25.04.1966

US-NACHSCHUBBomben für Vietnam

Verteidigungsminister McNamara präsentierte die Bombe, US-Nachrichtenagenturen machten sie scharf: Nach dem Vorwurf, den chinesischen Feind mit Walzwerken zu beliefern, gerieten die Westdeutschen vergangene Woche auch in den Verdacht, an Amerikas Vietnam-Kämpfern Geld zu verdienen.
McNamara und sein Pentagon offenbarten, die USA hätten von der westdeutschen Firma Kaus & Steinhausen 5570 Fliegerbomben aus US-Beständen, die jenem Unternehmen vor zwei Jahren zum Preis von 6,80 Mark pro Stück überlassen worden waren, für 84 Mark zurückerworben.
Mit ihnen solle der Nachschub für die -Nordvietnam angreifenden - B-52 -Bomber verbessert werden. Die amerikanische Nachrichtenagentur UPI witterte big business und schrieb: "Ein ansehnlicher Preis."
Die Bundesregierung beeilte sich, von nichts zu wissen. "Ich habe nicht feststellen können", so verkündete der amtierende Bundespressechef Krueger am Montag letzter Woche, "daß irgendeine Stelle der Bundesregierung davon unterrichtet war." In Wahrheit freilich ist das Bundeswirtschaftsministerium - wie es später auch bekanntgab - über das Geschäft unterrichtet gewesen. Seit 13 Jahren genehmigt die frühere Behörde Ludwig Erhards regelmäßig die Anträge der Hamburger Firma Kaus & Steinhausen.
Nur: Der Handel mit Bomben und Granaten war weder Gegenstand der Genehmigungen, noch gehört er zu den üblichen Aktivitäten des Hamburger Unternehmens.
Die Kaus & Steinhausen KG, Schrottgroßhandels- und Munitionsentladebetrieb, widmet sich vielmehr dem Entschärfen und anschließender Verwertung überschüssiger alliierter und deutscher Munition. Bomben- und Granathülsen wandern auf den Schrottmarkt,
der im Sprengmaterial enthaltene Stickstoff als Düngemittel auf bäuerliche Schollen.
In der Trümmerstadt Hamburg hatte Schrotthändler Karl Kaus, 64, nach dem Kriege ein reiches Betätigungsfeld gefunden. Ein riesiges Angebot an verbogenen T-Trägern, Wasserrohren und Betonarmierungen wartete auf kundige kommerzielle Verwertung. Schon bald aber weitete Kaus sein Geschäft auch auf jene Spezies von Explosivkörpern aus, die das große Schrottaufkommen in Hamburg erst ermöglicht hatten.
Kaus barg Munition unterschiedlicher Nationalität, die Großdeutschlands Marine vor Kriegsende in die Untiefen von Nord- und Ostsee gekippt hatte.
In unmittelbarer Nähe Wilhelmshavens schleppten Magnetbagger die brisanten Fundstücke an den Nordseestrand. MG- und leichte Flak-Munition wurden in einem riesigen Ofen-Bunker - Krematorium genannt - gezündet. In anderen Bunkern der Dünenlandschaft bedienten Arbeiter hinter dicken Schutzwänden umgebaute Drehbänke, an denen Zünder aus Bomben und Granaten entfernt wurden. Druckwasser spülte den Sprengstoff heraus.
Westdeutschlands Nato-Verbündete begannen sich für die "delethalization plant" (wörtlich: Enttödlichungs-Anlage) des Hamburger Schrotthändlers zu interessieren. 1957 wurden als erste die Briten mit Kaus handelseins: Die in der Regel alle fünf Jahre auszuwechselnde Nato-Munition der Rheinarmee wanderte zum Teil nach Wilhelmshaven, später in eine neue Anlage bei Grauerort in Niedersachsen. Andere Nato -Partner, so die Bundesrepublik und die USA, zogen nach.
Ihnen brachten die Dienste des privaten Unternehmens beträchtliche Vorteile. Vorher hatten die Militärs ihren Munitions-Abfall stets selbst zum Müllplatz fahren müssen: zur Irischen See, zum "Hamburger Loch" bei Helgoland oder zum Skagerrak.
Überdies besorgten Kaus & Steinhausen bald auch Transport und Lagerung, wenn Depots für neue Munition frei gemacht werden mußten. Auf ihre Kosten kam die Firma durch den Verkauf von Granatmänteln als Schrott und Sprengstoff-Ingredienzen als Dünger.
Vor eineinhalb Jahren fragte das Wiesbadener Hauptquartier der US -Luftwaffe die Hamburger, ob sie sich zutrauen würden, aus dem Korea-Krieg übriggebliebene 340-Kilo-Bomben zu entschärfen. Abgabepreis: 6,80 Mark.
Die Firma erwarb Grundstücke und Genehmigungen zur Lagerung des gefährlichen Materials, baute neue Verwertungseinrichtungen und holte 7560 Bomben aus US-Depots ab. Zu Beginn des Jahres 1965 machten sich - unter Aufsicht amerikanischer Inspektoren - Kausens Feuerwerker an die Arbeit.
Im August vergangenen Jahres jedoch befahl das Wiesbadener Hauptquartier plötzlich: Das Ganze halt. Ein Air-Force -Emissär erschien im Werk und erklärte, die noch nicht ausgeschlachteten Fliegerbomben würden für Einsätze gegen Nordvietnam benötigt. Der Restbestand war noch erheblich: 5570 Stück.
Um die Hamburger Geschäftspartner für Verfahrensentwicklung, Investitionen und Transport zu entschädigen, setzten die Amerikaner einen Rückkaufpreis von 84 Mark fest. Bomben zu produzieren hätte Verteidigungsminister McNamara viel Zeit und pro Stück 1800 Mark gekostet.
Den Vorwurf, er verdiene am Krieg in Vietnam, weist Kaus zurück: "Von hohem Gewinn kann bei der Rückgabe nicht gesprochen werden. Mein Geschäft floriert, wenn Frieden ist."
Kaus & Steinhausen-Werkstatt: Enttödlichung gegen Entgelt

DER SPIEGEL 18/1966
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