25.04.1966

DEUTSCHE ERDÖL-AGRoter Stern aus Texas

Der Generaldirektor fragte bei der Hausbank nach, wer denn seine Firma aufkaufe.
Seit Mitte März dieses Jahres sind die Aktien der Deutschen Erdöl-AG (Dea) von 115 auf über 170 gestiegen. Dea -Chef Ferry von Berghes, 55, wußte, daß die Geschäftslage seines Unternehmens solche Kurse nicht rechtfertigte.
Die Dea zahlt nur sechs Prozent Dividende. Aktien des Thyssen-Konzerns, der elf Prozent ausschüttet, oder von Mannesmann (14 Prozent) werden mit weniger als 160 Punkten bewertet.
Überdies steht die Dea, an der bislang kein ausländisches Kapital beteiligt ist, auf wackligen Beinen. Aus ihren eigenen Quellen fließen jährlich nur etwa 1,7 Millionen Tonnen Öl, 2,7 Millionen Tonnen muß sie im Auslandskaufen. An ihren Kohlenzechen im Ruhrrevier trägt die Dea schwer. Die Kohlenhalden wachsen, die Erlöse aus dem Heizölverkauf sinken.
In der schwierigen Lage operierten die Dea-Manager glücklos. 1962 erhöhten sie das Kapital von 282 auf 317 Millionen Mark und versprachen den Aktionären, die bis dahin gezahlte Dividende (zwölf Prozent) zu halten. Als das Geld für die neuen Aktien in der Kasse war, mußte die Dividende auf zehn Prozent gesenkt werden.
Im Frühjahr 1964 hofften Aktionäre und. Management auf ein Wunder bei den Erdgas-Bohrungen in der Nordsee, und der Börsenkurs kletterte vorübergehend auf 295. Bis heute gab es kein Nordseegas, und Dea notierte im August letzten Jahres an der Börse mit 104. Ferry von Berghes: "Verdammtes Spiel."
In Syrien wurden Bohranlagen des Konzerns von der Regierung entschädigungslos enteignet; Verlust für die Dea: 70 Millionen Mark. Berghes kürzte die Dividende auf sechs Prozent.
Die Dea-Aktie wurde zum meistgehandelten Wertpapier. Seit August 1963 wurden an den Börsen Aktien im Nennwert von 175 Millionen Mark umgesetzt, das entspricht etwa der Hälfte des Grundkapitals.
Als die jüngste Kursrakete losging, rätselte nicht nur Ferry von Berghes über den Käufer. Als Interessenten, denen der Konzern gefallen könnte, wurden genannt:
- die Gelsenkirchener Bergwerks-AG;
- die Industriellenfamilie Haniel;
- die amerikanische Continental Oil
Company (Conoco);
- die Deutsche Bank, Hausbank der Dea.
Alle dementierten. Deutsche-Bank -Chef Hermann Josef Abs zum SPIEGEL:
"Abgesehen von geringfügigen Kundenorders hat die Deutsche Bank seit Wochen nichts an Dea-Aktien gekauft."
Reizvoll an der Dea, vor allem für ausländische Ölkonzerne, ist das umfangreiche Tankstellennetz. Ein Käufer würde 4800 Zapfstellen einhandeln, über die er seine Produkte an westdeutsche Automobilisten absetzen könnte.
Tatsächlich hatte eine US-Ölgesellschaft schon Anfang dieses Jahres einen Dea-Coup vorbereitet. Die Amerikaner beauftragten die Kölner Vermögens-Beratungsfirma Planinvest, unter strengster Diskretion ein öffentliches Kaufangebot an alle Dea-Aktionäre vorzubereiten. Vom Stichtag 18. April an sollten die rund 70 000 Dea-Miteigentümer jede 100-Mark-Aktie für 160 Mark an die Amerikaner verkaufen können.
