25.04.1966

ARDENHängen und Würgen

Du mußt hängen, Armstrong", sagt Schottenkönig James V., "und gleich." Raubritter John Armstrong, vom König mit freiem Geleit gelockt, wird auf den nächsten Baum gezogen, weil er die Staatsräson gestört hat. Vorher singt Armstrong eine Ballade.
Das Historienstück mit Hängen und Würgen, knorrigen Versen und alten Liedern ist neu: "Armstrong sagt der Welt Lebwohl", das achte und bislang letzte Stück des englischen Dramatikers John Arden, 35, wurde vorige Woche in Bochum erstmals deutsch gespielt.
Bochums Schauspielhausbesuchern ging es dabei besser als dem Publikum der englischen Premiere im Sommer 1964 - sie konnten verstehen, was Armstrong sagte und sang. Im Original hatte der Ritter ein mittelalterliches Schottisch gesprochen.
John Ardens Hang zum Alten und sein Prinzip, dem Publikum nicht zu predigen, machte ihn zur "rätselhaftesten Figur des englischen Gegenwartstheaters" ("The Observer"). Erklärt sich Arden: "Ich schreibe, was ich selbst gern sehen möchte."
Das ist nicht immer, was die Leute sehen wollen. Londons talenteförderndes Royal Court Theatre, das Ende der fünfziger Jahre Ardens erste Werke uraufführte, verlor pro Stück 3000 Pfund (33 600 Mark). Auch die Deutschen zeigten sich - nach einer Arden-Welle 1964 - gegen Arden resistent.
Denn Arden geht nicht mit dem Gängigen, auch wenn er Allerweltsthemen - Krieg, Prostitution, soziale Gegensätze - dramatisiert. Er paßt weder zu den englischen Spülstein-Realisten um Arnold Wesker ("Bratkartoffeln nichts als Bratkartoffeln") noch zu den Absurdisten um Harold Pinter ("Die Heimkehr"). Am meisten hat er von Bertolt Brecht gelernt - das lapidare Reden und das unvermutete Singen.
Cambridge-Student Arden, Sohn eines Glashütten-Direktors, kam zu Brecht und Bühne über die Baukunst. Zwei Jahre (1955 bis 1957) zeichnete er in einem Londoner Architekten-Büro Grundrisse und entwarf nebenbei Hör- und Schauspiele. Aber erst 1959 brach er durch - "Der Tanz des Sergeanten Musgrave" wurde "von Paris bis Beirut diskutiert" ("The Observer") und rückte Arden ins erste Glied der jungen britischen Bühnengarde.
Mit dem "Musgrave" wollte Arden "einen Kommentar zum Zypern-Konflikt" schreiben. Das Stück spielt allerdings um 1880. Musgrave, Sergeant der Königin Viktoria, kehrt vom Kolonialkrieg heim, um ein Exempel zu statuieren: Für einen gemordeten englischen Soldaten wurden in der Kolonie fünf Geiseln getötet - jetzt will Musgrave dafür 25 Engländer erschießen. Musgrave: "Dann ist die Logik erfüllt."
Wegen des Stücks wurde Arden vom "Evening Standard" zum "meistversprechenden Dramatiker" ausgerufen und Stipendiat am Drama-Department der Universität Bristol. Danach zog Arden mit Frau, der Ex-Schauspielerin Margaretta D'Arcy, aufs Land.
Er nahm ein Haus im Yorkshire-Nest Kirby Moorside, in dem Western-Verehrer Arden kein Kino, einen stillgelegten Bahnhof und fünf verschiedene Kirchen fand. An seine Hauswand malte er das Signum der "Kampagne für Nukleare Abrüstung" (CND), und im "Who's Who" gab er als "Interessen" an: "Ackerbau."
Arden pflanzte Bäume, zeugte Söhne und tippte mit zwei Fingern Stücke für Bühne und TV. Sein nächster Großerfolg war die Korruptions-Komödie "Der Packesel", die das Festival-Theater in Chichester 1963 präsentierte.
Als im Jahr darauf die Berliner den "Packesel" nachspielten, reiste Arden mit Frau und ungeborenem vierten Sohn herbei. Ein Darsteller im "Packesel" gefiel ihm so, daß er das Neugeborene auf dessen Nachnamen taufte. Das Kind heißt nun Neuss.
Dem "Packesel" hatte die allzu kabarettistische Berliner Regie (Ulrich Erfurth) allerdings "einen Bärendienst erwiesen" (so "Theater heute"). Aber auch Bochums Hans Schalla nahm jetzt den Arden nicht ernst genug - "Armstrong" verlief sich als schottisches Ritter-Musical.
Das Stück von der Staatsräson - für die "Times" das "beste Drama des Jahres" - will der Dichter tiefer verstanden wissen. Denn im Freibeuter Armstrong, der mit seinen Grenzräubereien den englisch-schottischen Frieden und mit seinen Solotouren die innere Ordnung stört, sieht Arden einen Zeitgenossen: "Armstrong steht für Tshombé aber ich habe ihm den Charakter von Lumumba gegeben."
Im schottischen Ritter mit der räuberischen Faust erkannte die "Zeit" aber auch einen berühmten Deutschen wieder
- Goethes "Götz von Berlichingen".
Tatsächlich hatte Arden den, Goethe "Götz", seine einstige Schul-Lektüre, 1963 für die englische Bühne bearbeitet. Arden verkürzte den Ritter mit der eisernen Faust zur "Ironhand" und modernisierte Figuren und Zitate.
Das bekannteste Zitat übernahm er unverändert.
Dramatiker Arden
Ein schottischer Raubritter ...
... mit dem Charakter von Lumumba: Ardens "Armstrong" in Bochum*
* Erich Aberle, Elke Twiesselmann.

DER SPIEGEL 18/1966
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