25.04.1966

CHAPLINSogar das Telephonbuch

Ich bin der Sklave der Musen", sagte Charlie Chaplin. "Wenn sie befehlen, gehorche ich."
Neun Jahre lang hatte die Filmmuse nichts von sich hören lassen - Chaplins letzter Film, "A King in New York", eine Satire auf Amerika, datiert von 1957. Dann rief sie wieder - und jetzt arbeiten gleich fünf Chaplins am Lichtspiel "A Countess from Hong Kong" ("Eine Gräfin aus Hongkong").
Geführt von Familienchef Charlie Chaplin, 77, spielen vier von zehn Chaplin-Kindern mit (Sydney, 40, Geraldine, 21, Josephine, 17, und Victoria, 15); und die Mutter der drei Töchter, Chaplins vierte Frau Oona, schaut in den Londoner Pinewood Studios zu.
Die Hauptrollen allerdings wurden nicht aus dem Chaplin-Clan besetzt. Im 79. Film seiner 52 Jahre langen Kinokarriere beschäftigt Chaplin zum erstenmal nicht sich allein als Star: Sophia Loren ist eine exilrussische Gräfin aus Hongkong, Marlon Brando ein amerikanischer Millionär.
Die "sehr realistisch inszenierte romantische Komödie" (Chaplin), deren Teile täglich von 9 bis 17.30 Uhr mit dem Geld (24 Millionen Mark) des US -Verleihs Universal Pictures hergestellt werden, ist im Entwurf ein Vierteljahrhundert alt. Die Idee hatte Chaplin 1940, als er den "Großen Diktator" drehte. Er dachte wieder daran, als er die Loren im Episodenfilm "Gestern, heute und morgen" gesehen hatte.
Chaplin beobachtete sie dann in London bei den Dreharbeiten zu "Arabesque" und fragte, ob sie seine Gräfin werden wollte. Sophia Loren: "Bitte ja."
Dasselbe sagte Marlon Brando in Hollywood, von London fernmündlich befragt. Und, da er das Drehbuch nicht kannte: "Mit ihm als Regisseur würde ich sogar das Telephonbuch verfilmen."
Die Hongkong-Handlung, erfunden von Chaplin, ist dünner. Ein US-Diplomat und -Millionär, auf Informationsreise um die Welt, lernt in Hongkong eine russische Gräfin mit lädiertem Ruf kennen. Die Emigrantentochter will nur eins - emigrieren ins gelobte Land Amerika.
Wie stark der Wunsch ist, erkennt der Millionär gleich nach der Abfahrt: Er findet die Gräfin als blinde Passagierin in seiner Dampferkabine wieder. Der Rest ist Überfahrt mit Verwirrung, Verkleidung, Versteckspiel und Verlieben; das Ende die große Liebe bei der Ankunft in Amerika.
Fast alle Szenen dieser leichten Geschichte spielt Charlie Chaplin erst einmal selber - vor seinen Stars. Er "rast wie ein überschwenglicher Jünger der 'Neuen Welle' durch die Szenerie" (so die Londoner "Times").
Wann immer der 1,61 Meter große weißhaarige Mann mit der Tweedkombination und dem Filzhut aufspringt, führt er den "Oscar"-Preisträgern Loren und Brando Pantomimen vor. Erst zeigt er Brando, wie er seine Partnerin durch die Kabine jagen muß; dann flieht Chaplin als Loren, kleine Hilferufe ausstoßend, vor Marlon Brando durch die Kulissen.
"Ich fühle mich", sagte Sophia Loren, "wie ein kleines Mädchen am ersten Schultag." Brandos Echo: "Wir sind die Puppen, die der Regisseur bewegt."
Der alte Drahtzieher, "das einzige Genie, das die Filmindustrie hervorbrachte" (George Bernard Shaw), ist mit mehr Ausdauer am Werk als seine jüngeren Akteure. Grund: "Er ist bis oben voll Redoxon", beobachtete ein Team -Mitglied.
Die Vitamin-C-Tabletten halten nicht nur Chaplin in Hochform. Als während einer Szene Champagner nicht programmgemäß aus der Flasche sprudelte, ließ Chaplin Redoxon in Bier lösen. Dieser Champagner-Ersatz, geschüttelt, wirkte vor der Kamera wie gewünscht.
Ohne Chaplins Einfälle - so demonstriert er, einen Loren-BH rückwärts umgehängt, wie die Gräfin mit dem Millionär schäkert - wäre die handlungsarme Seefahrt nicht so lustig. Gegen gefährliche Einfälle hat der Verleih den Endsiebziger Chaplin unfallversichern lassen. Die Kosten: 280 000 Mark.
Im fertigen Film, der Ende April nach 14 Aufnahme-Wochen abgedreht sein soll, wird Charlie Chaplin selber 60 Sekunden lang zu sehen sein. Er imitiert die von Alfred Hitchcock verfeinerte Methode, der sich in seinen Krimis sekundenlang Kennern zu erkennen gibt - als Passant, Zeitungsleser oder Omnibusfahrgast.
Chaplin kommt, mitten im Film, als seekranker Schiffssteward. Und geht gleich wieder.
Regisseur Chaplin, Darsteller Brando in "Gräfin aus Hongkong"-Verfilmung: "Wir sind die Puppen ...
"Gräfin"-Darstellerin Sophia Loren
... die das Genie bewegt"

DER SPIEGEL 18/1966
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CHAPLIN:
Sogar das Telephonbuch

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