25.04.1966

GANZ UNWIRKLICHE LEUTE

Der Schriftsteller Vladimir Nabokov, 67, Exilrusse, US-Literaturprofessor und Schmetterlingsforscher, heute in Montreux (Schweiz) ansässig, ist mit dem Roman "Lolita" 1955 weltberühmt geworden. Daß er viel mehr ist als der Autor dieses Bestsellers, haben viel weniger Leser wahrgenommen: Die deutsche "Lolita"-Auflage (ohne Taschenbücher) beträgt 150 000, seine anderen Romane kamen bislang über 10 000 nicht hinaus. - Siegfried Lenz, 40, der die jetzt erschienenen Nabokov-Erzählungen bespricht, hat neben Romanen ("Stadtgespräch"), Dramen ("Zeit der Schuldlosen") und Hörspielen ("Das größte Fest der Welt') zahlreiche Erzählungen geschrieben. Sein jüngster Geschichten-Band, "Der Spielverderber", erschien im letzten Herbst im Verlag Hoffmann und Campe in Hamburg.
Das Dokument triumphiert. Das
epische Protokoll steht in sichtbarer Blüte. In den Laboratorien des Berichtens wurden die Möglichkeiten des Personenstandsregisters für die Literatur neu entdeckt, und mit der unerregten Registrierung wurde ein Erzählstil gefunden, der allein als angemessen empfohlen wird.
Was die Hochkommissare der Ästhetik heute vom Erzähler vor allem erwarten, ist der Nachweis, daß das Erzählen (von Geschichten) abgestanden, provokant, unmöglich ist, ein unlauteres Blindekuhspiel, eine organisierte Sinnestäuschung. Wenn heute dem Erzähler überhaupt noch etwas zugestanden wird, dann dies: er darf den Offenbarungseid leisten, die Unbrauchbarkeit des Universums proklamieren und sich danach im Garten erschießen. Der einzig glaubwürdige Erzähler scheint nur noch der tote Erzähler zu sein, der Fabulierer mit gebrochener Stimme und gebrochenen Flügeln.
Angesichts dieser Sachlage könnte die Sammlung von dreiundzwanzig (aus dem Russischen, Französischen und Englischen übersetzten) Erzählungen Vladimir Nabokovs, die Dieter E. Zimmer herausgegeben hat, sozusagen verwegen anmuten, denn immerhin weiß man von Nabokov, daß er ein eigensinniger Liebhaber der erfinderischen, der züngelnden Imagination ist, ein Spieler mit Stimmungen. Identitäten, Möglichkeiten und Lichtreflexen, ein melancholischer Zauberer, der, wenn ich mich nicht täusche, in seinen Geschichten mitunter auch versucht, sich dem Unglück der Erinnerung gewachsen zu zeigen.
Wie kommt uns solch ein Mann vor? Wie behauptet er sich vor seinem epischen Inventar, vor den beweglichen Mustern des Schicksals, die er nicht achselzuckend registriert, sondern als erkennbarer Chef entwirft, ändert und widerruft? Wie empfindet man heute seine Prosa, die nicht ein einziges Kennzeichen schmuckloser Verzagtheit trägt, sondern vielmehr mit einem vielfarbigen Glasfenster zu vergleichen ist, in dem alles mehrmals gebrochen wird?
Um es so früh und so nachdrücklich wie möglich zu sagen: ich bin sehr beeindruckt von Nabokovs Kunst, unwirklichen Leuten Denkmäler in Prosa zu setzen.
Diese "ganz und gar unwirklichen Leute" sind - wie es einmal in der Erzählung "Der Regieassistent" heißt - fast ausnahmslos russische Emigranten, "deren einzige Hoffnung und einziger Beruf ihre Vergangenheit" ist. Sie sind die traurigen und grübelnden, die armen und hochmütigen Hauptfiguren im Spiegelgefängnis von Nabokovs Phantasie. Sie sind zumeist Geflohene, Heimatlose, Wartende. Sie gehören zu der melancholischen Bruderschaft, die nur eine Beschäftigung kennt: Erinnerung.
Diese Erinnerung ist das einzige Loch, in das sie entkommen können. Was sie allesamt auszeichnet, das ist die Unangemessenheit ihrer Sehnsucht, ihrer Erwartung, ihrer Passionen und - zumindest von ihnen selbst aus gesehen - ihres Schicksals. Für sie alle fragt Koldunow (in der Erzählung "Lik") in Dostojewskischer Selbstergründung, die hier freilich auch eine ironische Falle ist: "Wer hat beschlossen, daß ich leiden soll, und mein Kind dann zum gleichen lausigen russischen Schicksal verdammt?"
Ihre spezielle Unwirklichkeit qualifiziert Nabokovs Helden dazu, ein Beispiel abzugeben. Ein Beispiel wofür? Ich glaube, dafür, daß wir in der Lage sind, mehrere Leben auf einmal zu führen - wie die Frau in der Erzählung "... daß in Aleppo einst ... " Auf dem Grund des großen Herbariums gibt es viele Möglichkeiten. Jedes Lichtmuster -ann schon eine neue Existenz einleiten, eine Verkantung des Prismas kann schon ein unerwartetes Schicksal herbeiführen.
Der Erzähler Nabokov entwirft solche folgenreichen Lichtmuster. Er bewegt das Prisma, unter dem die Objekte erwachen und sich verwandeln. Was Nabokov erzählen will, zeigt sich in einem Aufflackern und Verlöschen, in Abglanz und Widerschein. Handlungen und Zwecke im überdeutlichen Sinne geben nichts her; wie für Proust so scheint's, ist auch für ihn nur das "Abwesende Gegenstand der Imagination". Eindeutig bestimmbare Charaktere, Personen, die sich begrenzen lassen, Ereignisse, die keine Rückansicht haben: sie interessieren Nabokov nicht. Mit jeder Erzählung bittet er aufs neue, ihn nicht allzu rasch zu verstehen. Und alle Personen seiner Erzählungen führen augenblicklich eine mehrwertige Existenz.