Mitte April zog sich der Interessent zurück, denn an der Börse, die von der geplanten Transaktion Wind bekommen hatte, war der Kurs auf über 160 Punkte gestiegen. Der Käufer hätte jetzt einen
Umtauschkurs von etwa 200 Punkten anbieten müssen. Außerdem hatten die Amerikaner in letzter Minute einen Webfehler der Dea entdeckt.
Ähnlich wie die Gelsenkirchener Bergwerks-AG an den US-Öltrust Socony Mobil Oil (siehe Seite 56) ist die Dea seit 1961 an die Conoco gebunden: Der US-Konzern hat bis 1976 bei der Dea ein Liefermonopol für alles ausländische Öl. Experten schätzen, daß die Dea ihr Öl bei Conoco um etwa fünf Mark je Tonne über dem Weltmarktpreis kaufen muß.
Nicht alle Interessenten ließen sich dadurch abschrecken. In der Dea-Hauptverwaltung an Hamburgs Mittelweg und in Düsseldorf bei Franz Heinrich Ulrich, Vorstandsmitglied der Deutschen Bank und Aufsichtsratsvorsitzer der Dea, sprachen in den letzten Wochen die US -Ölfirmen Texaco, Gulf, Sinclair und Marathon sowie die französische Staatsgesellschaft CFP vor. Mit allen wurde
bereitwillig verhandelt. Denn von
Berghes und Ulrich haben längst erkannt, daß die Dea einen starken Partner braucht.
Aufsichtsrat und Vorstand sind sich einig, daß sie "bei den schlechten Geschäftsaussichten der Dea den Aktionären von einem Umtauschangebot zum Kurs von mehr als 225 Punkten nicht abraten könnten".
Die Dea-Manager hoffen, bei einem Verkauf zwei Bedingungen durchsetzen zu können:
- Die Dea soll "eine aktiv in Deutschland produzierende" Gesellschaft bleiben, es sollen also nicht Kohlenzechen und andere Betriebe rücksichtslos stillgelegt und nur noch die Tankstellen unterhalten werden;
- die 26 000 Dea-Mitarbeiter sollen weiter beschäftigt werden.
Im Wettstreit um das Ölunternehmen hatte Ende vergangener Woche der US -Konzern Texaco die Nase vorn. Die Amerikaner, die in Westdeutschland an der Caltex beteiligt sind und ihre Ware unter dem Zeichen eines fünfzackigen roten Sterns verkaufen, schienen bereit, die Bedingungen der Dea-Oberen zu akzeptieren.
Caltex würde mit dem Erwerb der Dea sein Tankstellennetz von 1530 auf 6330 Stationen vergrößern und damit noch vor Esso und Shell an zweiter Stelle hinter der Aral-Gruppe (10 100 Stationen) rangieren.
Als Kurs-Heizer der Dea-Aktien kam Texaco jedoch kaum in Frage. Vertreter der Deutschen Bank glauben überhaupt nicht, daß einer der Interessenten heimlich Dea-Aktien kaufe. Es sei so gut wie unmöglich, die Mehrheit des Aktienkapitals in kurzer Zeit an der Börse zusammenzubringen, und einen Großaktionär hat das Unternehmen nicht. Die Mehrheit sei nur durch ein öffentliches Umtauschangebot an alle Aktionäre zu erreichen.
Die Deutsche Bank ist überzeugt, daß kleine Spekulanten in Erwartung eines solchen Umtauschangebots "bis zur Besinnungslosigkeit" kaufen. Börsianer halten es freilich auch für möglich, daß die Conoco trotz ihres Dementis als Käufer an der Börse ist.
Conoco könnte daran interessiert sein, anderen Firmen durch Kurstreiberei die Übernahme zu verleiden und somit auch in Zukunft einziger Öllieferant der Dea zu bleiben.
Dea-Tankstelle in Schleswig-Holstein: Kampf ums Netz

DER SPIEGEL 18/1966
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