25.04.1966

Moltke im Dschungel (siehe TitebiId*)

Der Einsatzoffizier auf dem Flugdeck des 42 600-Tonnen-Trägers "Hancock" läßt seinen rechten Arm über dem Kopf kreisen. Die Triebwerke des Düsenjagdbombers Phantom F-4 C heulen auf. Dann streckt der Offizier im gelben Pullover mit Schutzmaske vor dem Gesicht den rechten Arm in Startrichtung und macht dabei eine Kniebeuge. Trotz schwerer Bombenlast saust die Maschine, von Katapult und Triebwerken zugleich getrieben, wie eine Rakete über die kurze, leicht schwankende Startbahn.
Bevor die Phantom im Dunst über der südchinesischen See verschwindet, sind schon die zweite und dritte Maschine der Staffel in der Luft. Ihr Kurs: Nordwest. Ihre Angriffsziele: Radarstationen und Abschußbasen sowjetischer Luftabwehrraketen vom Typ Sam -II in unmittelbarer Nähe der nordvietnamesischen Hauptstadt Hanoi.
18 600 Einsätze hat die US-Luftwaffe im letzten Jahr gegen den kommunistischen Staat Nordvietnam geflogen, seit Präsident Johnson im Februar 1965 die Ausdehnung des Luftkrieges befahl. Zwei Ziele aber waren bis zur vergangenen Woche auf ausdrückliche Präsidenten -Order für alle US-Bomber tabu - die dichtbesiedelten Gebiete um die Hauptstadt Hanoi und die Hafenstadt Haiphong.
Grund für das 14 Monate währende Verbot: Amerikas Staatschef Lyndon B. Johnson wollte alles vermeiden, was Rotchina in den Krieg zwingen könnte.
Jetzt hat Johnson den Angriffsbefehl gegen bestimmte militärische Anlagen vor Hanoi und Haiphong gegeben. Die Vereinigten Staaten und die Welt sind damit einen Schritt näher an den Abgrund des großen Krieges gerückt, an den Abgrund eines Konflikts zwischen Amerika und dem rotchinesischen Moloch.
Seit Anbeginn des Krieges in Vietnam wird die amerikanische Strategie von zwei unerbittlichen Gesetzen begrenzt:
- Je rücksichtsloser die amerikanische Militärmacht zuschlägt, um so größer wird die Gefahr einer Ausdehnung des Konflikts über Südvietnam hinaus.
- Je vorsichtiger die amerikanische Militärmacht vorrückt, um so geringer werden die Chancen eines Sieges in Südvietnam.
Hier liegt der Schlüssel zu Präsident Johnsons riskantem Angriffsbefehl der vergangenen Woche. Denn Südvietnam wurde in den letzten Wochen von einer politischen Katastrophe heimgesucht, die Amerika mit einer Verschärfung der militärischen Operationen gegen Nordvietnam aufzufangen hofft.
Die Vereinigten Staaten verteidigen in Südvietnam einen Staat, der nicht mehr existiert, und ein Volk, das sich nicht mehr verteidigen will. Jahrelang von Krise zu Krise taumelnd, scheint Südvietnam in Anarchie zu versinken. Für die Verteidigung dieses Gebildes hat Amerika ein Expeditionskorps von 240 000 Mann eingesetzt. Tägliche Kosten: 70 Millionen Mark. Täglicher Blutzoll: 20 Gefallene. Insgesamt wurden bisher über 2700 Amerikaner in Südvietnam getötet.
Ein US-Soldat, der heute für einen Monatssold von 200 Dollar in Südvietnam kämpft, hat eine Überlebenschance von 119 zu 1.
Oberbefehlshaber dieser Streitmacht ist der Vier-Sterne-General William Childs ("Westy") Westmoreland, 52. Einst kämpfte er in Nordafrika, auf Sizilien und am Rhein gegen die Deutschen. Heute gilt er als möglicher nächster Stabschef der US-Armee. Den bei einem Tennisunfall gebrochenen Arm noch im Gipsverband, sagte Westmoreland dem SPIEGEL: "Die Sache hier ist noch lange nicht vorbei. Es werden noch schwierige Zeiten kommen." Unter Westmorelands Oberbefehl stehen:
- die 3. Marine-Infanterie-Division;
- die 1. Luftkavallerie-Division;
- die 1. Infanterie-Division;
- zwei Brigaden der 25. Infanterie -Division;
- eine Brigade der 101. Luftlande -Division;
- die 173. Luftlande-Brigade und die "Special Forces".