Das zeigt sich in der Titelgeschichte, am Beispiel einer Freundschaft, die zugleich realer und eingebildeter Natur ist und in der jeder Wunsch nach pausbäckigen Gewißheiten sofort ins Unrecht gesetzt wird oder den Wißbegierigen beschämt. Das zeigt sich in "Die Nadel der Admiralität", in der unter anderem die Identität einer Autorschaft mit elegantem Sarkasmus bezweifelt, bestätigt und, mit einer listigen Pointe, abermals bezweifelt wird. Es trifft für den "vergessenen" Dichter Konstantin Perow zu, der für tot gehalten wird, im unpassenden Moment auftaucht und sich wieder in die Anonymität empfiehlt. Aber auch der seltsame Dr. Shoe ("Genrebild 1945"), der leidende Preisgewinner Wassilij Iwanowitsch ("Wolke, Burg, See"), der phantasievolle Duellant Anton Petrowitsch ("Der Schuft") und die ältere, hochgewachsene Frau Ott ("Märchen"): sie alle führen eine mehrwertige Existenz.
Das könnte nun freilich nach erzählerischer Gesetzmäßigkeit aussehen, nach methodischer Beweisführung. Natürlich ist das nicht der Fall. Nabokov verhilft seinen Personen nicht nur dazu, die Identität zu verlieren. Als selbstbewußter Konkurrent des lieben Gottes läßt er es auch zu, daß sie ihre Identität vorübergehend gewinnen - allerdings nur, um Abschied zu nehmen wie der versoffene Ich-Erzähler in "Dem Andenken L. I. Schigajews". (Und in ähnlicher Weise wird der Insektenforscher Pilgram mit seinen unmöglichen Träumen erst im Tod mit sich selbst identisch.)
Nein, einem Erzähler wie Nabokov kann an der Demonstration von Gesetzmäßigkeiten nicht gelegen sein. Vielmehr, scheint mir, nimmt er an der Tatsache Anstoß, daß jeder Erzähler durch allgemeine Sachverhalte festgelegt ist. Aus dieser Zwangslage möchte er heraus. Eine Chance dazu sieht er in der rein subjektiven Erkundung und Benennung von Situationen, Eindrücken, Stimmungen und Gefühlen. Er versucht die Wahrheit in neuen Spiegelungen, mit neuen Namen zu finden, zu bezeichnen. Er findet sie in der Vieldeutigkeit, in der Bodenlosigkeit, in der Widerlegung, im phantastischen Gegenentwurf, mit dem die Einbildung auf unsere Erfahrungen antwortet.
Das wird etwa augenfällig in der Erzählung "Der Schuft": da hat der phantasievolle Feigling Anton Petrowitsch den Liebhaber seiner Frau zum Duell gefordert reichlich selbstvergessen, und in einer Promptheit, die bald bedauert wird. Ausgerechnet an einem Waldsee bei Berlin soll das Duell stattfinden. Mit seinen Sekundanten fährt Anton Petrowitsch hinaus. Doch anstatt auf der Walstatt zu erscheinen, schleicht er sich durch die Toilette eines Wirtshauses hinaus, flieht, flieht in ein Berliner Hotelzimmer, und sitzt hier nun und tröstet sich mit einer Geschichte, die er sich selbst lächelnd erfindet. In der Geschichte ist sein Gegner geflohen, wird sein Gegner zum Feigling erklärt. Später allerdings bemerken er und Nabokov: "So geht es im wirklichen Leben nicht zu."
Fast könnte man das für eine Klage halten. Und vielleicht ist es eine, denn trotz schön vergifteter Wortspiele, trotz eines hochgebildeten Spottes, trotz aller Verstellungen und ironischer Brechungen: die Grundstimmung von Nabokovs Erzählkunst ist Melancholie.
Den "schwarzen Grund" in diesem Werk hat Dieter E. Zimmer in seinem ausgezeichneten Nachwort freigelegt. Auch wenn uns der Autor Nabokov selbst manchmal wie von einem andern Mann gleichen Namens erfunden zu sein scheint: die Grundstimmung läßt sich nachweisen, und der Eindruck, daß oft gegen das Unglück eines Erinnerungszwangs erzählt wird, bleibt bestehen. Gelegentlich hat man das Gefühl, daß hier ein Album mit halbverblaßten, melancholischen Photographien aufgeschlagen wird, die der Erzähler erfindungsreich retuschiert und arrangiert - auf der Suche nach einer verlorenen Zeit, die er einer befremdenden Gegenwart entgegenhalten möchte.
Solch einem Vorgang ist denn auch ein Stil angemessen, der sich weniger durch protokollarische Kühle und allerkleinste epische Schritte charakterisieren läßt als durch sinnenhafte Assoziations-Ketten und durch eine Detailversessenheit, die so offensichtlich an Proust gemahnt. Diesem Stil gelingt es hervorragend zu beweisen, warum ein Erzähler seiner Figuren nie habhaft werden kann, und wo es müßig zu werden beginnt, nach konkreter Bedeutung zu fahnden. Ein Flüstern, eine Farbe, der Schatten eines Netzes: sie sind jeder handgreiflichen Bedeutung überlegen - das beglaubigt Nabokov durch seine außerordentlichen Erzählungen.
Lenz
Vladimir Nabokov:
"Frühling in Fialta"
Rowohlt Verlag
Reinbek
bei Hamburg
352 Seiten
24 Mark
Nabokov
Von Siegfried Lenz

DER SPIEGEL 18/1966
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