25.04.1966

EINE KUGEL KOSTET ZEHN PFUND REIS

FRAGE. Sind Sie in Infiltrator?
ANTWORT: Ja, Anfang Februar 1965 verließ ich den Norden und kam Anfang Mai im Süden an.
FRAGE: Wann sind Sie in die nordvietnamesische Armee eingetreten, und wann wurden Sie gefangengenommen?
ANTWORT: Am 10. April 1962 wurde ich in die nordvietnamesische Armee eingezogen und am 7. September 1965 von amerikanischen Soldaten gefangengenommen.
FRAGE: Was war Ihre Aufgabe in der Armee?
ANTWORT: Ich wurde in eine Maschinengewehr-Gruppe eingeteilt, die zum fünften Bataillon der 312. Division, der "Stahldivision", gehörte. Ich blieb mit meiner Einheit zwei Jahre in Pho Yen. Dann wurde ich mit anderen Soldaten in das Bergland der Provinz geschickt, um Manioka zu pflanzen. Von dort wurde ich dann zu meiner Einheit zurückgerufen und in den Süden geschickt.
FRAGE: Sagen Sie mir etwas über Ihre militärische Ausbildung.
ANTWORT: Meine Grundausbildung begann ich auf einem Berg etwa eine Stunde Marsch von meinem Quartier entfernt. Ich lernte, wie man gehen, laufen, schleichen und sich verstecken muß, wie man Gewehre auseinandernimmt und wieder zusammensetzt. Diese Ausbildung dauerte zweieinhalb Monate. Dann lernten wir mit dem Maschinengewehr umgehen. Dies dauerte fünf Stunden.
FRAGE: Haben Sie während Ihrer Ausbildung scharf geschossen?
ANTWORT: Nein. Die Kader sagten uns, jede scharfe Kugel koste zehn Pfund Reis.
FRAGE Können Sie mir etwas über Ihren Marsch nach Süden sagen?
ANTWORT: Nach einer weiteren eineinhalbmonatigen Ausbildung in Xuan Mai (Provinz Ha Dong) fand ich mich am 30. Januar 1965 am Bahnhof von Vinh Puc ein. Ich bestieg einen Sonderzug, der für Militärpersonal reserviert war und ohne Halt nach Nghe Anfuhr. Am 6. Februar 1965 um fünf Uhr früh verließ ich Nghe An zusammen mit 26 Mann im Wagen. Die sieben Kader fuhren in kleinen Wagen, wir zwanzig Soldaten in drei Lastwagen. Um Mitternacht hielten wir am Ufer eines Stromes. Wir durchwateten ihn mehrmals - das Wasser reichte uns bis
die Brust -, um nsere persönlichen Dinge, Waffen und den Reis auf die andere Seite zu schaffen.
FRAGE: Wie ging es weiter?
ANTWORT: Dann marschierten wir. Nach einer Stunde machten wir am Fuße eines Berges halt. Wir schliefen den ganzen Tag und brachen erst abends um sechs Uhr wieder auf. Um Mitternacht hielten wir in einem Wald. Wir marschierten den ganzen nächsten Tag und schliefen nachts in Hängematten im Wald. Nach einem Marsch von drei oder fünf Tagen legten wir einen Tag Rast ein. Anfang Mai kamen wir in einem Wald mit dem Namen Bac An in Südvietnam an.
FRAGE: Welche Ausrüstung und welche Waffen erhielten Sie, bevor Sie in den Süden gingen?
ANTWORT: Jeder erhielt eine Khaki-Uniform, einen schwarzen Pyjama, zwei Garnituren Unterwäsche, einen Tornister, einen kleinen Spaten, eine kleine Schaufel, eine Hängematte, ein Nylontuch, ein Kochgeschirr, ein Paket gesalzenes Fleisch, Bandagen, Medizin zur Behandlung von Wunden, Chinintabletten, ein russisches Gewehr, 40 Patronen und zwei Granaten.
FRAGE: Wie wurden Sie mit Reis versorgt?
ANTWORT: Aus Depots. Das waren Bambushütten, die - mit Blättern bedeckt - mitten im Wald standen. Sie wurden nicht bewacht.
FRAGE: Wie haben die Männer in Ihrer Einheit seit Ihrer Ankunft im Süden gelebt?