Hinzu kommen zwei Brigaden der südkoreanischen "Tiger-Division" und ein durch neuseeländische Artillerie verstärktes australisches Infanterie-Bataillon.
Vorgemerkt für den Vietnam-Einsatz sind außerdem die noch fehlenden Brigaden der 25. Infanterie- und der 101. Luftlande-Division sowie eine weitere koreanische Division.
Vier Eigenschaften-zeichnen das amerikanische Expeditionskorps aus:
- eine ungewöhnlich starke Kampfkraft der einzelnen Verbände; da in Vietnam ausschließlich aktive Divisionen ohne Reservisten, mit vollbesetzten Offiziers- und Unteroffiziersstellen, stehen, sind Disziplin und Ausbildungsstand der Truppen groß;
- eine ungewöhnlich große Feuerkraft; sie liegt etwa 60 Prozent über der einer vergleichbaren US-Armee des letzten Krieges;
- eine ungewöhnlich große Beweglichkeit, die 12 000 Soldaten der in An Khé stationierten 1. Luftkavallerie -Division können mit 500 Hubschraubern in wenigen Stunden an jeden Gefechtsort im Umkreis von 200 Kilometern transportiert werden;
- eine ungewöhnlich starke Luftüberlegenheit.
Die Luftwaffe ist Amerikas schärfstes Schwert im Dschungelkrieg. Sie fügt dem Gegner die schwersten Schläge zu: Nur sie kann den Nachschub des Feindes stören. Und eben dieses Schwert drohte durch die immer stärker werdende rote Luftabwehr bei Hanoi und Haiphong schartig zu werden. Darum gab der Präsident den gefährlichen Angriffsbefehl.
Im Januar hatte das jüngste Mitglied des sowjetischen Politbüros, der frühere Geheimdienstchef Schelepin, 47, den nordvietnamesischen Kommunisten bei einem Besuch in Hanoi neue Luftabwehrgeschütze und -raketen versprochen. Seither verdichtete sich das Flak-Feuer in Nordvietnam von Monat zu Monat. Alle wichtigen Ziele sind heute durch massives Sperrfeuer geschützt.
Nur gegen die sowjetischen Sam-Raketen haben die US-Piloten ein wirksames Gegenmittel gefunden. Sie lassen das im Flug sichtbare Projektil dicht herankommen und drehen dann in einer so scharfen Kurve ab, daß die Rakete nicht folgen kann, oder aber sie fliegen in so enger Formation, daß der auf den Düsenstrahl gerichtete Infrarot-Zielkopf der Rakete verwirrt wird und sich nicht entscheiden kann, welches Ziel anzusteuern ist.
Bisher haben die Amerikaner durch Sam-Raketen nur 14 Flugzeuge verloren, insgesamt jedoch über Nordvietnam 208 Maschinen.
Hundert Einsätze müssen die US -Piloten gegen Nordvietnam fliegen, ehe sie nach Amerika oder zu den in Europa liegenden Verbänden zurückkehren können. Immer mehr von ihnen werden abgeschossen, ehe diese Feindflugzahl erreicht ist. Der vom Saigoner Flugplatz Tan Sa Nut zentral gelenkte Rettungsdienst holt allerdings mit Kampfhubschraubern selbst aus den Dschungeln Nordvietnams fast jeden zweiten Piloten wieder heraus.
Ganz anders als über Nordvietnam ist die Luftlage über Südvietnam. Von feindlicher Flak weniger gefährdet, haben die Amerikaner dort eine nahezu totale Luftherrschaft. Täglich werden etwa 350 Häuser bei Luftangriffen zerbombt. Insgesamt wurden im letzten Jahr über 99 000 Einsätze geflogen; dabei gingen mehr als 80 Maschinen verloren. Einzige kommunistische Bodenabwehr: schwere Maschinengewehre, die von zwei Mann bedient werden. Aber es verdichten sich die Meldungen des US-Geheimdienstes, daß die Nordvietnamesen die Verlegung von Flak -Einheiten in den Süden vorbereiten.
Mehr als 500 Kampfmaschinen der 2. US-Luftdivision sind in Südvietnam einsatzbereit, vor allem Düsenjagdbomber der Typen F-4 C Phantom, F-100 Super Sabre und F-105 Thunderchief sowie das dem deutschen Stuka ähnelnde Propellerflugzeug A-1 E Skyraider.
Die amerikanischen Maschinen werden von den jüngsten Helden der US -Wehrmacht geleitet, den rund 100 "vorgeschobenen Luftbeobachtern" ("forward air controllers").
