25.04.1966

TU'S

Anna lag ausgestreckt am Boden und blickte zur Decke. Ich hockte daneben und starrte auf die kalten Kleckse von Mathieu. Ich hatte alle Lampen an.
Das Rot geriet als erstes in Bewegung. Während das weiße Oval zu schrumpfen begann und der grüne Pfahl zu welken schien, lief das Karmesin wie Blut aus dem Bild.
Ich lachte. Ich wunderte mich, daß ich lachte, denn ich wollte nicht lachen, weil ich traurig war, doch etwas, das mir neu war, zwang mich, albern zu sein.
Das Karmesin verblaßte zu einem Schleier aus Rose, durch den mich Annas Augen suchten.
Anna?
Es waren Annas Augen, denn sie waren gelb, und es waren Annas Lippen, denn sie waren so dünn wie immer, doch es war nicht Anna, die sich da räkelte, den Rock bis zur Hüfte hoch, es war Jeanne, die was von mir wollte.
Mit dem Transistor schien was nicht in Ordnung zu sein. Die Musik wurde immer lauter.
Ich war mir nicht sicher, ob ich sie nicht enttäuschen würde. Meine Zunge war von Pelz überzogen. Ich schmeckte den Whisky vom Nachmittag, und ich spürte, wie mir das Kotzen kam. Ich hätte gern ein Glas Wasser getrunken, ich durfte nicht daran denken, so verdammt war mir nach einem Schluck aus der Leitung, doch dazu hätte ich aufstehen, Jeanne allein und die ganze Sache womöglich schießen lassen müssen, aber ich wußte, daß Jeanne es jetzt wollte, genau jetzt und nur das.
Ich legte mich neben Anna - ich meine Jeanne.
"... folgen die Nachrichten", brüllte der Kerl, und seine Stimme drosch wie ein Beil in mein Trommelfell,
Ich fuhr mit der Hand durch mein Haar, es fühlte sich wie Stroh an. Ich zog das Hemd über den Kopf,
und als die Hände über meine Schultern rutschten, spürte ich meine Haut nicht, mir war, als berühre ich einen anderen.
"... in Genf zusammengetreten." Ich hätte den Schreihals umbringen können, doch ich konnte mich nicht entschließen, zum Transistor zu gehen.
Und auf einmal machte es mir Spaß. Seit ich "La Notte" gesehen hatte, hatte ich mir nichts so Verrücktes gewünscht, wie es mal mit der Moreau zu haben. Nun war's also doch noch dazu gekommen. Na schön. Aber anders als mit Anna war es eigentlich auch nicht.
Der Hammer in der Kirche hatte schon ein paarmal geschlagen, und wir waren noch immer dabei.
Komisch, dachte ich, mit Anna dauert's nie so lange.
Jeanne fing an zu reden. Sie hatte einen Haufen Gedanken. Doch ich hörte nicht zu, denn auch ich hatte einen Haufen Gedanken, die kreuz und quer gingen, ziemlich verrückt. Plötzlich war Jeanne weg, ganz einfach verschwunden. Außerdem war's verdammt kalt auf einmal, und ich bekam Angst.
Es regnete und mußte ungefähr halb vier sein, als ich mit Anna in ihrem "Alfa" zum Schäferberg fuhr. Die Straßen waren leer und naß, so viel konnte ich sehen. Doch ich verstand nicht, was mit den Laternen los war; die Lampen spielten verrückt, sie tanzten und verschoben sich und gingen ineinander.
Die Straße war ungefähr zehn Meter breit, mehr nicht, oder waren es doch zwanzig? Endlich hatte ich es: Ihre Breite änderte sich alle paar Meter.
Irgend was mußte mit dem Motor sein. Auch Anna hatte das Klappern gehört. Wir hielten, aber wir fanden nichts, und so fuhren wir weiter. Als wir an den Schäferberg kamen, fragte ich Anna:
"Soll ich dich in den Himmel schießen?"
"Tu's", sagte sie. "tu's ..."
* Der Name des Autors ist dem SPIEGEL bekannt.

DER SPIEGEL 18/1966
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 18/1966
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

TU'S

  • Schottland nach der Briten-Wahl: "Mandat für Unabhängigkeitsreferendum"
  • Neue Saurierarten entdeckt: Gestatten: Nullotitan Glaciaris
  • Trotz Eruptionsgefahr: Soldaten bergen Opfer von White Island
  • Wahlsieg in Großbritannien: Erstes Statement von Boris Johnson im Video