25.04.1966

POLEN / KATHOLIZISMUSTugend des Vergebens

Die beiden mächtigsten Polen, Kommunisten-Chef Gomulka und Katholiken-Primas Wyszynski, ereiferten sich in derselben Stadt zur selben. Stunde über dasselbe Thema: die Deutschen.
In einer Freiluft-Predigt vor Posens Kathedrale verteidigte Stefan Kardinal Wyszynski die Versöhnungsbotschaft der polnischen Bischöfe an den deutschen Episkopat (SPIEGEL 11/1966) und beschwor die "polnische Tugend" der Vergebung: "Dank Gott haben wir so viel von dieser Tugend, daß sie ausreicht für den inneren Gebrauch wie auch ein wenig für den Export."
Nur einige hundert Meter entfernt, auf dem Miezkewicz-Platz, giftete Gomulka gegen Bonn. Das Leitmotiv seiner Rede klebte bald an allen Litfaßsäulen des Landes: "Wir vergeben den Verbrechern nicht." Auf dem Plakat exekutierten deutsche Landser polnische Zivilisten.
Gomulka und Genossen wollten die Gläubigen gegen ihre vergebebereiten Oberhirten aufwiegeln. Der Zeitpunkt war ungünstig: Die Roten mußten gegen ein Fest Front machen, auf das sich Polens Klerus und Kirchenvolk seit Jahren freuen - auf die Tausendjahrfeier der Christianisierung Polens.
100 000 Posener marschierten am vorletzten Sonntag - parteibefohlen - zum Miezkewicz-Platz, wo Gomulka den Kardinal einen Neofaschisten schimpfte. Aber zu diesem Neofaschisten im Kardinalspurpur pilgerten - freiwillig und allenfalls gottbefohlen - immerhin 50 000 Menschen. Als Wyszynski Vergebung predigte, prasselte der Beifall. Gomulkas Tiraden wurden von der Menge schweigend zur Kenntnis genommen. Während er sprach, stahlen sich viele Demonstranten in Richtung Kathedrale davon.
Bereits Tage zuvor, bei, den ersten Jubiläums-Messen in Wyszynskis Residenzstadt Gnesen, hatten die atheistisehen Machthaber polnische Glaubenskraft zu spüren bekommen. Obwohl die örtliche KP ein Konkurrenz-Programm mit Paraden, Sport und Spielen aufstellte, drängten Männer und Frauen, jung und alt, in die Kirchen. Die versetzten Kommunisten schickten Stör-Chöre vor die Tempel; bei einem Wyszynski-Tedeum im Freien mußten 15 000 Gläubige gegen das dröhnende Tschop-Tschop-Tschop von Armee -Hubschraubern ansingen, die so tief flogen, daß der Staub aufwirbelte.
Im Triumphzug reiste Wyszynski von Gnesen nach Posen. Der Kardinal führte Polens Nationalheiligtum mit sich, die Schwarze Madonna von Tschenstochau. Tausende säumten in Städten und Dörfern die Straßen. Zu Scharen fielen sie vor ihrem geistlichen Fürsten und der Madonna auf die Knie.
Nach zwanzig Jahren roter Herrschaft verehren die Polen den katholischen Primas noch immer als den geistlichen Herrscher des Landes. Trotz Gomulka regiert die Schwarze Madonna als heimliche Königin in der Volksrepublik. Diese für den Ostblock, aber auch für säkularisierte West-Völker einzigartige Glaubenstreue wurzelt in einer einzigartigen, tausendjährigen Symbiose zwischen Staat, Volk und römischer Kirche.
Als einziger Staat der abendländischen Welt wurde. Polen sofort nach seiner Geburt getauft: Fürst Mieszko I. aus dem Geschlecht der Piasten einte die polnischen Völkerscharen und nahm - im April 966 - den christlichen Glauben seiner böhmischen Braut an.
Nur einmal drohte Polen für Rom verlorenzugehen - durch die Reformation. Doch die Protestanten zerfielen in rivalisierende Konfessionen und Sekten. Die Gegenreformation siegte mühelos, und König Michael Wisniowiecki sprach aus, was noch heute zwischen Oder und Weichsel Allgemeingut ist: "Polak = Katholik".
1655 fielen die protestantischen Schweden plündernd nach Polen ein. Nur das befestigte Pauliner-Kloster Jasna Góra, das schon damals die angeblich wundertätige Ikone der Schwarzen Mutter Gottes beherbergte, widerstand dem Schwedensturm. Das heroische Beispiel der Mönche wirkte begeisternd: Das Volk stand gegen die Schweden auf, und König Johann Kasimir, der nach Schlesien geflüchtet war, konnte heim in sein Reich. Zum Dank kürte er Marià zur Königin Polens.
Zur Madonna von Jasna Góra in Tschentochau pilgerte König Johann Sobieski, bevor er am 12. September 1683 als Heerführer des Abendlandes die Türken vor Wien in die Flucht schlug.
Der Sieger schickte dem Papst Innozenz XI. die erbeutete grüne Fahne des Islam-Propheten mit der Botschaft: "Ich kam, sah - Gott aber siegte." Innozenz antwortete: "Mein Sohn, du hast die Christenheit gerettet. Ich segne dich und dein Land."
Das gesegnete Land fiel in Anarchie. Die mächtigen Nachbarn Rußland, Preußen und Österreich nutzten die Schwäche und teilten Polen dreimal (1772, 1793 und 1795) unter sich auf.
