25.04.1966

KONSUMGENOSSENSCHAFTENImmobilien an der Kasse

Außer Kassenbons geben die 7671 Konsum-Läden in der Bundesrepublik von Donnerstag dieser Woche an zwei Millionen als Brieftaschen aufgemachte Prospekte aus. Die Kundschaft soll indes kein Geld geschenkt bekommen, sondern zahlen: Der neugegründete CO-OP Immobilien-Fonds will Mitgliedern und Nichtmitgliedern der Konsumgenossenschaften fürs erste 15 Millionen Mark aus der Brieftasche ziehen.
"Wie machen es eigentlich die anderen? Wie kommen Leute zu Wohlstand und Vermögen, die auch nicht mehr arbeiten als ich?" heißt es in dem Prospekt. Der Zentralverband deutscher Konsumgenossenschaften (ZdK), ihre Großeinkaufs-Gesellschaft (GEG) und die ihnen nahestehende Bank für Gemeinwirtschaft (BfG) empfehlen: "Lassen Sie einen Hundertmarkschein als CO-OP Anteilschein für Sie arbeiten."
Für 98 Mark Ausgabepreis sichert der Erwerber sich im ersten Jahr einen garantierten Mindestertrag von fünf Prozent und den Konsumgenossenschaften zusätzliches Betriebskapital. Sie müssen im nächsten Jahrzehnt etwa 600 Millionen Mark investieren, um mit potenten Wettbewerbern wie Einkaufsgenossenschaften (Edeka), Handelsketten (Spar), Filialisten (Kaiser's Kaffee) und den Lebensmittelabteilungen der Warenhäuser Schritt halten oder gar ihren Marktanteil von derzeit neun Prozent vergrößern zu können.
In der Gründerzeit waren die Konsumgenossenschaften als "Konsum- und Sparvereine" aufgetreten. Am 31. Dezember 1932 verwalteten sie mehr als 322 Millionen Mark Spargroschen ihrer Mitglieder. Danach aber mußten sie auf Geheiß der Nationalsozialisten die in vielen Konsumläden aufgestellten grünen Sparschränke schließen.
Die Geschäftsanteile der Mitglieder - für 50 Mark Einlage erwirbt das Konsummitglied Anspruch auf drei Prozent Rückvergütung - reichen für ein großzügiges Investitions-Programm nicht aus. Ende Januar 1966 hielten nicht einmal mehr zweieinhalb Millionen Genossen solche Anteile. Genossenschaftlichen Organisationen ist überdies der Kapitalmarkt versperrt.
Um trotzdem moderne Läden und Supermärkte errichten zu können, nahmen einzelne Konsumgenossenschaften Darlehen bei ihren Mitgliedern auf. Der Konsum Düsseldorf zum Beispiel setzte vor drei Jahren bei seinen 62 000 Mitgliedern zu reizvollen Zinssätzen Schuldscheine über zusammen 800 000 Mark ab.
Im Unterschied zu solchen Vor -Finanzierungen richtet sich das Angebot des CO-OP Immobilien-Fonds an das breite Publikum. Aus dem Erlös der Anteile sollen nicht nur Grundstücke erworben und Konsumläden gebaut, sondern auch Wohnblocks errichtet werden.
Verhandlungspartner der Anteilkäufer ist nicht der Fonds unmittelbar, sondern eine auf Wunsch des Bundesaufsichtsamtes für das Kreditwesen zwischengeschaltete Verwaltung AG. Sie nimmt das Geld entgegen, kauft mit einem kleinen Teil davon sämtliche Aktien der CO-OP Immobilien-AG (Nennwert zwei Millionen Mark) und stellt ihr den größeren Teil des Erlöses als Darlehen zur Verfügung.
Diese Manipulation sichert eine Gewinnausschüttung auf die CO-OP -Papiere selbst dann, wenn die Immobilien-AG einmal Verluste ausweisen und keine Dividende zahlen sollte. Die Verwaltung kassiert in jedem Fall die Zinsen für die Darlehen.
Mit den Brieftaschen-Prospekten einem Preisausschreiben und Plakaten wollen die Konsum-Läden auf ihre neuartige Handelsware aufmerksam
machen. Obwohl zum gleichen Preis siebenprozentige Pfandbriefe und Kommunalobligationen angeboten werden, glauben die Fonds-Planer, ihr vorerst fünfprozentiges Konsum-Papier flott absetzen zu können.
Sie haben das Plakat, das Mitte Mai ausgehängt werden soll, schon fertig: "Ein großer Erfolg!"
Konsum-Supermarkt bei Frankfurt:
Immmolilien an der Lebensmittelkasse

DER SPIEGEL 18/1966
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 18/1966
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

KONSUMGENOSSENSCHAFTEN:
Immobilien an der Kasse

  • Klimaschutzplan der EU-Kommission: Von der Leyens Vision vom grünen Europa
  • Frust vor Großbritannien-Wahl: "Keiner von denen sagt die Wahrheit"
  • Greta Thunberg beim Klimagipfel: "Man rennt sofort los und rettet das Kind"
  • Klopps Entschuldigung beim Dolmetscher: "Ich war ein Idiot"