25.04.1966

GLAHNZeche gezahlt

Bei einem Schoppen in der Weinstube
"Rebe" zu Alzey im Rheinhessischen
kamen sich der Liberale und der Nationale näher.
Der 2. Vorsitzende der NPD in Rheinland-Pfalz, Alzeys "Nibelungen"-Apotheker Gerald Hammer, gelobte dem Landesvorsitzenden der FDP, dem rheinland-pfälzischen Finanzminister Fritz Glahn, Schonung der Freidemokraten im bevorstehenden Bundestags-Wahlkampf. Glahn seinerseits - so erinnert sich Hammer - versprach an jenem lauen Maiabend des vergangenen Jahres dem Apotheker, er werde die neuen Rechten künftig nicht mehr öffentlich als "Ewig-Gestrige" und "sattsam bekannte Kreise" apostrophieren.
Elf Monate später, am Anfang letzter Woche, mußte Glahn mit dem Rücktritt von seinem Ministeramt die Zeche für den vertraulichen Dämmerschoppen bezahlen. Er zahlte für ein Mißverständnis. Denn nur durch Zufall war kurz vor Ostern der geheime Pakt zwischen FDP-Minister und NPD-Apotheker publik geworden.
In einem Bericht über eine Landespressekonferenz mit dem Finanzminister hatte die Journalistin Dr. Elisabeth Steil-Beuerle, selbst FDP-Mitglied, in der Mainzer "Allgemeinen Zeitung" (AZ) als Glahn-Äußerung wiedergegeben, was der Minister tatsächlich nicht gesagt hatte, nämlich: Die NPD werde bei den Landtagswahlen im nächsten Frühjahr in Rheinland-Pfalz keine Chancen haben, weil "die nationalistischen Repräsentanten im Lande allzu sattsam bekannt" seien.
AZ-Abonnent Hammer in Alzey las den Bericht, und das Verhängnis nahm seinen Lauf: Der Apotheker, über den vermeintlichen Wortbruch Glahns verärgert, inspirierte eine NPD-Stellungnahme für die Presse, in der die Alzeyer Übereinkunft und des FDP-Ministers. Anteil in aller Breite geschildert wurden.
Als die Nationaldemokraten beim Vergleich des AZ-Berichts über die Glahn-Pressekonferenz mit Meldungen anderer Blätter merkten, daß sich die AZ-Berichterstatterin offenbar geirrt hatte, war es bereits zu spät. Ihre Alzey-Erklärung, die sie nun wieder zurückziehen wollten, lief bereits über die Fernschreiber der Deutschen Presseagentur (dpa). Am Ostersonnabend stand sie in den Morgenblättern.
Für die rheinland-pfälzischen Landespolitiker, schon in Festtagsstimmung, war der österliche Frieden dahin. Ministerpräsident Altmeier (CDU) räsonierte: "Der Eindruck, daß ein Mitglied meiner Regierung mit rechtsradikalen Gruppen sympathisiert, schadet uns sehr"; und auch Glahns Parteifreunde zeigten sich peinlich berührt. FDP -Fraktionschef Dr. Günter Storch: "Wir haben von dem Gespräch in Alzey nichts gewußt."
Zudem waren die NPD-Kontakte nicht die erste Eskapade des Ministers, die seine Partei und ihre Koalition mit Altmeiers CDU belastete.
Eine Liebesaffäre, die den liberalen Minister im vorigen Jahr ins Gerede brachte, ist im sittenstreng-katholischen Weinland ebensowenig vergessen wie Glahns Wirken im Dritten Reich. So hatte Landwirt Glahn, seinerzeit Pressereferent bei Hitlers Reichsernährungsminister und Hauptschriftleiter der Reichsnährstandspresse, gegen den Redakteur Carl Glotzbach vom Zentrumsblatt "Mainzer Journal" ein zeitweiliges Berufsverbot erwirkt, weil der Journalist zu einem Pfarrer "Grüß Gott" statt "Heil Hitler" gesagt hatte. Katholik Altmeier über seinen Finanzminister: "Ja, der Glahn - das war schon immer ein Katholikenfresser."
Glahns nationale Kontakte in der "Rebe" von Alzey boten dem Regierungschef nun die willkommene Gelegenheit, seinen Finanzminister loszuwerden. Nach den NPD-Enthüllungen distanzierte er sich vor der Landespressekonferenz von seinem Kabinettskollegen: "Wer immer Kontakt zu rechtsradikalen Kreisen sucht, findet meine absolute Ablehnung."
Glahn verstand - und erlitt eine Herzattacke. Vom Krankenbett aus ließ er Altmeier sein Rücktrittsgesuch übermitteln. Altmeier akzeptierte, ohne mit dem Bettlägerigen auch nur noch ein einziges Wort gewechselt zu haben.
Die rheinland-pfälzischen Freidemokraten versuchten unterdessen, den geheimen Alleingang ihres Vorsitzenden Glahn zur NPD mit einem Landtagsbeschluß aus dem Jahre 1960 zu motivieren. Das Mainzer Parlament hatte damals die Koalitionsregierung beauftragt, "alle Möglichkeiten wahrzunehmen, um das Aufkommen eines neuen Rechtsradikalismus zu verhindern".
Nichts anderes habe Glahn beim Dämmerschoppen in Alzey gewollt, interpretierte die FDP nun: "Er hat versucht, der beginnenden Aktivität der NPD im Jahre 1965 entgegenzuwirken."
Glahn selber zum SPIEGEL: "Ich wollte Herrn Hammer klarmachen, daß auch die FDP eine breite nationale Plattform hat und daß für die NPD kein Bedarf besteht."
Zurückgetretener Minister Glahn
Pakt beim Dämmerschoppen

DER SPIEGEL 18/1966
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GLAHN:
Zeche gezahlt

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