25.04.1966

PHOTOMODELLEImport in Blond

Für 800 Mark Tagesgage, Jet-Flugschein erster Klasse und Spesen kam Helen Oken, 22, Ende März aus New York nach Düsseldorf. Dort hantierte die appetitliche Amerikanerin vor der Kamera eines Werbephotographen mit einem neuartigen Gerät zum Zertrümmern leerer Flaschen und entflog nach drei Tagen Aufenthalt.
Ob bei Eis- oder Zahnkrem, Miedern oder Mixgetränken - überall in Westdeutschlands Werbung tauchen ausländische Photomodelle auf: Westdeutschlands schönste Gastarbeiter.
Cinzano trinkt der Amerikaner Alan Stokes, Herren-Konfektion trägt der Engländer Pat Gregory, Waldorf-Zigaretten raucht sein Landsmann Earl Napp. Die Pariserin Brigitte Gerard verkauft Langnese-Eis, die Schwedin Karin
Mossberg lächelt für Sulfrin und Pepsodent. Auf einer Anzeige der Zigarettenmarke Privat 85 marschierten zehn Twens; acht davon waren Ausländer.
Volkshelden der deutschen Bilderwerbung sind Fremdstämmige:
- Tchibo-Kaffee-Experte: Wensley Pithey, 52, aus London.
- Puschkins Frank S. Thorn: Hans
Meyer, 42, aus London,
- Triumphs Amourette-Mädchen: Brigitte Juslin, 29, aus Helsinki.
Die Invasion ausländischer Photomodelle erreicht ihren Höhepunkt in einer Zeit, da das Ausland "Brünnhildes neue Figur" ("Time") entdeckte und bestaunte.
"Life" schrieb von "Deutschlands zweitem Nachkriegswunder". "Playboys" "Salut für die hübschesten Fräuleins" lautete: "Sexy, leidenschaftlich und wunderbar". Und "Newsweek" stellte fest, daß die von der Natur begünstigten Teutoninnen als Photomodelle einen "rasant wachsenden Anteil am Weltmarkt gewinnen".
In New York stiegen Brigitte Bauer, Wilhelmina Behmenburg und Vera Gräfin Lehndorff zu Star-Modellen auf. In Paris machten Christa Fiedler und Ina Balke Top-Karrieren.
Der Export in Blond ließ die Spitzengruppe der deutschen Photomodelle auf etwa zwei Dutzend Mädchen und ein Dutzend Männer zusammenschmelzen. Ihnen drohte bald das Schicksal, ausphotographiert und damit unverwendbar zu werden; kein Parfümfabrikant mag mit einem Modell werben, das sich als Margarine-Idol im Bewußtsein der Verbraucher festgesetzt hat - und selbst Zigarettenmarken machen nur ungern mit den gleichen Modellen Reklame.
Gleichzeitig wuchs in Deutschland der Bedarf an Photomodellen. Allein 1965 wurden 11 000 Markenartikel und Dienstleistungen mit Anzeigen, Plakaten, Filmen und Fernsehspots propagiert, auf denen meistens ein oder mehrere Photomodelle posierten.
Zwar ist der Drang gut gewachsener westdeutscher Teens und Twens zur Werbekamera groß. Doch die Photographen verlangen von ihren Modellen nicht nur Mustermaße, sondern auch Schminktechnik, umfangreiche Garderobe und professionelle Erfahrung. Sie begannen, Modelle aus dem Ausland zu importieren.
Einer der eifrigsten, wenn auch unfreiwilligsten Förderer der schönen Invasion war der Staat. Die Bundesanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung in Nürnberg beansprucht in Deutschland das Monopol für die Vermittlung von Photomodellen.
Die Werbephotographen sind daher vor die Alternative gestellt, entweder Gelegenheits-Arbeiter von den Arbeitsämtern, zu beziehen (die jeden vermitteln müssen, der sich als Modell eintragen läßt) oder aber selbst Termine mit den vielbeschäftigten Modellen auszuhandeln. Im Ausland ist alles leichter. Privatagenturen vermitteln dort zu jedem Termin jede Menge qualifizierter Modelle.
Die Produzenten westdeutscher Werbefilme decken daher ihren Modellbedarf bereits heute zur Hälfte in England. Skandinavien, Frankreich und dein USA. Der Hamburger Werbephotograph Reinhart Wolf beschäftigt zu 75 Prozent Ausländer. Und Star-Knipser Charles Wilp in Düsseldorf - er photographiert unter anderem die Puschkin-Werbung
- nimmt überhaupt nur dann noch
Deutsche, wenn seine Auftraggeber es billig haben wollen.
Für die neue Triumph-Amourette -Werbung fand Wilp für tausend Mark täglich in Paris etwas Passendes mit Namen Francie Rheine, für Erba-Stoffe bat er die Schwedin Eva Ljungberg vor die Kamera. Für Puschkin importierte er die in London lebende westindische Exotin Nadine Milinaire gegen 660 Mark Gage pro Tag. Shell-Super läßt er durch die langmähnige Londonerin Alexandra Bastedo anpreisen.
Auch Helen Oken kam aus New York für ihn geflogen, laut Wilp "das einzige Mädchen, das ein Party-Girl glaubhaft darstellen kann"
Importierte Modelle Meyer, Brigitte Juslin, Pithey: Vor deutschen Kameras ...
Photograph Wilp, US-Modell Helen Oken
... ersetzen Gastarbeiter ...
... die deutschen Gesichter: Exportierte Modelle-Brigitte Bauer, Ina Balke, Wilhelmina Behmenburg

DER SPIEGEL 18/1966
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