Jeder von ihnen hat ein ständiges Revier, das er vom frühen Morgen bis zur Dunkelheit überwacht, wie der deutsche Förster den Silberwald.
Sie fliegen allein in kleinen, langsamen (135 km/h Höchstgeschwindigkeit), unbewaffneten Maschinen vom Typ O-1 E Bird Dog, die in ihren Flugeigenschaften dem Fieseler-Storch ähneln Sobald die Luftbeobachter in ihrem Revier einen Feind ausgemacht haben, leiten sie das Feuer der Artillerie oder das Bombardement herbeigerufener Kampfmaschinen. Im Sturzflug stoßen die Luftbeobachter auf das ausgemachte Ziel (Kennwort "Charlie") hinunter und markieren es mit einer von vier Rauchgranaten, die unter den Tragflächen hängen.
Einer der Luftspäher ist Hauptmann Willy Wilson, der selbst bei größter Hitze mit weißem Schal, Monokel und elfenbeinerner Zigarettenspitze fliegt; sind ihm die Rauchgranaten ausgegangen, stellt er seine Maschine in Querlage und wirft Rauchhandgranaten aus dem geöffneten Cockpit-Fenster.
Wenn das Ziel genau genug markiert ist, gibt der Luftbeobachter den Kampfmaschinen oder der Artillerie den Feuerbefehl und beobachtet aus niedriger Höhe die Wirkung. Mit Fettstift notiert er Zeit. Treffer und ähnliche Daten an seiner Windschutzscheibe für den täglichen Bericht an das Luftwaffen-Hauptquartier in Saigon.
An einem normalen Kampftag werden von der US-Luftwaffe 1000 Bomben verschiedener Größe geworfen, 100 Sieben-Zentimeter-Raketen verschossen und 100 000 Schuß Kanonen- und MG -Munition verfeuert.
Außer den Luftbeobachtern liefern Spähtrupps und die im Land verstreut liegenden kleinen Lager der amerikanisehen Kommandotruppe "Special Forces" Berichte über die Feindlage. Die Fallschirmjäger mit dem grünen Barett und die Fernpatrouillen der anderen Verbände streifen manchmal bis zu einer Woche lang durch das vom Feind kontrollierte Gebiet und bleiben dabei in ständiger Funkverbindung mit ihrer Basis.
Das amerikanische Expeditionskorps kämpft in einem Land von etwa
1500 Kilometer Länge und 200 Kilometer Breite, das so klein ist wie die Bundesrepublik ohne Bayern und in dem es keine festen Fronten gibt. Die Vietcong kontrollieren zwar den größten Teil des vietnamesischen Territoriums, aber er besteht vornehmlich aus Dschungel und Bergen, in denen nur etwa ein Drittel der Bevölkerung lebt.
Den 240 000 US-Soldaten stehen 230 000 aktive kommunistische Kämpfer gegenüber:
- 55 000 Vietcong-Soldaten;
- 25 000 in Südvietnam eingesetzte
nordvietnamesische Soldaten;
- 115 000 Partisanen;
- 45 000 bewaffnete politische Funktionäre.
Die Vietcong-Rebellen können sich ferner auf etwa 500 000 aktive Kommunisten im Land stützen.
Im vergangenen Jahr verloren die Vietcong und die Nordvietnamesen insgesamt 35 326 Soldaten. Heute betragen die wöchentlichen Verluste etwa 500 Tote, die monatlichen Ausfälle von Gefallenen und Schwerverwundeten mindestens 5000 Mann.
Doch diese Verluste werden regelmäßig durch Aushebungen und Truppennachschub aus Nordvietnam mehr als ausgeglichen. Im letzten Jahr erhöhte sich die Zahl der kommunistischen Kämpfer in Südvietnam um 120 000.
Die 240 000 Mann starke nordvietnamesische Armee kann diese Truppen -Auffüllung theoretisch auf unabsehbare Zeit fortsetzen. Allerdings läßt die derzeitige Invasionsrate erkennen, daß Ho Tschi-minh die Masse seiner Armee zur Verteidigung des Landes gegen eine eventuelle amerikanische Landung noch zurückhalten möchte.
Im Gegensatz zu den südvietnamesischen Soldaten, denen das amerikanische Kriegsziel - Freiheit im westlichen Sinne - nichts bedeutet, wird der Kampfesmut der Nordvietnamesen aus zwei ideologischen Kraftquellen gespeist: Nationalismus und Kommunismus.
