25.04.1966

LSDDie Blauen Götter

Einer fühlte sich in einen Gott verwandelt, ein anderer in eine Orange. Einer glaubte zu zerfließen und bat besorgt, man möge ihn in einen Sack schaufeln. Wieder ein anderer wähnte, er sei zusammengeschrumpft; tagelang blieb der eingebildete Zwerg verstört.
Manche, vermeinten gewichts- und körperlos zu sein und sprangen aus dem Fenster. Andere verspürten Mordlust, oder sie sanken in panischen Schrecken und versuchten, Selbstmord zu verüben. Die meisten aber, die mit den "Blauen Göttern" Umgang hatten, fühlten sich "high", durchlebten Orgien der Einbildungskraft, Feste der Phantasie.
Die Blauen Götter haben die Gestalt kugelförmiger Dragees, türkisfarben, so groß wie Liebesperlen oder bunte Stecknadelköpfe. Und sie sind käuflich - auf dem Campus der Universität von Kalifornien wie in Paris unter den Seine-Brücken, in den Gammler-Cafes von London und Stockholm und neuerdings auch in den Twen -Treffs "Eden Saloon" und "Old Vienna" in Berlin.
Wie ein Fegefeuer breitet sich in der westlichen Welt - zumal bei der Internationale der Beatniks - das Verlangen nach einer neuen Psycho-Droge aus, deren Wirkungen ebenso vielfältig wie umstritten sind. Ihr wissenschaftlicher Name: Lysergsäurediäthylamid - abgekürzt: LSD.
Nur ein pharmazeutisches Unternehmen, die Schweizer Firma Sandoz, stellt das Rauschmittel her - ausschließlich für wissenschaftliche Zwecke und unter strengster Auslieferungskontrolle (Markenname in den USA: Delysid). Aber Chemiestudenten und selbst Amateur -Chemiker stellen das Gift offenbar massenweise und preiswert in Uni -Labors und Garagen her, um es auf dem Schwarzmarkt zu vertreiben.
So wird LSD schon jetzt wie kein anderes Rauschgift zuvor in Mengen konsumiert. Allein an der Universität von Kalifornien in Berkeley zum Beispiel schlucken neuesten Schätzungen zufolge 10 000 Studenten die blauen Rausch -Pillen.
Letztes Jahr griff die Bewegung der "§Säureköpfe", wie die LSD-Schlucker im Jargon der US-Studenten genannt werden, auf europäische Beat- und Gammlerzentren über. Stückpreis der Rausch-Kügelchen: 1,50 bis zwei Mark. Fünf bis sechs solcher Pillen eröffnen den Weg ins Reich exotischer Visionen.
Unliebsame Publizität erfuhr das Seelengift während der letzten Wochen: In Basel barg man die Leiche einer 21jährigen Selbstmörderin; letzte Notiz der Lebensunwilligen: "Nehme heute LSD." In New York wurde der Medizinstudent Stephen Henry Kessler, 30, festgenommen, der in einem drei Tage währenden LSD-Rausch seine Schwiegermutter umgebracht hatte.
Und am vorletzten Wochenende durchkämmte die Polizei in dem New Yorker Vorort Millbrook die 64-Zimmer -Villa des einstigen Harvard-Professors Timothy Leary, 45, in der sich LSD -Freunde zu Drogen-Sitzungen getroffen hatten.
Jahrelang hatten die Ordnungshüter den Psychologen Leary, der als prominentester Anführer der LSD-Bewegung die wundersame Wirkung der Droge öffentlich pries, unbehelligt gelassen. Nun wurden dem Professor eine hohe Gefängnis- und eine Geldstrafe in Höhe von 40 000 Dollar zuerteilt.
Dieser plötzliche Zugriff der US-Behörden kennzeichnet eine Zuspitzung der Kontroverse, die seit Jahren um Wert oder Unwert der halluzinationsträchtigen Droge entbrannt ist:
- Die Mehrheit der Psychiater und
Psychologen hält bislang - wie Leary - LSD für eine der harmlosesten Psycho-Drogen, weniger gefährlich als Alkohol und Nikotin. Anders als etwa Kokain und Morphium macht LSD nicht süchtig und verursacht keine körperlichen Schäden. So empfahl der Kulturkritiker Aldous Huxley LSD gar als ein allgemeines Stimulans, das die in leeren Begriffen erstarrte abendländische Geisteswelt zu neuem Leben erwecken könnte.
- Die steigende Zahl der im LSD -Rausch verübten Kriminaldelikte stützt demgegenüber die These der LSD-Gegner, das Seelengift wecke brutale Instinkte, treibe zu Mord und führe bei übertriebenem Gebrauch zu dauerndem Wahnsinn.
LSD, 1943 von dem Schweizer Chemiker Albert Hofmann durch Zufall als Rauschmittel entdeckt, gehört - wie Marihuana und Meskalin - zu einer Gruppe von Psycho-Giften, die als "Halluzinogene" bezeichnet werden.