In dieser Teilungszeit - bis 1918 - repräsentierte einzig die Kirche die Einheit der Nation - vor allem für die vom protestantischen Preußen und vom orthodoxen Rußland annektierten Polen -Katholiken. Tschenstochau wurde zur Weihestätte des polnischen Nationalismus. Sie blieb es bis auf den heutigen Tag.
Das Martyrium der Hitler-Herrschaft im Weltkrieg II und die stalinistische Unterjochung danach stärkten erneut das Band zwischen Volk und Katholizismus. "Die polnische Nation", räumte Parteichef Gomulka im Januar resignierend ein, "ist in ihrer Mehrheit religiös und geht zur Kirche."
95 Prozent der Eltern schicken ihre Kinder zum Religionsunterricht. Selbst hohe Offiziere der Volksarmee nehmen in Uniform an Gottesdiensten teil und knien mitsamt ihren kommunistischen Emblemen vor dem Allerheiligsten. Polens Volksarmisten haben Militärseelsorger in ihren Reihen.
Auf dem flachen Land leben Ortsgeistliche und Funktionäre miteinander
wie Don Camillo und Peppone. Als auf staatlichen Befehl die Kreuze aus den Schulräumen entfernt wurden, stürmten in etlichen Dörfern die Bauern die Schulen und richteten die Herrgottswinkel wieder ein. Zum Unterricht kommen die Lehrer gern ein paar Minuten zu spät, damit die Kinder das offiziell verbotene Schulgebet verrichten können.
Die Eisenhüttenstadt Nowa Huta, in der angeblich die Elite der revolutionären Arbeiterschaft lebt, enttäuschte die Agitprops am tiefsten. Dort mußten die Behörden auf Drängen der Arbeiter den Bau einer neuen Kirche bewilligen: direkt an der Kreuzung von Marx- und Engels-Allee.
Parteichef Gomulka bot Koexistenz an - Koexistenz von "Gläubigen und Nichtgläubigen, Kirche und Sozialismus, Volksmacht und Kirchenhierarchie". Er verlangte allerdings, "daß die Kirche in Fragen, die die Interessen Volkspolens lebenswichtig betreffen", mit der Regierung zusammengehen müsse.
Gegen dieses Gomulka-Gebot verstießen die polnischen Bischöfe, als sie ihre Versöhnungsbotschaft an die deutschen Amtsbrüder verfaßten. Nun hämmerten Staatssender und Parteizeitungen auf die kirchlichen "Versöhnungsspezialisten" ein, die "Wasser auf die Mühlen der westdeutschen Revanchisten" gegossen hätten (so der Warschauer Rundfunk). Als die Jahrtausendfeier der Christianisierung Polens näherrückte, schien das Land des frommen Mieszko vor einem neuen Kirchenkampf zu stehen.
Kardinal Wyszynski revozierte nicht, wurde dafür vom Volk als Held gefeiert und machte sich ans Werk, das Millennium seiner Kirche als Fest katholischer Standfestigkeit zu begehen.
Gomulkas Antwort: Kein ausländischer Pilger erhielt ein Visum zur Einreise nach Polen - kein Gläubiger, kein Bischof und nicht der Papst in Rom. Reise-Papst Paul VI., der in den letzten Monaten schon emsig Polnisch lernte, mußte den Segen für "Unser vielgeliebtes polnisches Volk" mit der Post schicken.
Vor dem neuerlichen Streit mit Wyszynski hatte Gomulka kaum etwas gegen eine Papst-Visite einzuwenden gehabt, obschon sich der Vatikan bis heute weigert, für die Bistümer in den ehemaligen deutschen Ostprovinzen bischöfliche Ordinarien zu ernennen und damit die Oder-Neiße-Linie anzuerkennen. Ein Papst in Polen hätte auch etwas Glorienschein auf das Gastland geworfen. Darüber hinaus hatte Gomulka gehofft, Paul VI. werde den Polen zum Dank einen zweiten Kardinal schenken. So hätte man das Charisma des unbequemen Primas Wyszynski gedämpft.
Nun aber - während des Streits um die Versöhnungsbotschaft - wären Papstbesuch und Pilgerstrom unweigerlich zu einer großen katholischen Machtschau gegenüber dem polnischen Staat geworden. Nur ein Papst durfte nach Polen: Hochhuths "Stellvertreter", der in Warschau aufgeführt wurde.
Um die Gläubigen von der Tschenstochau-Madonna abzulenken, organisierte die Partei für den 3. Mai - dem Höhepunkt der Jubelfeier - ein Fußball-Länderspiel Polen gegen Ungarn in Kattowitz sowie eine Begegnung zwischen "Legia Warschau" und der berühmten englischen Profi-Mannschaft "Tottenham Hotspur" in Warschau.
Während in Tschenstochau die Wallfahrer vor der Madonna niederknien, können Millionen Polen das große Kicken am Fernsehschirm genießen.
Kardinal Wyszynski, Gläubige, Parteichef Gomulka, Gläubige: Hubschrauber gegen Tedeum

DER SPIEGEL 18/1966
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POLEN / KATHOLIZISMUS:
Tugend des Vergebens

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