In den von ihnen kontrollierten Gebieten in Südvietnam haben die Kommunisten eine straffe politische Organisation aufgebaut. Sie regieren zwar mit Gewaltmaßnahmen, wo es nötig ist, aber ihre Verwaltung ist nicht so korrupt und funktioniert wesentlich besser als die der Regierung in Saigon.
Wo die Kriegslage es zuläßt, nimmt die kommunistische Verwaltung Rücksicht auf die Bevölkerung. So sorgen die Vietcong dafür, daß die von ihnen rekrutierten Soldaten möglichst in der Nähe ihres Heimatortes eingesetzt werden. Auch die Lasten der Requisitionen werden halbwegs gerecht verteilt.
Bauern aus dem Vietcong-Gebiet, die ihre Pachtgelder an in Saigon lebende Großgrundbesitzer abliefern wollen können dies tun, wenn sie vorher einen bestimmten Teil der Pacht oder Steuern an die Vietcong abgegeben haben.
Wichtigstes operatives Ziel des amerikanischen Expeditionskorps gegen diesen tapferen und starken Feind ist es heute, den dichtbesiedelten Küstenstreifen vom 17. Breitengrad im Norden bis Saigon freizukämpfen. An der Küste und auch im Landesinnern haben die US -Verbände dazu zahlreiche Brückenköpfe und Stützpunkte gebildet. Es sind, wo man sich nicht auf kleine Städte oder Dörfer stützen kann, viele Quadratkilometer große, häufig aus dem Unterholz gerodete Plätze. Eine kilometerweit vorgeschobene Vorpostenkette und ständige Spähtrupps sichern "Wallensteins moderne Lager" (Westdeutschlands Militär -Attaché in Saigon, Oberstleutnant Tzschaschel) vor. Überraschungs-Angriffen.
Von diesen Zentren aus suchen die Amerikaner ihren Herrschaftsbereich auszuweiten, wie Tintenkleckse auf Löschpapier, um wenigstens die an der Küste entlanglaufenden, unterbrochenen Straßen- und Eisenbahnverbindungen wiederherzustellen.
Die Eisenbahn fährt überhaupt nicht mehr; Autobusverbindungen für Zivilreisende existieren zwar noch, aber die Reisenden werden durchsucht und müssen Wegzoll entrichten, sobald sie durch Vietcong-Gebiet fahren. Postverbindungen zwischen Regierungs- und Vietcong-Territorium gibt es nicht.
Operatives US-Ziel Nummer zwei ist die Sicherung des Raumes von Saigon. In der Zweieinhalb-Millionen-Stadt selbst leben nach Schätzungen des US-Geheimdienstes mindestens 2000 Vietcong-Partisanen. Vor einigen Wochen erbeuteten die Amerikaner ein Dokument, in dem jedes in Saigon von Amerikanern bewohnte Haus verzeichnet war, mit genauer Angabe über Personalien und Dienststellung der Bewohner.
Vor allem 50 Kilometer nordöstlich der Stadt, in der Kampfzone D, halten sich starke Vietcong-Verbände. Sie leben in kilometerlangen Tunnelsystemen. Bis zu vier Stockwerke tief sind die Stollen in die Erde eingegraben. In den Tunneln gibt es Munitionskammern, Lazarette und Schulungsräume.
Die Einstieglöcher sind raffiniert getarnt und so schmal, daß ein normal gebauter Weißer sich nicht hindurchzwängen kann. Die Luftlöcher lassen sich die Vietcong von Kaninchen graben, die sie in den Labyrinthen ausgesetzt haben. Zum Schutz gegen Luftdruckwellen von Handgranaten sind Wasserschleusen angelegt, durch die jeder Tunnelbewohner hindurchtauchen muß.
Operatives US-Ziel Nummer drei schließlich ist die Rückeroberung der Reiskammer Vietnams und ganz Südostasiens - das Delta des Mekong. Wegen der politischen Optik sind dort bisher nur südvietnamesische Divisionen eingesetzt, die lediglich US-Berater haben. Aber General Westmoreland erwägt, eine US-Division ins Delta zu verlegen. Denn die kommunistischen Truppen beziehen von dort genau wie die Regierungsverbände ihre wichtigste Verpflegung: den Reis.
Freiwillig oder gepreßt müssen Dorfbewohner des Deltas Trägerkolonnen
bilden, die den Reis bis in die nördlichsten Teile Vietnams schleppen. Als Entlohnung erhalten sie von den Kommunisten einen Teil der requirierten Verpflegung zurück**.