ANTWORT: Wir hatten nicht genug Nahrung, nur Reis und Salz, und auch das nicht ausreichend. Wie im Norden hatten wir drei Mahlzeiten am Tag. Jedoch erhielten wir zu jeder Mahlzeit nur halb soviel Reis wie im Norden. Wir hatten also die ganze Zeit hindurch Hunger.
FRAGE: Wie wurden Sie gefangengenommen?
ANTWORT: Ich lag zwei Tage lang verwundet in einem Schützengraben mitten in dem Dorf Binh Duc. Der Graben war mit einem Deckel verschlossen, weil über dem Dorf ständig ein Flugzeug kreiste und amerikanische Soldaten in der Nähe waren. Sie kamen am dritten Tag, ungefähr um 13 Uhr, in
das Dorf. Drei Krankenschwestern, die mich in der Krankenstation von Binh Duc gepflegt hatten, nahmen neben mir im Graben Deckung. Wenige Augenblicke später kamen die amerikanischen Soldaten, hoben den Deckel hoch, richteten ihre Gewehre auf uns und zwangen uns herauszukommen. Mit einem Hubschrauber wurde ich nach drei Tagen in diese Stadt (Da Nang) gebracht.
FRAGE: Finden Sie, daß es stimmte, was Ihnen die Kader über die grausame Behandlung von Gefangenen erzählt hatten?
ANTWORT: Ja, wenigstens zu einem großen Teil. Als man mich gefangengenommen hatte, wurde ich schlecht behandelt und ohne Grund von amerikanischen Soldaten geschlagen. In diesem Gefängnis hat man mich während des Verhörs mit Elektro-Schock behandelt.
FRAGE: Glauben Sie jetzt auch, daß Sie am Ende getötet werden, wie die Kader den Soldaten stets sagen?
ANTWORT (nach langer Pause): Ich glaube nicht, daß ich getötet werde. Ich habe keine Verbrechen begangen.
FRAGE: Erzählen Sie mir, wie Sie mißhandelt wurden.
ANTWORT: Als die Soldaten uns befahlen, aus dem Schützengraben zu klettern, kamen wir sofort mit erhobenen Händen heraus. Ein Soldat sagte dann etwas zu mir, was ich nicht verstand. Bevor ich etwas tun oder sagen konnte, schlug er mich mit dem Gewehrkolben nieder. Ich dachte, ich würde an den Schlägen sterben. Er befahl mir, mich mit dem Gesicht nach unten auf den Boden zu legen, und riß mir die Kleider vom Leibe. Zum Glück waren die Mädchen nicht der gleichen Behandlung ausgesetzt. Andere Soldaten fesselten unsere Arme auf dem Rücken, banden uns eine Leine um den Hals und führten uns ab. Am Flughafen wurden wir in einem Stacheldrahtverhau eingesperrt. In den ersten 24 Stunden bekamen wir überhaupt nichts zu essen, am zweiten Tag mittags zwei Löffel Reis und um Mitternacht eine kleine Konservenbüchse. Am dritten Tag erhielten wir gegen Abend wieder eine solche Büchse. Dann wurden wir abtransportiert. Aber nicht der Mangel an Nahrungsmitteln machte mir am meisten zu schaffen, sondern die Sonne und der qualende Durst.
FRAGE: Wer wird Ihrer Meinung nach diesen Krieg gewinnen? ANTWORT: Ich weiß nicht.
FRAGE: Was wünschen Sie sich jetzt?
ANTWORT: Zu meiner Familie in den Norden zurückzukehren.
FRAGE: Möchten Sie wieder zu Ihrer Einheit?
ANTWORT: Nein. Dann müßte ich wieder kämpfen. Ich würde entweder fallen oder wieder in Gefangenschaft geraten. Dann würde man mich bestimmt töten.
Vietcong-Rebell im Verhör
"Ich dachte, ich würde sterben"

DER SPIEGEL 18/1966
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 18/1966
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

EINE KUGEL KOSTET ZEHN PFUND REIS

  • Schottland nach der Briten-Wahl: "Mandat für Unabhängigkeitsreferendum"
  • Neue Saurierarten entdeckt: Gestatten: Nullotitan Glaciaris
  • Trotz Eruptionsgefahr: Soldaten bergen Opfer von White Island
  • Wahlsieg in Großbritannien: Erstes Statement von Boris Johnson im Video