierte Walter Ulbricht vor Gewerkschaftlern den Brieftausch mit der SPD, die Gemeinsamkeit der Arbeiterschaft der Deutschen Demokratischen Republik und der Arbeiterschaft Westdeutschlands schrittweise zu erreichen."
Alt-Kommunist Ulbricht; Alt-Sozialdemokrat Fechner: Freundlich zum Staatsfeind

DER SPIEGEL 18/1966
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 18/1966
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

BRIEFWECHSEL:
Unter Kontrolle

Video 01:35

Viktoriafälle in Simbabwe und Sambia "Es ist die längste Trockenzeit, die wir jemals hatten"

  • Video "Brexit: Die wählen, die Briten" Video 05:26
    Brexit: Die wählen, die Briten
  • Video "Der Fall Rudy Giuliani: Trumps Mann fürs Grobe ist in Bedrängnis" Video 04:55
    Der Fall Rudy Giuliani: Trumps Mann fürs Grobe ist in Bedrängnis
  • Video "Videoanalyse zur SPD: Der große Knall blieb aus" Video 03:54
    Videoanalyse zur SPD: Der große Knall blieb aus
  • Video "Merkel in KZ-Gedenkstätte Auschwitz: Wir dulden keinen Antisemitismus" Video 03:14
    Merkel in KZ-Gedenkstätte Auschwitz: "Wir dulden keinen Antisemitismus"
  • Video "SPD-Parteitag: Ja, aber" Video 03:15
    SPD-Parteitag: Ja, aber
  • Video "SPD-Parteitag: Irgendwann geregelt aus der Groko verschwinden" Video 01:35
    SPD-Parteitag: "Irgendwann geregelt aus der Groko verschwinden"
  • Video "Auftritt in Iowa: Biden bezeichnet Wähler als verdammten Lügner" Video 01:06
    Auftritt in Iowa: Biden bezeichnet Wähler als "verdammten Lügner"
  • Video "Nancy Pelosi zu Reporter: Legen Sie sich nicht mit mir an" Video 01:24
    Nancy Pelosi zu Reporter: "Legen Sie sich nicht mit mir an"
  • Video "Saskia Esken beim SPD-Parteitag: Raus aus dem Niedriglohnsektor" Video 02:24
    Saskia Esken beim SPD-Parteitag: "Raus aus dem Niedriglohnsektor"
  • Video "Norbert Walter-Borjans auf dem SPD-Parteitag: Dann muss die schwarze Null eben weg" Video 01:01
    Norbert Walter-Borjans auf dem SPD-Parteitag: "Dann muss die schwarze Null eben weg"
  • Video "US-Demokraten vs. Trump: Das Impeachmentverfahren rückt näher" Video 02:39
    US-Demokraten vs. Trump: Das Impeachmentverfahren rückt näher
  • Video "Impeachment gegen Trump: US-Demokraten eröffnen Amtsenthebungsverfahren" Video 02:16
    Impeachment gegen Trump: US-Demokraten eröffnen Amtsenthebungsverfahren
  • Video "Frankreich: Auf Generalstreik folgt Randale in mehreren Städten" Video 01:10
    Frankreich: Auf Generalstreik folgt Randale in mehreren Städten
  • Video "Hilfe für bedrohte Korallenriffe: Das Geräusch der Fische" Video 03:02
    Hilfe für bedrohte Korallenriffe: Das Geräusch der Fische
  • Video "Nach viralem Witze-Video: Zank unter Staatschefs beim Nato-Gipfel" Video 02:44
    Nach viralem Witze-Video: Zank unter Staatschefs beim Nato-Gipfel
  • Video "Russische Militäreinheit: Ski-Soldaten mit Schlittenhunden" Video 00:44
    Russische Militäreinheit: Ski-Soldaten mit Schlittenhunden
  • Video "Traumtore in Ligue 1: Hackentor Mbappè, Elfmeter Neymar" Video 00:53
    Traumtore in Ligue 1: Hackentor Mbappè, Elfmeter Neymar
  • Video "Viktoriafälle in Simbabwe und Sambia: Es ist die längste Trockenzeit, die wir jemals hatten" Video 01:35
    Viktoriafälle in Simbabwe und Sambia: "Es ist die längste Trockenzeit, die wir jemals hatten"