Die Strategie des US-Oberbefehlshabers Westmoreland entspricht aufs Haar dem, was einst Preußens Generalstabschef Moltke als Wesen der Strategie bezeichnet hat: sie sei "ein System der Aushilfen". Die amerikanische Vietnam-Armee ist nicht stark genug, um einen totalen Sieg gegen einen Feind zu erringen, der sich im Dschungel verbirgt und großen Schlachten ausweicht. Deshalb führt der US-General einen "war of attrition", einen Abnutzungs- und Zermürbungskrieg, der den Kommunisten in Nord- und Südvietnam klarmachen soll, daß ihre Opfer bei Fortsetzung des Kampfes in keinem Verhältnis zu den Vorteilen eines Verhandlungsfriedens stehen.
Westmorelands Taktik ist es, den ausweichenden Gegner aufzuspüren, durch schnell herbeigeschaffte Truppen zu packen und dann mit Einsatz der überlegenen Feuerkraft zu zerschlagen ("find, fix, fight"). Voraussetzung für den Erfolg dieser Taktik ist es, den Feind ständig zu jagen und nicht zur Ruhe kommen zu lassen. Denn ein erschöpfter Gegner ist leichter zu finden.
Dem amerikanischen Expeditionskorps droht heute in Südvietnam keine militärische Niederlage mehr. Es kann an jedem Ort zu jedem Zeitpunkt jede Schlacht schlagen und gewinnen. Nur eines vermag es nicht: den Feind zur Vernichtungsschlacht zu stellen und dem Land den Frieden zu bescheren.
Die amerikanischen Truppen, die selbst nicht geschlagen werden können, sind aber zahlenmäßig nicht stark genug, gesäuberte Landstriche gegen erneute kommunistische Infiltration zu schützen. Kaum ist bei Tag ein Dorf besetzt, dann schleichen in der Nacht kommunistische Guerillas durch die Hütten, erschießen den neu eingesetzten Dorfältesten oder -lehrer. In den vergangenen acht Jahren wurden etwa 61 000 solcher Morde begangen. Jeder Aufbau staatlicher Ordnung ist damit unmöglich.
Es gäbe für die Amerikaner nur einen Weg, Südvietnam zu befreien: Sie müßten das ganze Land besetzen. Mindestens 600 000 US-Soldaten - wahrscheinlich aber eher eine Million - würden dafür benötigt. Vorerst ist Präsident Johnson nicht bereit, diesen Preis zu zahlen. Außer den Amerikanern aber kann niemand die Aufgabe erfüllen. Denn die mit modernen US-Waffen ausgerüstete südvietnamesische Armee ist zwar nominell fast 600 000 Mann stark. Aber sie ist nur auf dem Papier eine Macht.
Sie hat in den vergangenen zwei Jahren über 160 000 Mann durch Desertion verloren. Das Offizierskorps ist korrupt und von rivalisierender Feindschaft zerfressen; die Korpskommandeure bekämpfen einander erbitterter als den kommunistischen Feind.
Die moralische Zersetzung der Armee ist dabei nur ein getreues Abbild der fortschreitenden Auflösung jedes staatlichen Lebens. In dem Augenblick, da die Amerikaner die militärische Lage stabilisiert haben, herrscht politisch in Südvietnam das Chaos. Generäle und Politiker, Buddhisten und Katholiken, Regierung und Armee, 900 000 vorwiegend katholische Flüchtlinge aus Nordvietnam und die lethargischen Bewohner des Südens kämpfen seit Jahren gegeneinander. Steuern werden nur von wenigen bezahlt, die Rechtsordnung ist zusammengebrochen, die meisten Kinder können keine Schule besuchen. Staat und Wirtschaft leben von US-Subventionen. Lediglich in Saigon, der Stadt der Bars, der Regierung und des US-Hauptquartiers, herrscht die Scheinblüte der Etappe.
700 000 Montagnards - Bergstämme aus dem Annamitischen Hochland, die fast zwei Drittel des südvietnamesischen Territoriums bewohnen - fordern Autonomie. 450 000 Kambodschaner und Chinesen lehnen sich gegen die vietnamesische Vorherrschaft auf. Nach letzten Schätzungen des US-Geheimdienstes CIA können die USA und die von ihnen gestützte jeweilige Regierung in Saigon nur noch auf eine aktive Unterstützung von höchstens 400 000 erwachsenen Bürgern des 16-Millionen-Volkes rechnen. Über eine halbe Million Südvietnamesen ist im Krieg getötet worden; fast jeder zweite ist unter 21 Jahren. Die überwiegende Mehrheit kennt nur einen Wunsch: Frieden und Wiederaufbau, selbst unter der Führung von Ho Tschi minh.
