25.04.1966

FRAUENZEITSCHRIFTENZur Kasse

Mit 500 000 Exemplaren Druckauflage startete der Kölner Verlag M. Du-Mont Schauberg sein Experiment, westdeutschen Frauen neben Käse und Katenwurst ein Presseprodukt anzubieten. Der Erstling des Monatsblattes "Ich und meine Familie" lag Ende März in 5000 Selbstbedienungsläden aus.
Die Kölner setzten auf ein Erfolgsrezept, das sich in Amerika und England bewährt hat. In den USA präsentierte als erster der Verlag Cowles Press eine Frauenzeitschrift ausschließlich dort zum Kauf, wo die Kundschaft ohnehin das Portemonnaie öffnet: an den Kassen der Supermärkte. Der "Family Circle" (Familienkreis) von Cowles wurde mit neun Millionen Monatsauflage das größte Frauenblatt der Welt.
Ende 1964 packte Cowles gemeinsam mit dem Londoner Verlagskonzern Thomson den "Family Circle" auch in englische SB-Läden. Ergebnis: Innerhalb von drei Monaten erreichte das Blatt mit 750 000 Auflage die Spitze der britischen Frauenpresse.
Nun wollten Cowles und Thomson auch Westdeutschland erobern. Der Kölner Verlag DuMont Schauberg ("Kölner Stadt-Anzeiger" und das Boulevard -Blatt "Express") suchte gerade nach einem "neuen interessanten Objekt" (Verlagssprecher Hans Günter Sussenburger), das die Tiefdruck-Kapazitäten seiner jüngsten Tochter "DuMont Presse" nutzen sollte.
Die drei beschlossen, den deutschen "Family Circle" unter dem Namen "Ich und meine Familie" gemeinsam herauszubringen. Sie gründeten dafür in Köln die Co-Publica Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG unter Sussenburgers Geschäftsführung. Die Kölner Einkaufsgesellschaft Gedelfi fand sich bereit, das neue Blatt exklusiv in den 5000 Selbstbedienungsläden der 81 Mitgliedsfirmen zu vertreiben.
Die Exemplare der Zeitschrift liegen an den Kassen der Gedelfi-Läden gestapelt. Während die Kundinnen mit gefüllten Warenkörben aufs Bezahlen warten, fällt ihnen der Entschluß leicht, noch eines der Hefte für 70 Pfennig obendrauf zu legen.
Den Händlern geht durch die simple Art der Auslage kaum Verkaufsfläche verloren, und sie verdienen an jedem Heft 24 Pfennig. Da die Zeitschrift von der Co-Publica an die Gedelfi-Mitglieder direkt geliefert wird, können sich Verlag und Einzelhändler die Großhandelsspanne (in der Regel 15 Prozent) teilen.
Das neue Produkt ist auf jene Hälfte der westdeutschen Weiblichkeit zugeschnitten, die bislang überhaupt keine Frauenzeitschrift liest.
Das redaktionelle Rezept: bieder bis zum Exzeß. Auf den hundert Seiten der Nummer 1 (davon 13 Seiten Anzeigen) war kein Quadratzentimeter Haut südlich des Gürteläquators zu sehen. Kinder, Kleider, Küche beherrschten die Hausmannskost, gewürzt mit etwas Kraftfahrt, Kreislauf und Kosmetik.
Die Hamburger Verlagsgruppe Gruner + Jahr, die mit "Constanze", "Brigitte" und "Petra" gleich drei einschlägige Blätter im Sortiment hat, wurde hellhörig. Noch ehe der Neuling aus Köln erstmals ausgeliefert wurde, begann Gruner + Jahr ebenfalls mit dem Verkauf in Selbstbedienungsläden zu experimentieren. Die Hamburger boten ihre Frauenhefte mit den anderen Verlagsobjekten "Stern", "Zeit" und "Schöner wohnen" an und packten auch verlagsfremde Titel dazu. Bis Ende dieses Jahres soll die Zahl der Verkaufsstellen von ursprünglich elf auf 200 erweitert werden.
In vorerst 300 SB-Läden liegen seit Mitte März versuchsweise auch 14 Zeitschriften der Presse-Unternehmen Springer, Burda, Martens und Jahreszeiten-Verlag im Kollektiv-Angebot - von "Hör zu" bis "Film und Frau".
Trotz der Konkurrenzmanöver sind die Kölner, die den Presse-Run auf die Supermärkte in Gang gebracht haben, optimistisch. Zwar nennt die Co-Publica für das erste Heft keine Verkaufszahlen, aber die Nummer 2 kommt Donnerstag dieser Woche mit erhöhter Druckauflage heraus: 550 000.
Supermarkt-Blatt "Ich und meine Familie", Leserin: Kinder, Küche und Kraftfahrt

DER SPIEGEL 18/1966
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 18/1966
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

FRAUENZEITSCHRIFTEN:
Zur Kasse

  • Erster Filmtrailer: "James Bond 007 - Keine Zeit zu sterben"
  • Generalstreik in Frankreich: "Schwarzer Donnerstag" legt Paris lahm
  • Traumtore in Ligue 1: Hackentor Mbappè, Elfmeter Neymar
  • Nato-Gipfel in London: Staatschefs witzeln offenbar über Trump