25.04.1966

GAWLICZEKSchwieriger Schwarm

Aus ungewöhnlichem Anlaß rief das HSV-Präsidium seine Bundesliga -Mannschaft am vergangenen Montag in den trophäengeschmückten Ligaraum des Klubhauses an der Hamburger Rothenbaumchaussee 115. "Könnt ihr mit dem Trainer noch zusammenarbeiten?" begehrte Maizena-Direktor und HSV -Präsident Karl Mechlen zu wissen.
Der Spielerschwarm konnte es nicht. Geschlossen stimmte er gegen Trainer Georg Gawliczek, 47. Er wurde als zehnter Bundesliga-Trainer seit 1963 - mit einem Jahresgehalt von 50 000 Mark vorzeitig beurlaubt. An Fachwissen hatte es Gawliczek nicht gefehlt. Er war gescheitert, weil es ihm an der Fähigkeit zur Menschenführung und an Einfühlungsvermögen gebrach.
Gawliczek, in Mähren geboren, aber in Duisburg aufgewachsen, war nur Feldwebel und nicht, wie Alt-Bundestrainer Josef Herberger von guten Fußball-Lehrern verlangte, "Feldherr und Feldwebel zugleich". Bei Herberger diente der frühere Oberliga-Spieler (1. FC Köln, Schalke 04) drei Jahre lang als Assistent. Mit Erfolg präparierte er die deutsche Amateur-Nationalmannschaft.
Von seinem Ruf und Vorschußlorbeer als Herberger-Gehilfe profitierend, verpflichtete sich Gawliczek für 3000 Mark Monatsgehalt als Klubtrainer bei Schalke 04. Doch bereits im ersten Bundesliga-Jahr fiel Schalke vom zweiten auf den achten Platz zurück. Die erfahreneren Spieler muckten gegen Gawliczeks rauhbautzigen Kommandoton auf. Aus den jüngeren vermochte er keine erfolgreiche Mannschaft zu formen. Den späteren Nationalstürmer Walter Rodekamp schickte Gawliczek sogar fort.
Die Dortmunder "Westfälische Rundschau" schrieb von seiner "Hauptschuld an Schalkes Schwierigkeiten". Dennoch bot der HSV Gawliczek 1964 noch während der Saison eine naue Chance, weil sein Vorgänger Martin Wilke die zu hoch gespannten Erwartungen nicht erfüllt hatte. Seine HSV-Mannschaft war sechste geworden.
Wilke-Nachfolger Gawliczek erhielt für die Mannschafts-Aufstellung, Training und Vorbereitungslager autoritäre Vollmachten. "Viele Trainer", verglich Alt-Nationalspieler Josef Posipal, "dürfen die Aufstellung nur vom Zettel ablesen." Allein Gawliczek erschütterte schon bald nach Dienstantritt das Vertrauen vieler Spieler. Vor Journalisten und ausdrücklich zur Veröffentlichung qualifizierte er zehn von 24 Lizenzspielern als "nicht bundesligareif" ab.
Aus der Zeitung erfuhren
- der Spieler Heiko Kurth, daß er im
"Handeln und Denken zu langsam",
- der Spieler Woldmann, daß er "zu
weich" und "ein Angsthase",
- der Stürmer Vogler, daß er "sensibel und milchmädchenhaft" sei.
Wenige Wochen später setzte Gawliczek die Spieler Erwin Piechowiak und Dieter Seeler ein, von denen er behauptet hatte, daß sie "für die erste Wahl einfach nicht mehr in Frage" kämen.
Inkonsequent wechselte Gawliczek auch häufig defensive und offensive Taktik. So schwankten die Leistungen des HSV extrem. Gute Gegner wurden besiegt. Gegen den Tabellenletzten Schalke 04 dagegen verlor der HSV sogar in Hamburg. Statt den HSV wieder an die Spitze zu führen, fiel Gawliczek mit seiner Equipe 1965 auf den elften Bundesliga-Platz zurück.
Ersatzspielern widmete er nicht einmal im Training ein Wort - bis er sie wieder benötigte. "Er hat keinen Spieler weitergebracht", bemängelte Mannschafts-Betreuer Posipal. "Deshalb blieb die ganze Mannschaft stehen - trotz sechs Nationalspielern."
Vor allem vernachlässigte Gawliczek alle über Training und Spiel hinausgreifenden Aufgaben, die im modernen Fußball über Erfolg und Mißerfolg entscheiden. Herberger wußte jeden Spieler davon zu überzeugen, daß er eine Schlüsselrolle auszufüllen habe. Gawliczek instruierte seine Kicker selten durch fachliche Hinweise auf spielerische Eigenarten ihrer Gegenspieler. Nach Niederlagen deprimierte er sie zusätzlich durch öffentliche Pauschalkritik: "Ihr habt kümmerlich gespielt." Herberger nahm seine Spieler selbst nach schlechten Leistungen in Schutz.
Spielhemmende psychologische Hindernisse beachtete Gawliczek kaum. So fand der finnische Nationalspieler Juhani Peltonen in zwei HSV-Jahren kaum Kontakt. Er spricht nicht flüssig genug Deutsch, um sich rasch verständigen oder mit seinen Spielkameraden unterhalten zu können. Der Stuttgarter Bundesliga-Trainer Rudi Gutendorf dagegen führte freiwilligen Englisch-Unterricht ein. Seine Spieler sollen bei Auslandsreisen ohne Dolmetscher auskommen und Selbstbewußtsein gewinnen.
Gawliczek verpaßte zudem oft den richtigen Ton. Im Training raunzte er: 'Geh ran oder ich hol' dich vom Platz." Auch Journalisten gegenüber wurde er ausfallend. Einem Photographen drohte er Prügel an. Den "Abendecho"-Redakteur Georg von Bentheim, der ihn kritisiert hatte, beschimpfte er: "Sie werden mich noch kennenlernen."
Im Januar revoltierte die HSV-Mannschaft erstmals gegen ihren Fußball -Feldwebel. Doch einige Spieler, darunter Uwe Seeler, hielten noch zum Trainer. Seeler damals: "Es liegt nicht allein an ihm. Wir haben zu schlecht gespielt." Der Klub verlängerte Gawliczeks Vertrag demonstrativ um ein Jahr.
In der vorletzten Woche hatte auch Uwe Seeler seine Meinung geändert. Als Mannschaftskapitän trug er dem Präsidium die Klagen der Spieler vor. Nachdem zum letzten HSV-Heimspiel gegen den 1. FC Kaiserslautern nur noch 6000 Zuschauer (Bundesliga-Durchschnitt: 20 000) erschienen waren, riefen die HSV-Oberen ihre Mannschaft zum Scherbengericht. Offiziell erklärten sie: Der Trainer bat um Urlaub." Gawliczek: "Kein Kommentar."
Bereits am letzten Dienstag trainierte der Koblenzer Josef Schneider die "schwierige Mannschaft" (Uwe Seeler). Schneider war 1965 vorzeitig von Hertha BSC entlassen und vom HSV als Jugendtrainer engagiert worden.
So stellte der HSV einen neuen Bundesliga-Rekord auf. Er besoldet zur Zeit drei Bundesliga-Trainer gleichzeitig: Gawliczek bis 1967, dessen Vorgänger Wilke bis zum Juni 1966, und Schneider. Schneiders Vertrag gilt bis 1970.
Entlassener HSV-Trainer Gawliczek, Uwe Seeler beim Freizeitsport: "Geh ran ...
Neuer HSV-Trainer Schneider
... oder ich hol' dich vom Platz"

DER SPIEGEL 18/1966
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