Als Medikament bewährte sich LSD bei der Behandlung von Alkoholikern, Manisch-Depressiven und Neurotikern. Amerikanische Psychoanalytiker, zumal im Neurosen-trächtigen Hollywood, verabreichten die Seelenpille freigebig (Cary Grant nach der LSD-Behandlung: "Ich habe einen festen Kern innerer Kraft gefunden").
Als Kronzeuge der weltanschaulich verbrämten LSD-Bewegung indes gilt Aldous Huxley, der 1954 in seinem Buch "Die Pforten der Wahrnehmung" seine eigenen Erfahrungen mit Halluzinogenen, vor allem Meskalin, enthusiastisch beschrieb. Das Huxley-Buch inspirierte auch den Harvard-Psychologen Leary, der im Sommer 1960 während einer Mexiko-Reise erstmals die faszinierende Wirkung der magischen Drogen erfahren hatte.
Mit wissenschaftlichen Methoden erforschte Leary fortan die Effekte der "bewußtseinserweiternden" Psycho-Drogen. Außerhalb der Universität gründete er zwei "Kolonien für transzendentales Leben" sowie eine "Internationale Vereinigung für innere Freiheit", der bald eine Anzahl von Theologen und Philosophie-Professoren beitrat. Im Kreise von Studenten und Künstlern - darunter so prominente Schriftsteller wie Arthur Koestler und der Beat-Poet Allen Ginsberg - setzte Leary seine psycho-chemischen Versuche fort. Im Verlauf einer Drogen-"Sitzung" entkleidete sich Ginsberg und eilte ans Telephon: Er wünschte Kennedy und Chruschtschow zu sprechen, um ihnen die entspannende Wirkung von LSD zu erläutern.
Learys Geschäftigkeit trug zweierlei Frucht. Zum einen weckte sie das Interesse seriöser Gelehrter an LSD. Versuche mit Theologiestudenten überzeugten etwa den amerikanischen Religionsprofessor Clark, daß LSD die Menschen "näher zu Gott bringen" könne.
Zum anderen aber animierte Learys Drogen-Ideologie - eine Mixtur aus Zen-Buddhismus, Mystik und Auflehnung gegen Tabus der bestehenden Gesellschaft - Tausende von Amerikanern zu eifrigem LSD-Konsum. Konstatierte Dr. Richard Alpert, ein Mitarbeiter Learys: "Sie alle sind auf der gleichen Reise wie wir - nach Osten."
Höhere Stufen der Einsicht in das Wesen der Dinge (wie sie auch Zen verspricht) und eine gesteigerte Wahrnehmungsintensität scheinen in der Tat das Kernerlebnis des LSD-Rausches zu sein. Farben, so berichten LSD-Schlucker, beginnen ein Eigenleben, werden plastisch, gewinnen phantastische Nuancen. Geräusche potenzieren sich bis an die Schmerzschwelle. Das Gefühl für den eigenen Körper schwindet, die eigene Haut fühlt sich wie fremde an. Stimmungen wandeln sich sprunghaft: Albernheit wechselt mit Ängsten, Mut mit Melancholie. Bei allem aber bleibt das Bewußtsein wach. "Der Verstand", notierte der Rausch-erfahrene New Yorker Bankier R. Gordon Wasson, "war wie durch ein elastisches Band mit den schweifenden Sinnen verbunden."
Gewöhnlich endet der Höhenflug der Sinne nach Stunden, ohne daß der Berauschte Schaden nähme. Indes: Gerade diese beruhigende Gewißheit - daß der
Heimweg ins Normale offenbleibe - ist neuerdings zweifelhaft geworden.
"LSD", so erläuterte Anfang letzter Woche der prominente französische Psychiater Pierre A. Bensoussan vor Journalisten in Paris, "wäre in der Tat harmlos wenn alle von ihrem 'trip' ins Übersinnliche zurückkämen. Das Problem ist: Manche bleiben drüben."
Der Gelehrte, der mit Besorgnis dem für den Sommer bevorstehenden Zustrom LSD-hungriger Beatnik- und Studentenscharen nach Paris entgegensieht, wußte zwei bestürzende Beispiele anzuführen:
Vier amerikanische Teenager und Twens, zwei davon Mädchen, wurden nach LSD-Partys in die Nervenklinik eingeliefert: Die Blauen Götter hatten sie nicht wieder freigegeben. Zwei der vier jugendlichen Patienten sind noch immer, Monate nach dem LSD-Konsum, in ihre Halluzinationen verstrickt.
Und einem französischen Studenten widerfuhr die Heimsuchung noch unverhoffter: Sechs sinnenklare Monate waren seit seinem letzten 'trip' vergangen. Dann sank er - ohne erkennbaren Anlaß - wieder in den Wahn zurück. Und seither hält das Gaukelspiel phantastischer Visionen ihn gefangen.
"Eden Saloon" in West-Berlin: Für zehn Mark eine Orgie der Phantasie
LSD-Schlucker Leary (r.)*
Manche bleiben drüben
* Vor dem Schlucker-Quartier in Millbrook.

DER SPIEGEL 18/1966
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