25.04.1966

„MIT EUCH TIGERN MÖCHTE ICH EIN WÖRTCHEN REDEN“

Während mit "Pop art", Happenings, Beat und Courrèges-Look die Welle der "Pop"-Kultur die westliche Welt überspült, prägten US-Kritiker endlich auch den Begriff des "Pop Sex". Unter diesem Stichwort analysierte der amerikanische Journalist Richard R. Lingeman einige Sex-Symbole dieses Jahrzehnts. Seinem Bericht sind folgende Auszüge entnommen.
Das große Sittengemälde, in dem die seltsamen Fruchtbarkeitsriten, die Bräuche, Götter und sexuellen Symbole unseres Jahrhunderts beschrieben sind, muß noch verfaßt werden. Und dies soll kein Versuch sein, es zu tun.
Immerhin: Wir sind ein Volk, das ungewöhnlich viel Zeit darauf verwendet, Sex-Symbole
zu prägen oder sich von ihnen prägen zu lassen - in den Massenmedien, im Anzeigenkult, in Filmen und Schlagern. Deshalb also hier ein vorläufiger Überblick über die markantesten Sex-Symbole unserer Zeit.
Da sind zunächst - man könnte ebensogut woanders anfangen - die neuen Tänze wie Frug, Jerk und Watusi mit ihren urig stoßenden und mahlenden Bewegungen, die an die Burleske erinnern. Einige Psychiater brandmarken sie als "kranken Sex", und ein Diskothek-Besitzer sagte angewidert zu einem "Time"-Reporter: "Jedermann hier geht ganz in seinem Narzißmus auf." Andere Psychiater finden sie gesund, und viele Leute haben einfach Spaß daran. Dennoch: Es gibt bei diesen Solo-Tänzen ein Element der Selbsthingabe und der phrenetischen Entrückung, das uns beunruhigt.
Ein Theologieprofessor am Trinity College in Chikago, Dr. Calvin Seerveld, suchte die tiefere Bedeutung der gegenwärtig grassieren den Tanzwut zu: ergründen: "Der Tanz, einst kultische Handlung, den Göttern zugewandt, wurde säkularisiert und wieder fester in seine ursprüngliche erotische Qualität eingeschlossen. Heutzutage scheint Tanzen ein Versuch zu sein, aus der eigenen Haut zu schlüpfen ... Die Rhythmen des Schlagers 'A hard Day's Night' sind düstere Ekstase, die in Bezirken außerhalb des göttlichen Reiches wurzelt."
Es ist wirklich erfrischend, daß ein Geistlicher das Tanzen in diesem Lande brandmarkt. Ich begann schon zu fürchten, die Kirchenmänner schwiegen, weil wir auf dem Pfad der Sinnenfreuden bereits solche Abgründe erreicht hätten, daß die Erlösungsrufe uns nicht mehr erreichen könnten.
Auch den Walzer empfand man, als er zuerst in die Gesellschaft eingeführt wurde, als unmoralisch (so selbst Lord Byron). Aber der jetzige Stammesritus, daß Paare in lärmende Diskotheken gehen und sich den ganzen Abend jeder für sich einem frenetischen Schicksal hingeben, symbolisiert eine seltsame Art Sexualität, die unsere Priester und Moralisten höchst bestürzend finden - während viele Teilnehmer des Ritus sie im Gegenteil gerade als befreiend empfinden.
Meine eigenen Streifzüge durch die Diskotheken haben dazu geführt, daß ich mich auf die Seite der Moralisten schlage. Die letzte Stätte dieser Art, die ich besuchte, hatte nur eine winzige Tanzfläche. Ich saß direkt daneben, und den ganzen Abend bohrte mir eine Tänzerin ihren Ellenbogen in ein Ohr, während ein bleicher junger Mann von der Band das Saxophon direkt in mein anderes Ohr blies. Es war die Hölle.
Nicht minder symbolträchtig als die modernen Tänze ist die derzeitige Herrenmode. Gegenwärtig wird über die schwindende Maskulinität einiger Herrenmoderichtungen diskutiert. Eine Firma für Herrenkonfektion schlug Alarm wegen der "schleichenden Verweiblichung", welche die Männerkleidung bedrohe, und ein Reporter des "Wall Street Journal" beschwor die Vision eines feminisierten Mannes herauf: "Er bewegt sich in einer Duftwolke von Eau de Cologne. Sein Jackett ist in der Taille enganliegend und unten ausgestellt wie ein Rock. Seine Hosen sind eng und kurz, die Schuhe spitz. Sein Haar ist sorgfältig frisiert - und vielleicht gefärbt, um graue Stellen zu verbergen." Aber nicht alle Beobachter teilen die Auffassung von der schleichenden Verweiblichung der Herrenmode. Viele meinen, dieses Phänomen sei allenfalls auf einige verrückte Teenager und Nonkonformisten beschränkt.
Einen Boom erlebten die Hersteller von Herrenkosmetika - hier scheint sich die sogenannte Verweiblichung sehr günstig auszuwirken: Immer mehr Männer besprengen sich mit Eau de Cologne, und sie fangen tatsächlich auch an, sich die Haare zu färben.
