25.04.1966

HAUSHALTS-SCHUTZTod am Herd

In Haus und Garten sterben jährlich
9800 Bundesbürger einen jähen Tod
- fast so viele, wie die Stadt Donauwörth Einwohner hat. Sie stürzen von Leitern, werden vom elektrischen Schlag getroffen oder zerfleischen sich mit Heimwerkzeugen.
Während die Berufstätigen (4943 tödliche Betriebsunfälle) durch Reichsversicherungsordnung, zwölf weitere Bundesgesetze, 65 Bundes-Verordnungen, drei Landesgesetze, 111 Landes-Verordnungen und 250 Unfallverhütungs-Vorschriften gegen die Gefahren am Arbeitsplatz abgeschirmt werden, war den 16 Millionen Hausfrauen ein gesetzlicher Schutz bislang versagt.
Jetzt hat die Bundesregierung die geschundene Hausfrau entdeckt. Arbeitsminister Hans Katzer legte dem Kabinett ein "Gesetz über technische Arbeitsmittel" vor. Darin werden die Hersteller und Importeure verpflichtet, Maschinen und technische Geräte auch für den privaten Gebrauch nur dann zu verkaufen, "wenn ... nach den anerkannten Regeln Benutzer oder Dritte ... gegen Gefahren für Leben oder Gesundheit geschützt sind".
Als "anerkannte Regeln" will Katzer jene Normen gelten lassen, die von der Industrie zwar schon entwickelt, jedoch nur unzureichend angewendet wurden. Am diszipliniertesten verhielten sich noch die Hersteller von Gasgeräten. Sie liefern seit Anfang 1963 nur Herde und Boiler aus, die nach den Normen des Deutschen Vereins von Gas- und Wasserfachmännern" voll gegen das Ausströmen von Gas gesichert sind.
Ebenso freiwillig gingen die Produzenten elektrischer Geräte zu dem vom Verband Deutscher Elektrotechniker (VDE) entwickelten Schuko-Stecker über. Freilich sicherte die Stecker-Aktion den Firmen auch einen willkommenen Mehrumsatz.
Schwerer taten sich die Geräte-Hersteller mit einer anderen VDE-Neuerung. Der Verband führte ein Prüfzeichen für solche Elektrogeräte ein, die ihm vorher zur Untersuchung auf absolute elektrische Sicherheit vorgelegt werden.
In einer Testreihe der Arbeitsgemeinschaft der Verbraucherverbände wiesen indes von 28 Heimgrillgeräten nur zehn das Prüfsiegel auf. Vier Hersteller gaben an, ihre Apparate steckten noch im Examen, 14 Fabrikanten wollten ohne das Garantieschild auskommen.
Nicht minder unbeliebt sind die Sicherheitsregeln des Deutschen Normenausschusses. So stellten die Verbraucherverbände fest, daß bei 14 von 34 getesteten Waschkombinationen der Deckel der Wäscheschleuder nicht gesichert war. Wer in die laufende Schleuder greift, kann sich die Hand abreißen.
Als leistungsfähige Finger-Abschneider ermittelte die Bundesarbeitsgemeinschaft der gemeindlichen Unfallversicherungsträger bestimmte Typen elektrischer Kaffeemühlen und Brotschneidemaschinen.
Eine Frankfurter Klinik berichtet, sie müsse täglich fünf Patienten behandeln, die sich beim Kaffeemahlen in den Finger schnitten.
Zwar widmet sich schon seit 1954 der gemeinnützige Verein "Aktion Das sichere Haus" unter der Schirmherrschaft von Hausfrau Luise Erhard dem Unfallschutz am heimischen Herd. Der Verein gibt aber im wesentlichen schöne Druckschriften und wohlfeile Sicherheitssprüche heraus.
Über die häuslichen Unfallquellen philosophierten die Vereins-Poeten: "Die Nacht wird zum Tage gemacht, Augen und Ohren werden überanstrengt, die Gleichschaltung zwischen kosmischen Vorgängen und natürlichen Funktionen des menschlichen Lebens wird gestört."
Trotz solcher Mahnungen, hat das Arsenal häuslicher Marterinstrumente von Jahr zu Jahr zugenommen. Nach Katzers Willen soll dem häuslichen Massaker nun mit bürokratischen Machtmitteln entgegengetreten werden. Die 15 Paragraphen seines Schutzgesetzes werden, wenn das Parlament zustimmt, die Bundesregierung ermächtigen, die VDE- und DIN-Sicherheitsnormen für verbindlich zu erklären. Bundesarbeitsminister Katzer
Mit bürokratischen Machtmitteln ...
Hausfrau, Wäscheschleuder
... gegen das häusliche Massaker

DER SPIEGEL 18/1966
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