25.04.1966

PELZELocken aus dem Osten

Bei Paprika-Steak und Moselwein besiegelte die Viererrunde im Frankfurter Savoy-Hotel den Vertrag. Einer der beiden Ausländer versicherte in akzentfreiem Englisch: "Selling is our business, advertising is your business."
Es war der sowjetische Handelsfunktionär Michail Postuschenko, der sich zur kapitalistischen Arbeitsteilung zwischen Verkauf und Werbung bekannte. Zum erstenmal in fast 50 Jahren Sowjethistorie erteilten Moskauer Staatshändler einem westlichen Privatunternehmen den Auftrag, für russische Exportware zu werben.
Westfirmen, beispielsweise Krupp oder Demag, bedienen sich der staatlichen Moskauer Agentur Wneschtorgreklama für die Anzeigenwerbung in russischen Zeitschriften. Die Sowjets hingegen fabrizierten bislang ihre Minimalwerbung im Westen selbst.
Es handelte sich ohnehin meist nur um Hinweise auf russische Messen und Ausstellungen. Denn die Exportwaren der UdSSR eignen sich entweder nicht für Werbung, wie zum Beispiel Erdöl und Eisenerz, oder verkaufen sich von selbst, wie etwa Kaviar.
Zu den problemlosen Waren hatten lange auch die Felle von Karakulschafen gehört, aus denen Persianerpelze gearbeitet werden. Bis zum Zweiten Weltkrieg besaßen die Sowjets ein fast unangefochtenes Verkaufsmonopol für das lockige Fell. Dann aber machten ihnen die Schafzüchter im ehemaligen Deutsch -Südwestafrika harte Konkurrenz.
Heute bringt Rußland zwar immer noch die meisten Karakulfelle hervor (sechs Millionen Stück jährlich) und exportiert auch noch die meisten (rund vier Millionen Stück). Aber die Südwestafrikaner sind mit dreieinhalb bis vier Millionen Export-Fellen dicht auf, und vor allem: Sie erzielen um die Hälfte höhere Preise für ihre Schafslocken.
Der afrikanische Ringelpelz ist anders als der russische. Die im Jahre 1907 von dem Deutschen Paul Thorer aus der Bucharei (heute: Sowjetrepublik Usbekistan) in die kaiserliche Kolonie verpflanzten Karakuls gediehen dort erst, nachdem sie mit einheimischen Schwarzkopfschafen gekreuzt worden waren. Überdies veränderte auch das warme Klima Haut und Haarwuchs der Tiere. Ihre Felle hatten dünneres Leder und feinere, längere Locken als die der russischen Art.
Der geschmeidige Afrika-Persianer paßte gut zur modernen Stromlinien -Eleganz, und die Schafzüchter halfen dem Erfolg durch Werbung nach. Sie ließen es sich allein in Westdeutschland bis zu einer halben Million Mark jährlich kosten, ihren "SWA" oder "Swakara"-Persianer zur Markenware zu machen.
Die Bundesdeutschen sind der Welt eifrigste Persianerträger; fast die Hälfte der international gehandelten Karakul -Felle wird nach Westdeutschland verkauft. Und auf diesem Markt sind die Russen den Afrikanern bereits unterlegen: Sie setzten im vergangenen Jahr etwa 1,4 Millionen Felle für rund 40 Millionen Mark ab, die afrikanischen Konkurrenten dagegen knapp zwei Millionen Felle für 69 Millionen Mark. Die Sowjetlocken finden fast nur noch als Besatz für westdeutsche Damenbekleidung und Material für Herrenpelzmützen Verwendung.
Dem Moskauer Staatsmonopol für Pelzhandel Sojuspuschina schien es an der Zeit, sich etwas einfallen zu lassen. Auf der Frankfurter Pelzmesse Ende März dieses Jahres nahmen Michail Postuschenko und Handelsrat Anatolij Solkin mit der Firma Neo-Werbung aus Hamburg Kontakt auf.
Für zunächst 130 000 Mark sollen sie Hamburger Kürschnern und Modehäusern den sowjetischen Persianer in Erinnerung bringen, Modeschauen und Messen beschicken sowie die westdeutschen Verbraucher für den Russenpelz interessieren. Handelsrat Solkin: "Man spricht sehr wenig über uns, aber von unserem Hauptkonkurrenten sieht man immer so gute Reklamebeispiele."
Auch ein Markenname wird schon erwogen. Er erinnert an die sowjetische Heimat des Kräuselschafs und zugleich an das afrikanische Zeichen Swakara, ließe aber deutsche Käufer eher an Teppiche denken: Buchara.
Russischer Messestand in Frankfurt
Werben wie die Deutschen

DER SPIEGEL 18/1966
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