25.04.1966

THEATERTREFFENBäume für Berlin

Die Jury empfahl das Beste: Dürrenmatts "Meteor" aus Zürich, Schnitzlers "Professor Bernhardi" aus Wien, Brechts "Coriolan" aus Ost-Berlin - insgesamt neun Inszenierungen, die dem West-Berliner "Theatertreffen 1966" Glanz geben sollten.
Von den "prächtigen Bäumen aus der deutschsprachigen Theater-Landschaft" - so West-Berlins Kultursenator Professor Werner Stein - können jedoch Mitte Mai nur drei nach Berlin verpflanzt werden: Shakespeares "Was ihr wollt" aus Bochum (Regie: Hans Schalla), Wedekinds "Frühlings Erwachen" aus Bremen (Regie: Peter Zadek) und Mrozeks "Tango" aus Düsseldorf (Regie: Erwin Axer), der allerdings vor kurzem schon als (schlecht besuchtes) Gastspiel in Berlin zu sehen war.
Ergänzt durch einen Berliner Beitrag - Pinters "Heimkehr" (Regie: Hans Schweikart) -, zerfällt die diesjährige Theater-Olympiade damit zum kleinen Vierer-Treffen.
Das Berliner Schau-Spielen (14. bis 22. Mai) findet zum zweitenmal statt. Zugedacht ist es dem Normalverbraucher im Parkett, der die üppigeren "Berliner Festwochen" im Herbst als exklusives Kritiker-Festival mißachtet.
West-Berlins Senat schätzt das Theatertreffen als ein Forum des deutschsprachigen Schauspieltheaters. Eine Jury von zehn Kritikern benennt ihm bemerkenswerte Aufführungen der letzten Spielzeit aus Österreich, der Schweiz und Deutschland, die dann zum Wettbewerb nach Berlin geladen werden.
Erklärte Gerhard Hellwig, der Leiter des Theatertreffens: "Entscheidend für die Auswahl soll der optimale Zusammenklang von Regie, schauspielerischer Leistung und Bühnenbild sein. Es wird also nicht das Stück ausgewählt."
Mit solchem Rat versehen, brachen die Jury-Kritiker - unter ihnen Dieter Hildebrandt, Joachim Kaiser, Walther Karsch, Henning Rischbieter, Friedrich Torberg - zur Reise durch die deutschredenden Lande auf. Trotz "eines mageren Theater-Jahres" (Professor Stein) gelang es ihnen, neun attraktive Inszenierungen auszumachen. Auf neun Einladungen bekam Berlin jedoch fünf Nein.
Das Akademietheater der Burg in Wien (Arthur Schnitzlers "Professor Bernhardi") entschuldigte sich mit Terminschwierigkeiten. Eine gleiche Absage kam vom "Deutschen Theater" in Ost -Berlin ("Der Drache" von Jewgenij Schwarz). Und das Ost-"Berliner Ensemble" (Bertolt Brechts "Coriolan"), das noch nie in West-Berlin gastiert hat, betrachtete seine Ausstattung als nicht maßgerecht für den West-Berliner Spielplatz in der Freien Volksbühne.
Die Absage aus dem Osten war höflich formuliert. Intendant Wolfgang Heinz vom Deutschen Theater bedauerte, "daß wir Ihre liebenswürdige Einladung nicht wahrnehmen können". Doch vermutet West-Berlins Senat ein gesteuertes Nein: Offensichtlich dürfe kein DDR-Schauspieler in West-Berlin auftreten, solange "Die Plebejer proben den Aufstand" von Günter Graß im Schiller-Theater läuft.
Das Graß-Werk gilt offiziell als Anti -Brecht-Stück,
Zwei andere Häuser, die gern in Berlin gastiert hätten, wurden durch Berliner Veto disqualifiziert: das Schauspielhaus Zürich mit Dürrenmatts "Meteor" und das Deutsche Schauspielhaus Hamburg mit Albees "Winziger Alice". Für beide Stücke besitzt der Hausherr des Berliner Renaissance -Theaters, Professor Kurt Raeck, die Option.
Raeck möchte den neuen Dürrenmatt im Herbst selbst nach Berlin bringen. Und O. E. Hasse, der den Nobelpreisträger Schwitter im "Meteor" spielen wird, will vom Vertrag zurücktreten, wenn in Berlin ein anderer vor ihm die Paraderolle hat.
Über die "Winzige Alice" hätte Raeck mit sich reden lassen: Er war bereit, auf die Option zu verzichten; allerdings wollte er das Stück dann überhaupt nicht mehr spielen. Das wiederum wollte der Verlag nicht.
Klagte Treff-Leiter Hellwig: "Wenn es im nächsten Jahr solche Komplikationen gibt, werde ich Theatern und Verlagen einen Ausfall anbieten."
Eine Absage des Theatertreffens mangels Masse halten Hellwig und sein Senator nicht für opportun: Die Idee könnte dann von einer westdeutschen Stadt übernommen werden.
Bremer "Frühlings Erwachen"
Zusage zum Vierer-Treffen
Ost-Berliner "Coriolan": Einladung der Frontstadt abgelehnt

DER SPIEGEL 18/1966
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