25.04.1966

BREMENMädchen mit Muskeln

Als Schulmädchen verachtete Ilse Puppen wie Mädchenkleider und stellte mit Steinschleudern Vögeln nach.
Als Teenager lernte sie bei der vormilitärischen DDR-"Gesellschaft für Sport und Technik" Judogriffe für den Nahkampf und den Umgang mit Schußwaffen.
Als muskulöser Twen von 79 Kilo lehrte Ilse Terner Bremens Polizei das Fürchten: Wann immer das bubiköpfige Mädchen mit den Männermuskeln Männerdurst gelöscht hatte (Lieblingsgetränk: Bier und Klarer); hinterließ es zerbrochene Fensterscheiben, zerkleinertes Mobiliar und blessierte Polizistenleiber.
Hauptwachtmeister Karl Mohrmann, 43, vom Bremer 14. Polizei-Revier, als das Mädchen nach der fünften Prügelei zum drittenmal in Bremen vor Gericht stand: "Die Angeklagte hat enorme Kräfte. Selbst Polizeigriffe nutzen nichts. Und aus den Knebelketten befreite sie sich spielend."
Mit umnebeltem Kopf, nach vollendetem Einbruch in ein Waffengeschäft, landete sie 1962 auf gestohlenem Moped irrtümlich auf dem Hof eines Polizeireviers. Mit Füßen, Fäusten und Zähnen wehrte sie sich gegen die Polizisten, die sie in eine Ausnüchterungszelle stecken wollten. Resultat der Sauf- und Rauftour: acht Monate und zwei Wochen Gefängnis.
Viermal lieferte das starke Mädchen einer jeweils überlegenen Polizeistreitmacht Gefechte - wieder kam sie 1963 für ein Jahr ins Gefängnis. Vor einem gerade eingeschlagenen Feuermelder wurde Ilse, wieder in Freiheit, von den Bremer Streifenbeamten Hans Mohrmann und Hans Iström ertappt. "Weil sie uns sonst alle Scheiben zerschlagen hätte", konnten sie den Polizistenschreck nicht in den Streifenwagen verfrachten. Die Feuerwehr, mit einem kompletten Löschzug und 18 Mann angerückt, leistete Amtshilfe. Im Gerätewagen wurde Ilse aufs Revier gebracht, wo es bald "furchtbar turbulent" (Mohrmann) zuging:
Fünf Polizisten mußten das Mädchen festhalten, als ihm ein Arzt (Ilse: "Du kommst mir nicht an meinen Körper, du bist ja nur ein Maler und kein Doktor") eine Blutprobe entnahm. Zwei der Polizeibeamten mußten danach Schürfwunden und Verstauchungen behandeln lassen.
In der Haftzelle riß Ilse Terner mit bloßen Fingern acht Zentimeter lange Nägel aus der Wand. In ihrer Zelle im Bremen-Blumenthaler Frauengefängais steckte sie das Inventar an. Und aus dem Lübecker Frauengefängnis mußte sie wegen Gewalttätigkeit in eine feste Abteilung des Landeskrankenhauses im schleswig-holsteinischen Neustadt verlegt werden.
Von dort reiste Ilse vorletzte Woche zum Termin vor der Großen Strafkammer III des Landgerichts Bremen. Sie wurde von zwei Pflegerinnen und sechs durchtrainierten Polizisten bewacht und stand unter der Einwirkung von Medikamenten, die, so der Sachverständige Obermedizinalrat Dr. Hans F. Meyer, "jeden gesunden Menschen in einen Tiefschlaf versetzt" hätten.
1963 hatten psychiatrische Sachverständige Ilse zwar für rabiat, aber sonst gesund befunden: eine "weibliche Halbstarke mit einer ausgeprägten Neigung zu aggressiven Handlungen". Jetzt konstatierte der Sachverständige Dr. Meyer außer leichtem Schwachsinn sogenanntes Jugendirresein - eine Form der Schizophrenie.
Meyer vermutet, daß Ilse Terner bereits vor vier Jahren krank war. Das Mädchen hätte dann bereits damals statt ins Gefängnis in eine Heilanstalt gehört
Bremer Polizeirevier 14
Turbulenz in der Zelle

DER SPIEGEL 18/1966
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