25.04.1966

SOWJETSMenschen im Hotel

Leichenblaß warf sich Exil-Tscheche Jan Parik, 30, im West-Berliner "Bristol Hotel Kempinski" auf das Bett des Hamburger "Stern"-Redakteurs Egon Vacek, 38, schlug die Hände vors Gesicht und stammelte: "Ich Schwein. Ich habe das Tonband dem Amerikaner gegeben."
Das Tonband enthielt den "Stern" -Knüller dieser Woche: ein einstündiges Interview, das die "Stern"-Redakteure Vacek und Leo Bauer am vorletzten Sonnabend im West-Berliner Büro der sowjetischen Nachrichtenagentur "Nowosti" (Neuigkeiten), Bleibtreustraße 15, mit dem stellvertretenden Oberbefehlshaber der sowjetischen Luftstreitkräfte in der DDR, Generalmajor Wassilij Sidorenkow, 48, führten. Thema: der Absturz des sowjetischen Yak-28-Düsenbombers über dem West -Berliner Stößensee.
Von den Russen erst mit Coca-Cola und "Florida Boy"-Limonade, dann mit Wodka reichlich traktiert, hatten Vacek und Bauer versucht, den "Helden der Sowjet-Union" Sidorenkow und dessen Begleiter, Botschaftssekretär Viktor Belezky, nach bisher unbekannten Einzelheiten zu befragen. Das "erste Interview eines Sowjet-Offiziers mit westlichen Journalisten auf westlichem Boden" (Vacek), das die Ost-Berliner Sowjet-Botschaft der Hamburger "Stern" -Redaktion telephonisch angetragen hatte, kreiste andauernd um die "Heldentat" der Yak-Piloten Boris Kapustin und Jurij Janow, die - so Sidorenkow zum "Stern" - "ihr Leben opferten, um das Leben anderer zu retten".
Nach getaner Arbeit zogen sich Vacek und Bauer ins "Kempinski" zurück und überließen dort das Tonband mit dem Sidorenkow-Interview "Stern"-Mitarbeiter Parik, der die west-östliche "Nowosti"-Runde geknipst hatte. Der Tscheche sollte das Band zum Flughafen Tempelhof bringen und per Luftfracht nach Hamburg expedieren. Parik verließ das Hotel um 18.30 Uhr. "Stern"-Redakteur Bauer fuhr zu Bekannten. Vacek legte sich ins Bett.
Doch schon um 21 Uhr schreckte anhaltendes Telephongeklingel den übermüdeten Illustrierten-Redakteur aus
dem Schlaf. Am Apparat: die Nachtdienst-Sekretärin der Hamburger "Stern"-Redaktion. Das Sidorenkow -Band sei in Hamburg nicht eingetroffen.
Alarmiert wählte Vacek Pariks West -Berliner Privatnummer, doch statt Parik meldete sich dessen Frau. In gebrochenem Deutsch teilte sie dem ungeduldigen Vacek mit, ihr Mann sei noch nicht zu Hause, "dabei habe ich ihm doch sein Leibgericht gekocht, eine Ente".
Auch ein Anruf bei den Tempelhofer Luftfrachtbüros verlief für Vacek ergebnislos. "Stern"-Post nach Hamburg sei nicht aufgegeben worden, ein Parik habe sich nicht gemeldet.
Länger mochte Vacek nicht alleine operieren. Er rief Kollegen Bauer und den West-Berliner "Stern"-Korrespondenten Sepp Ebelseder zu sich ins Hotel und eröffnete ihnen: "Parik und das Material sind weg."
Wohin Parik samt Tonband entschwunden war, erfuhren die nervösen "Stern"-Menschen im Hotel schließlich von Parik selbst. Denn kurz vor Mitternacht hatte Vacek den Photographen doch noch an die Strippe bekommen und ebenfalls ins "Kempinski" zitiert.
Zunächst allerdings tischte Parik, der noch bis vor kurzem in Prag als Mode -Photograph arbeitete und jetzt in West -Berlin als freiberuflicher Photoreporter tätig ist, den "Stern"-Redakteuren eine Mädchenbekanntschaft als Samstagabend-Alibi auf. Doch als Vacek dem Flüchtling, der erst vor einem halben Jahr mit seiner Frau nach Berlin kam, mit der Polizei drohte, brach Parik zusammen.
Pariks Tonband-Version: Er habe einen Mr. Hanley von der West-Berliner US-Militärmission angerufen und ihm das Band in der Berliner "Stern" -Redaktion, Hardenbergstraße 20, übergeben. Dort habe Hanley das Band kopiert, danach habe er, Parik, es nach Tempelhof gebracht.
Norman Hanley, 40, ehemaliger Wirtschaftsattaché an der US-Botschaft in Prag, der jetzt als Beamter des amerikanischen Außenministeriums bei der Berliner US-Militärmission Ostblock -Flüchtlinge zu betreuen hat und dem vor sechs Monaten auch Parik zugewiesen worden war, bestätigte dem SPIEGEL Pariks Geschichte.
Hanley: "Parik rief mich Samstag abend an und sagte, er habe ein interessantes Gespräch auf Band, ob ich Interesse hätte. Natürlich hatte ich Interesse."
Die Parik-Hanley-Version suchte auch Ernest E. Ramsaur, Public-Relations -Manager der Berliner US-Militärmission, zu erhärten: Hanley habe geglaubt, Parik handele im Auftrag der "Stern"-Redaktion. Ramsaur: "Das ist unsere offizielle Version."
"Stern"-Chefredakteur Henri Nannen jedoch hält derlei Erklärungen für Ausflüchte. Erbost über soviel "amerikanische Kaltschnäuzigkeit", läßt er im "Stern" dieser Woche neben dem Sidorenkow-Interview eine eigene Band -Version verbreiten.
Danach war es eine finstere Geheimdienst-Intrige, dem das Hamburger Bilderblatt zum Opfer fiel.
Der "Stern": "Eines steht fest, amerikanische Geheimdienststellen scheuen es nicht, sich mit Methoden, die eines freien Landes unwürdig sind, in den Besitz von Informationen zu setzen, die sie eine Woche später an allen Kiosken hätten kaufen können."
Sowjet-General, Sowjet-Diplomat, Interviewer in West-Berlin*: Am Abend eine Ente
* Von links: Sowjet-Generalmajor Sidorenkow, Sowjet-Botschaftsrat Belezky, "Stern" -Redakteur Vacek. Dieses Bild wurde von dem Photographen Jan Parik aufgenommen.

DER SPIEGEL 18/1966
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