25.04.1966

DIE KRANKENSCHWESTER LAG IM NEBENBETT

Mit heimlicher Hilfe einer Krankenschwester gelang es einem Dolmetscher und mir, Tri Quang zu sehen. Er hielt sich in einem klimatisierten Raum, im dritten Stock der schmutzigen Duy-Tan-Klinik von Saigon auf.
Als das Tablett mit dem Abendessen gebracht wurde, gingen wir mit ins Zimmer. Tri Quang saß zusammengekauert auf einem großen Messingbett, bekleidet mit einem weißen Krankenhaus-Pyjama.
Der erste Eindruck war der eines Mannes mit einem sehr kleinen Körper, auf dem ein großer, kahlgeschorener Kopf sitzt, der ihm eine entfernte Ähnlichkeit mit Mussolini verleiht. Mit ihm im Zimmer war eine Krankenschwester, die anscheinend in einem Bett neben ihm schläft. Abgesehen von einer schiefergrauen Mönchskutte bestand seine ganze Habe aus einem japanischen Sony-Transistor-Radio, einer Armbanduhr, einer Schachtel Keks und einem Beutel Hershey's Schokoladenbonbons. Er litt offenbar unter einem Asthma-Anfall.
Am nächsten Morgen fragte ich ihn nach der Lage in Zentral-Vietnam, wo die Buddhisten und die Armee -Offiziere sechs Wochen lang offen gegen die Regierung Nguyen Cao Ky rebelliert hatten. Tri Quang, der am Morgen vergebens versucht hatte, ein Flugzeug zurück zu seinem Hauptquartier in Hué zu bekommen, antwortete: "Die Leute in Zentral-Vietnam haben immer noch das Gefühl, daß die Regierung in Saigon sie vom Rest des Landes isoliert."
Die drei Gründe, warum sich die Menschen dort gegen die Regierung Ky auflehnen, zählte er an den Fingern auf: "Erstens die Truppen, die noch immer dort zusammengezogen sind, zweitens, daß die Air Vietnam noch nicht wieder dorthin fliegt, und drittens die unterbrochenen Telephonverbindungen." Das Interview ging weiter.
FRAGE: Glauben Sie, daß die Regierung Ky sofort zugunsten einer Interimsregierung zurücktreten sollte?
ANTWORT: Ich habe nie davon gesprochen, daß diese Regierung gehen sollte oder nicht. Von Anfang an haben wir nur die Bildung einer Nationalversammlung verlangt. Aber ich weiß, daß andere Gruppen den Rücktritt dieser Regierung wollen. In erster Linie sind meine Bemühungen jetzt auf die Schaffung einer Nationalversammlung gerichtet und nicht darauf, mich gegen diese Regierung zu stellen, die - wie Sie wissen - ohnehin nur noch eine Lebensdauer von drei bis fünf Monaten hat. Aber wir müssen in diesen letzten Monaten vor etwaigen Revanche-Versuchen der Regierung auf der Hut sein.
FRAGE: Sind Sie mit dem Kommuniqué der Buddhisten einverstanden, in dem weitere. Demonstrationen gegen die Regierung abgeblasen werden?
ANTWORT: Ich stimme diesem Kommuniqué zu; sonst wäre es auch gar nicht veröffentlicht worden.
FRAGE: Glauben Sie, daß eine Zivilregierung, sobald sie an der Macht ist, Verhandlungen über eine Beendigung des Krieges aufnehmen sollte?
ANTWORT: Ich kann nicht für eine zukünftige Zivilregierung sprechen. Aber wenn der Frieden in Vietnam wirklich durch Verhandlungen zu erreichen ist, dann sollte dieser Frieden das Ergebnis eines Sieges über den Kommunismus sein, eines Sieges für das vietnamesische Volk. Es wäre unlogisch, in Verhandlungen einen Frieden Zu erreichen, der für die Kommunisten vorteilhaft ist.
FRAGE: Fürchten Sie, daß die Vereinigten Staaten ihre Truppen aus Vietnam abziehen?
ANTWORT: Natürlich fürchte ich das. Ich habe nie gesagt, daß die USA gehen sollten. Aber ich bin gegen solche amerikanischen Aktionen, von denen eindeutig die Kommunisten profitieren, wie etwa die Abstellung von Transportmaschinen, die Ky dabei halfen, seine Truppen nach Da Nang zu bringen. Das nehme ich ihnen am meisten übel. Die Amerikaner schicken ihre Flugzeuge und Waffen hierher, um die Kommunisten zu bekämpfen; General Westmoreland aber setzt die Flugzeuge gegen die Bevölkerung ein.
FRAGE: Wenn die Vietcong zustimmen würden, ihre militärische Tätigkeit einzustellen, wären Sie dann mit ihrer Beteiligung an der Regierung einverstanden?
ANTWORT: Keine Kommunistische Partei kann eine echte politische Partei sein. Keine Kommunistische Partei kann mit anderen politischen Parteien in Harmonie leben. Außerdem sind die nationalen Parteien in Vietnam noch schwach und könnten es nicht mit der Kommunistischen Partei aufnehmen, wenn diese an einer parlamentarischen Regierung teilnehmen dürfte.
FRAGE: Aber die Kommunistischen Parteien in Frankreich und Italien beteiligen sich an Wahlen.
ANTWORT: Man kann unmöglich die Kommunistische Partei in Italien oder in Frankreich mit den Kommunistischen Parteien in Asien vergleichen. Es gibt zu viele Unterschiede zwischen ihnen. Zum Beispiel sind die nationalen Parteien in Frankreich und Italien viel stärker als die nationalen Parteien hier.
FRAGE: Ist es möglich, während des Krieges Wahlen abzuhalten?
ANTWORT: Gerade wegen des Krieges sind Wahlen nötig. Die Bevölkerung ist durch den Krieg ins Unglück gestürzt worden, und daher verlangt sie nachdrücklich eine Wahl. Militärische Siege brauchen den Rückhalt eines politischen Systems. Wenn keine legitime politische Struktur vorhanden ist, dann sind militärische Erfolge wertlos. Man kann militärische Siege mit Wasser vergleichen und die Politik mit einem Gefäß. Wenn das Gefäß keinen Boden hat, dann wird alles Wasser auslaufen.
Copyright: "Newsweek".
Von Everett G. Martin

DER SPIEGEL 18/1966
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