Zwar haben die kommunistischen Vietcong auch nicht mehr aktive Parteigänger. Aber den USA droht zusätzlich ein wachsender Fremdenhaß des Volkes.
Das analphabetische Land der 3000 Dörfer, in dem jede staatliche Struktur zerbröckelt und in dem für neun von zehn Menschen die Familie einzige soziale Bindung ist, interessiert nur noch eine Frage: Wie überleben? Die Masse des Volkes will Sicherheit und Freiheit von Fremden - gleichgültig, ob Chinesen oder Amerikaner.
Solange Friedenssehnsucht und Fremdenhaß nur als dumpfe Gefühle in der Bevölkerung schlummerten, bildeten sie keine akute Gefahr für die amerikanische Kriegführung. Plötzlich aber sind sie zur mächtigsten politischen Bewegung des Landes angeschwollen: Die buddhistischen Mönche haben sich ihrer bemächtigt.
Zwar war der vor zweieinhalbtausend Jahren in Nord-Indien entstandene Buddhismus bereits vor 15 Jahrhunderten in den Norden Vietnams vorgedrungen. Der weltabgewandte Buddhismus, der von seinen Jüngern strenge Lebensführung und mystische Versenkung als Vorbereitung auf das Glück im außerirdischen Nirwana verlangt, hatte sich jedoch in Vietnam nicht durchsetzen können. Statt der friedfertigen Religion Buddhas zu folgen (Erstes Gebot: "Möge niemand ein lebendes Wesen töten"), blieben die meisten Vietnamesen Animisten oder Naturverehrer, hingen Naturreligionen oder Sekten an.
Erst als sich im Sommer 1963 die Buddhisten gegen den katholischen Diktator Diem erhoben und ihn schließlich mit amerikanischer Hilfe stürzten, wurden sie im Lande zur politischen Macht und fanden Gefallen daran.
Nicht mehr zusammen mit den Amerikanern, sondern gegen sie, stürzten die buddhistischen Bonzen anschließend vier Regierungen in Saigon - durchschnittlich alle fünf Monate eine.
Im Sommer 1965 gelang es dann der Militärregierung des Fliegergenerals Ky, mit den Buddhisten einen Burgfrieden zu schließen, der über ein halbes Jahr dauerte.
Doch als Präsident Johnson in diesem Februar mit Regierungschef Ky in Honolulu neue Kriegsanstrengungen und ein gemeinsames Aufbauprogramm für Südvietnam beschloß, da hatte der Premier durch die Umarmung des Ausländers in den Augen der nationalistischen Buddhisten den "Kuß des Todes" ("Newsweek") empfangen. Der General gilt ihnen seither nur noch als Marionette Washingtons.
Als Ky nach seiner Rückkehr aus Honolulu auch noch den in den fünf nördlichen Provinzen herrschenden buddhistischen Fallschirmjägergeneral Thi absetzte, hatte er sein eigenes politisches Todesurteil unterschrieben. Denn der geschaßte Befehlshaber des I. Korps in den fünf nördlichen Provinzen, Thi, war ein Freund des mächtigsten buddhistischen Mönchs, Thich Tri Quang (Ehrwürden Großer Geist), 44, mit bürgerlichem Namen Phan Bong.
Tri Quang hatte schon 1963 die Selbstverbrennung buddhistischer Mönche organisiert, deren Feuertod den Sturz des Diktators Diem illuminierte.
Der Bonze mit den aufgeworfenen Lippen und den feuchten dunklen Augen, der Französisch und Englisch versteht, es aber aus Nationalismus nicht spricht, war damals vor Diems Häschern in die US-Botschaft geflüchtet. 64 Tage lang gewährte Botschafter Henry Cabot Lodge dem Mönch Asyl. Ein eigens angestellter chinesischer Koch bereitete dem Vegetarier, Nichtraucher und Abstinenzler Tri dreimal am Tage besondere Mahlzeiten.
"Doch als Tri die Botschaft verließ", schrieb die "New York Herald Tribune", "nahm er an amerikanischem Einfluß nur eine Vorliebe für Klima-Anlagen mit." Heute ist der Gast der US-Botschaft der gefährlichste Gegner Amerikas in Südvietnam.
Ein Drittel seiner Tagesstunden verbringt Tri im Gebet, ein Drittel mit politischer Aktivität und ein Drittel in Meditation über die eigenen Fehler. Nur einmal in seinem Leben hat er Vietnam verlassen: für eine 28-Tage-Reise zu einem buddhistischen Kongreß in Japan.
