25.04.1966

ARALVier im Taunus

Der Kampf amerikanischer Ölgiganten um die 10 100 Zapfsäulen der deutschen Aral AG nähert sich dem Ende. Die Gelsenkirchener Bergwerks -AG (GBAG) in Essen, Großaktionär bei Aral, kann den Kopf nur dadurch aus der Schlinge ziehen, daß sie dem US-Trust Socony Mobil Oil Zutritt zu dem größten Tankstellennetz der Bundesrepublik gewährt.
Die GBAG hatte sich den Strick 1951 selbst um den Hals gelegt. Sie schloß damals mit Socony einen Vertrag, nach dem die Amerikaner bis zum fernen Jahr 2008 den gesamten Erdölbedarf des deutschen Konzerns - jährlich etwa sieben Millionen Tonnen - allein decken sollten. Die Lieferpreise waren so hoch angesetzt, daß Generaldirektor Hans Dütting schon 1957 bis zu 15 Mark pro Tonne über dem Weltmarktpreis bezahlen mußte.
Socony-Boß Albert L. Nickerson aber bestand auf Erfüllung des Vertrags, und selbst das Aufsichtsratsmitglied der GBAG, Hermann Josef Abs, konnte ihn nicht umstimmen. Die Amerikaner zapften dem Unternehmen mit Hilfe der Fixpreise jahrelang Blut ab.
Als im Frühjahr 1966 immer noch keine Lösung in Sicht war, nahm Hermann Josef Abs zu Witzeleien Zuflucht: "Im Kriege gab es die Verordnung, daß Weihnachtsmänner nicht hergestellt werden dürften, um Kakao zu sparen. Und zu Ostern wurde bestimmt, daß im Sinne dieser Verordnung Osterhasen wie Weihnachtsmänner zu betrachten seien. Ich hoffe, GBAG wird ein Osterhase."
Generaldirektor Dütting, am Ende seines Unternehmerlateins, alarmierte mit einem Geheimmemorandum sogar die Bundesregierung. Er klagte, daß "ein Praktizieren der alten Verträge für die GBAG unzumutbar" sei und Soconys Taktik letztlich "zu einer Majorität ... bei GBAG führen" könne.
Socony wollte die Lieferpreise allenfalls dann herabsetzen, wenn der Essener Konzern seine Raffinerieanlagen mit den Amerikanern teilen und sie zugleich mit 29 Prozent zu Partnern der Aral AG machen würde. Düttings Essener Unternehmen hält an der Aral einen Kapitalanteil von insgesamt 58 Prozent*.
Alle Aral-Aktionäre müssen jedoch zustimmen, wenn in ihrer Gesellschaft Kapitalanteile verschoben werden sollen. Und sowohl die Bergwerksgesellschaft Hibernia AG (Beteiligung an Aral: 26 Prozent) als auch die Wintershall AG (zwölf Prozent) legten sich quer. Sie befürchteten einen zu starken Einfluß der Socony Mobil Oil auf das deutsche Tankstellennetz, das heißt, daß die Amerikaner die deutschen Zapfstationen mit ihrem Öl überschwemmen würden.
Um die Preisschlinge endlich zu lösen, lud Bankier Abs vor Ostern den Socony -Vizepräsidenten Keyser nach Kronberg im Taunus ein. Keyser traf dort auch den Chef der Hibernia AG Hans Werner von Dewall und Generaldirektor Dr. Josef Rust von der Wintershall AG.
Die vier im Taunus einigten sich auf einen umfassenden Katalog von Lösungsvorschlägen, der jetzt allen Beteiligten vorliegt. Er soll die GBAG nach zehnjährigem Ringen aus der tödlichen Umklammerung Soconys befreien und ihr zu gerechten Preisen beim Einkauf von Erdöl verhelfen.
Danach soll die GBAG ihre Schachtelbeteiligung von 25 Prozent an der Chemische Werke Hüls AG in Marl/ Westfalen der Hibernia überlassen. Der Kohle- und Ölkonzern Hibernia, dem bereits das Chemie-Unternehmen Scholven in Gelsenkirchen gehört, könnte dann weiter in die Retorten-Industrie vorstoßen.
Auch der Wintershall AG soll für ihre Zustimmung zur Aufnahme der Amerikaner in den Aral-Clan ein Zugeständnis gemacht werden. Wintershall darf in die Aral-Tanksäulen künftig mehr Benzin als bisher liefern. Die höheren Einlieferungsrechte sind der Firma, die keine eigenen Zapfsäulen besitzt, vermutlich das Ja-Wort wert.
Soconys Chef Nickerson wäre damit am Ziel: Sein deutscher Konzern-Ableger, die Mobil Oil AG in Hamburg, würde zu seinen bisher elf Prozent noch 18 Prozent aus dem GBAG-Depot erhalten. GBAG und Socony verfügten fortan über je 29 Prozent des Aral-Kapitals und wären gemeinsam die größten Aktionäre.
Über das Stimmrecht bei Aral wird allerdings noch gerungen werden, wenn sich die Partner im nächsten Monat wieder treffen. Düttings GBAG hatte sich bisher verpflichtet, auf das Stimmrecht, das dem 58prozentigen Kapitala teil entspricht, zu verzichten, und sich auf den Aral-Hauptversammlungen mit weniger als der Hälfte der anwesenden Stimmen begnügt.
Hibernia und Wintershall verlangen, daß die deutsch-amerikanischen Ölbrüder GBAG-Socony sich an diese Stimmrechts-Beschränkung halten: Sie sollen - selbst wenn sie ihren Aktienbesitz zusammenlegen - bei Aral niemals die Mehrheit bekommen.
* Davon elf Prozent treuhänderisch für die deutsche Socony-Tochter Mobil Oil AG.
GBAG-Chef Dütting
Die Amerikaner zapften Blut ab

DER SPIEGEL 18/1966
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