25.04.1966

KUBA / EMIGRANTENFlucht der Würmer

Kubas Castro will die Gusanos vertreiben. Gusanos, Würmer, nennt er die Gegner seines Regimes. Deshalb öffnete er am 1. Dezember vergangenen Jahres seinen Untertanen die Tür zur legalen Auswanderung in die USA. Er verkündete: "In einigen Jahren wird es keine Konterrevolutionäre mehr geben, denn sie sind Unkraut, das nur in einer verrotteten Gesellschaft wächst."
Heute muß der bärtige Gärtner sehen, wie beim Jäten des Unkrauts auch Kubas Inselwirtschaft gerupft wird.
270 000 Kubaner, die seit Castros Machtergreifung illegal flüchteten, haben in den USA für 950 000 auf der "Perle der Antillen" zurückgebliebene Verwandte Ausreiseanträge gestellt - das ist ein Achtel des 7,6 Millionen Köpfe starken Kuba-Volkes. Mit ihnen würde Castro nicht nur Esser knapper Reisrationen verlieren, sondern auch Hände, die ihm helfen sollen, den Sozialismus aufzubauen.
Sein Land bekam den bevorstehenden Massenauszug aus dem sozialistischen Paradies schon zu spüren, bevor er stattfand. 125 000 "Würmer" hatten es gewagt, in Kuba selbst die Auswanderung zu beantragen. Wer von ihnen im Staatsdienst beschäftigt war, wurde auf Castros Geheiß entlassen - und das waren die meisten. So muß das Außenhandelsministerium fortan auf 200 seiner Angestellten verzichten, das Finanzministerium auf 600. Die Nationalbank verlor 800 Angestellte.
Qualifizierte Arbeitskräfte aller Berufsgruppen verließen seit Dezember legal das Land: Handwerker, Mechaniker, Landarbeiter, Chauffeure; bislang insgesamt 14 000 Menschen.
Von den 6280 Ärzten, die vor Castros Machtergreifung auf Kuba praktizierten, sind seit 1959 bereits 2686 geflüchtet, davon etwa 2000 in die USA. 1500 weitere Mediziner haben jetzt die Ausreise beantragt. Mit ihnen würde das sozialistische Eiland zwei Drittel seiner Ärzteschaft verloren haben.
Die Flüchtlinge gehören zu dem Heer der Unzufriedenen auf der Zuckerinsel, das fortwährend größer wird. Castros Revolution droht in Bürokratisierung und wirtschaftlichen Mißständen zu verebben. Allein eine Million US-Dollar müssen die Sowjets täglich in die Wirtschaft ihrer karibischen Bastion pumpen.
Castro braucht alle verfügbaren Kräfte, Staatsdiener wie Studenten, um die für Kuba lebenswichtige Zuckerernte einzubringen, die in diesem Jahr ohnehin nur fünf Millionen Tonnen statt der erwarteten 6,5 Millionen betragen wird.
Weder Ärzte noch Techniker und Spezialisten in wichtigen Stellungen können damit rechnen, daß ihre Anträge auf Auswanderung genehmigt werden. Für alle männlichen Kubaner im wehrfähigen Alter von 15 bis 26 Jahren wurde eine Ausreisesperre verhängt.
Wollen sie nicht im Vaterland Castros bleiben, haben sie wie bisher nur die Möglichkeit des "cruzar el charco": mit Flößen und Motorbooten, klein wie Nußschalen, den "großen Teich zu überqueren" und Florida oder Mexiko zu erreichen 179 Kubaner schafften es im März. Fast ebenso viele fallen jeden Monat der Karibischen See oder den Patrouillenbooten vor Castros Küste zum Opfer.
Aber auch für die Kubaner, deren Auswander-Gesuche genehmigt werden, ist der Weg in die Freiheit lang. Die von der amerikanischen Regierung eingerichtete Luftbrücke "Cusmal" (Cuba US Migrant Air Lift) kostet die amerikanischen Steuerzahler zwar 400 000 Dollar pro Jahr, ist aber wenig leistungsfähig. Eine einzige von der US-Regierung gecharterte Maschine, meist eine DC-7 C der "Pan American", fliegt zehnmal pro Woche den kleinen Flugplatz des kubanischen Seebades Varadero, 85 Meilen östlich von Navana, an- und bringt wöchentlich - 800 bis 900 Emigranten nach Miami in Florida - mehr nicht.
Einerseits fertigen Castros Behörden die Auswanderer nur langsam ab; zahllose Formalitäten sind zu erfüllen. Auf der anderen Seite sind die USA nicht bereit, im Monat mehr als 3000 bis 4000 Einwanderer von der roten Insel aufzunehmen.
Bei der gegenwärtigen Kapazität der Luftbrücke müßten die Flüge. 20 Jahre lang fortgesetzt werden, um die 950 000 Gusanos auszufliegen.
Kubanische Auswanderer in Miami: Für 20 Jahre ausgebucht

DER SPIEGEL 18/1966
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