Sein Sitz, eine spartanische Mönchszelle in der Tu-Dam-Pagode der alten Kaiserstadt Hué, ist zum Zentrum des radikalen Reform-Buddhismus geworden. Von hier aus dirigierte Tri Quang in den vergangenen Wochen buddhistische Demonstrationen gegen die Regierung und die Amerikaner in Saigon und allen Provinzhauptstädten. Er trieb mit seinen buddhistischen Kadern das Land im Krieg bis an den Rand des Bürgerkriegs. Schon bald begann sein Aufstand, die amerikanischen Kriegsanstrengungen zu lähmen:
- Buddhistische Einheiten rebellierten; regierungstreue Einheiten mußten zum Kampf gegen Demonstranten eingesetzt werden.
- Vietnamesische Arbeiter, die im Hafen von Da Nang US-Bomben entladen sollten, streikten; die US-Luftwaffe mußte vorgesehene Angriffe gegen die Partisanen drosseln.
Acht Wochen dauerte der Machtkampf. Dann kapitulierte General-Premier Ky vor den buddhistischen Forderungen. Er versprach, innerhalb von drei bis fünf Monaten Wahlen für eine konstituierende Nationalversammlung abzuhalten, die eine Zivilregierung wählen soll.
Der "Makarios von Vietnam", wie Amerikas Ex-Botschafter General Maxwell Taylor den Bonzen einmal nannte, hatte gesiegt. Tri Quang pfiff seine schon heute weitgehend von Kommunisten unter-wanderten Kader zurück: "Bis zu den Wahlen kann man Ky weiter regieren lassen."
Für die Amerikaner bedeutet das eine Galgenfrist von etwa einem Vierteljahr. Dann sehen sie sich der Gefahr gegenüber, eine Regierung in Saigon zu haben, die ihren Krieg nicht mehr mitmacht: "Wenn der Abzug der Amerikaner das ist, was das Volk will", verkündete Tri Quang, "dann ist es auch das, was das Volk bekommen wird."
Allerdings hat er in seinen jüngsten Interviews (siehe Seite 128) eine betont antikommunistische Stellung bezogen und sich sogar für einen weiteren Schutz durch die Amerikaner ausgesprochen. Aber die meisten Beobachter in Saigon halten dies nur für eine taktische Wendung des Bonzen; in Wirklichkeit wolle er Amerikaner und Kommunisten gleichermaßen überspielen.
Es ist der "klassisch-fatale Irrtum" ("Time") des Buddhisten, daß er zu glauben scheint, auch mit den Kommunisten fertig werden zu können.
Einem ähnlichen Trugschluß erlagen schon seine Glaubensbrüder in China, Nordkorea und Nordvietnam, die sich zuerst mit den Roten zusammentaten und dann von ihnen geschluckt wurden. Im kommunistischen Nordvietnam ist der Buddhismus heute zwar Staatsreligion, aber für die 6000 Pagoden -Buddhas gibt es nur noch 4000 Mönche.
Die Vereinigten Staaten werden alles tun, um die ihnen von den Buddhisten gesetzte Frist militärisch zu nutzen. Das von Präsident Johnson befohlene Bombardement auf Luftabwehrbasen bei Hanoi und Haiphong war eine erste Maßnahme, Luftangriffe auf Industrieanlagen sind bereits angeordnet oder in Vorbereitung. Zwei weitere, noch radikalere Möglichkeiten wurden vom US -Generalstab im Sandkasten schon durchgespielt:
- ein totaler Luftangriff gegen oder eine Invasion in Nordvietnam, um Hanoi zur Kapitulation zu zwingen;
- eine Landung unmittelbar nördlich des 17. Breitengrades sowie ein Überschreiten der Grenze nach Laos und Kambodscha, um den dort verlaufenden Ho-Tschi-minh-Pfad zu unterbrechen, auf dem Truppen und Material von Nord- nach Südvietnam eingeschleust werden.
Beide Möglichkeiten würden allerdings eine von Präsident Johnson bisher sowohl aus außen- als auch innenpolitischen Gründen abgelehnte drastische Truppenverstärkung erfordern. Johnson will keine Verschärfung der internationalen Lage und befürchtet, eine Einberufung von Reservisten würde eine Chan-- bei den Kongreßwahlen beeinträchtigen. Vor allem würde ein Angriff auf Nordvietnam die Gefahr eines chinesischen Eingreifens in sich bergen. Das könnte den dritten Weltkrieg bedeuten.
In Hongkong erklärte ein rotchinesischer Diplomat dem SPIEGEL, daß ein US-Angriff auf Nordvietnam die chinesische Armee auf den Plan rufen würde, genau wie 1951 in Korea.
Und im vergangenen Jahr hat Peking bei amerikanisch-chinesischen Botschafter-Besprechungen in Warschau die US-Regierung gewarnt, daß es Nordvietnam zu Hilfe kommen werde, falls dessen Existenz bedroht wäre.
Bisher hat nicht nur der US-Präsident, sondern auch Rotchina gewissenhaft jeden Schritt vermieden, der zu einem direkten militärischen Konflikt zwischen beiden Mächten führen könnte. Die Chinesen haben zwar Techniker und 40 000 Bauarbeiter, aber noch keinen Soldaten nach Vietnam entsandt.
Denn die Chinesen wissen, was ihnen droht. Die strategischen Pläne der USA sehen für den Fall einer chinesischen Invasion in Vietnam als ersten Gegenschlag zwar nur die Ausschaltung aller chinesischen Atom-Anlagen durch konventionelle Bombenangriffe vor. Aber wenn dann das US-Expeditionskorps in der Flut der chinesischen Massenheere zu ertrinken droht, könnte in Amerika der Druck der öffentlichen Meinung leicht übermächtig werden, Atomwaffen anzuwenden.
Nicht weniger vorsichtig wägt Präsident Johnson jeden erhöhten Einsatz in Vietnam. Zwar lagen in der vergangenen Woche auf seinen Befehl hin erstmals die Außenbezirke Hanois und Haiphongs im Bombenvisier amerikanischer Kampfflugzeuge, die von drei entlang der Küste operierenden, Flugzeugträgern und von US-Luftstützpunkten in Nord-Thailand gestartet waren. Rund die Hälfte der Einsätze gegen Nordvietnam werden von Thailand aus geflogen.
Aber trotz des ständig wachsenden Drucks amerikanischer Minister, Senatoren und Generäle verbot der US - Staatschef nach wie vor Angriffe auf die Industrie-Anlagen in Hanoi und die für Nordvietnams Kriegführung wichtigen Öl-Lager bei Haiphong. Denn Amerikas Geheimdienst hat ihm gemeldet, was in dieser Situation nur als vorletzte Warnung gelten kann: Die Rotchinesen haben modernste Düsenjäger vom sowjetischen Typ Mig 21 auf Plätzen nahe der vietnamesischen Grenze zusammengezogen, von wo aus sie in den Luftkrieg eingreifen könnten.
* Transport eines schwerverwundeten südvietnamesischen Soldaten.
** Über Hongkong verkauft die südvietnamesische Regierung Reis aus dem Delta auch direkt an die kommunistischen Feinde in Nordvietnam und bezieht dafür vom Gegner Kohle.
Amerikanische Bomber über Nordvietnam: Letzte Woche einen Schritt naher ... US-Oberbefehlshaber Westmoreland (r.)**
... an den Abgrund des großen Krieges
Vietnam-Kriegsherr Johnson*
Frieden nur mit einer Million Mann?
US-Hubschrauber im Einsatz*: Die Überlebenschancen für GIs ...
... stehen 119 zu 1: US-Soldaten in Vietnam
Gefallene Vietcong-Soldaten*: Jedes Jahr 120 000 neue Rebellen,
Brennender Mönch, toter Diem: Friedenssucht und Fremdenhaß ...
... bedrohen Amerikas Expeditionskorps: Buddhisten-Demonstration in Saigon
Regierungschef Ky
Der General an der Macht kapitulierte ...
Buddhisten-Chef Tri
... vor dem Bonzen, der nicht trinkt
US-Kampfflugzeug über Nordvietnam: Sprengbomben auf Rotchinas Atom-Anlagen?
** Mit Amerikas Botschafter Henry Cabot Lodge.
* SPIEGEL-Titel 10/1966.
* Bergung eines verunglückten Aufklärungsflugzeugs.
* Zur Abschreckung werden die toten Rebellen am Straßenrand zur Schau gestellt. Vorn ein südvietnamesischer Militärpolizist. Das Spruchband im Hintergrund erklärt der Bevölkerung, daß es sich bei den Toten um Vietcong-Soldaten handelt.

DER SPIEGEL 18/1966
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DER SPIEGEL 18/1966
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Moltke im Dschungel (siehe TitebiId*)

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