Kölnisch Wasser pflegte die Männer an Parfüm zu erinnern, und das verbanden sie mit "weibisch" oder allenfalls mit schmächtigen, zierlichen Franzosen. So beschränkten sie sich anfangs auf herb duftenden After-Shave-Lotions mit einem angenehm masochistischen Brennen. Vor einigen Jahren aber befreite sich die Herren-Eau-de-Cologne von diesem Stigma - in ganzen Serien kamen Herren-Duftwasser auf den Markt, alle mit sehr männlichen Namen wie Grant, Partner, Gin Fizz, Knize Ten, Tournament, Big Shot, White Knight, Executive und Secret Service.
Da diese Schlacht gewonnen ist, ist es an der Zeit, zu neuen Fronten vorzustoßen. Jetzt entwickeln die Produzenten Gesichts-Cremes, Make-up und Wimperntusche für Herren. Man bekommt Mitleid mit den armen Textern in den Werbeagenturen, die mit dem Problem ringen, ein männliches Image für Wimperntusche zu prägen. Haben wir so etwas zu erwarten wie "Shiner - die Wimperntusche für harte Männer" ("Für stählerne Augen")?
Wie ich den Fernseh-Spot sehe, wird ein Texasbursche in schwarzem Lederjackett, jedes sichtbare Stück Epidermis heftig tätowiert, eine süße Puppe küssen, die sich sodann widerstrebend seinen Armen entwindet, neblig in die Kamera schaut und mit der zutraulichen, heiseren Stimme eines kleinen Mädchens sagt: "Mit euch Tigern möchte ich ein Wörtchen reden. Oh, ihr wißt, wer ihr seid! Ihr seid die Burschen, die den Mut haben, Shiner-Lidschatten zu tragen - wie ein wirklicher Mann."
In der Tat ist die wachsende Beliebtheit von Schönheitsmitteln für Männer symptomatisch für ein neues Image des Mannes, das dem konventionellen Manns-Bild der Konfektionäre geradezu entgegengesetzt ist. Ein Magazin für Damenmode lieferte unlängst eine Beschreibung dieses "Neuen Jungen Mannes", illustriert mit einem Photo von Beatle Paul McCartney: "Wenn er sein langes wallendes Haar zurückwirft, sieht der alte Mr. Muskel, das Bürstenfrisur-Idol von vorgestern, dagegen plötzlich eckig und altmodisch aus wie ein Oldtimer-Auto. Der Mann der Stunde ist ein Junge in den Zwanzigern ... Er ist elegant und aristokratisch ... Der Gedanke, daß er sein Haar mit Hingabe bürstet, seine Shampoos mit dem Ernst eines Kenners auswählt und sich sehr sorgfältig parfümiert, erregt die Mädchen, so wie die Farben im Schwanz des Pfaus die Pfauenhenne erregen ... Der Beau unserer Zeit trägt seine Eitelkeit als Zierde. Heute sammelt er ernsthaft Kölnisch Wasser, Parfums, Puder, Rasiercremes und Shampoos. Morgen wird er Salben für seinen Teint bestellen, Gesichtsmasken zur besseren Durchblutung und - wer weiß? -Make-up für seine Schönheit." Färbemittel gegen graues Haar sind das einzige, was dieser Bursche noch nicht braucht, ansonsten gleicht er einem wandelnden Ausstellungsstück der Herrenkosmetik-Industrie.
Der amerikanische Kulturkritiker Leslie Fiedler. Literaturprofessor in Montana, deutete diesen Trend zu männlicher Schönheit als "einen allgemeinen Rückzug von der männlichen Aggressivität zu weiblicher Anmut". Demgegenüber empfindet Soziologin Margaret Mead den neuen Dandyismus als gesunde Widerlegung der "seltsamen Annahme, daß elegantes Gefieder und feine Kleidung für den Mann nicht angebracht seien, obwohl dies doch bei den meisten Tiergattungen der Fall ist".
Bei Frauen gibt es diesen Rückschluß von der Kleidung auf den Sex, wie Fiedler ihn versucht, offenbar nicht. Kein Kritiker hat je beklagt, Mädchen würden durch Schaftstiefel männlich oder durch lange Hosen lesbisch. Und bisher hat die Courrèges-Mode, in der die Mädchen wie leicht übertrieben herausgeputzte Tambourmajorinnen einer Universitäts-Band vom Mars aussehen,
niemand veranlaßt, Dr. Mead oder sonst jemand um Rat zu fragen.
Allerdings, ganz möchte ich die Frauen nicht schonen. Ich führe Klage über den Narzißmus - der Begriff taucht in dieser Untersuchung öfter auf -, wie er sich zum Beispiel in der Fernsehwerbung für bestimmte Bademittel offenbart: Photomodelle liebkosen sich mit seifenschaumigen Händen oder streicheln sich liebevoll mit Handtüchern. Einige Damen-Parfüms verkaufen sich seit Jahren mit solch narzißtischem Appeal; ich kann nichts Schlimmes dabei finden, aber es gehört wohl zum Bild der Sex-Symbole. Eine Anzeige, die letztes Jahr im "New Yorker" erschien, sprach es zum erstenmal offen aus. Man sah das Bild einer jungen Dame, die hingebungsvoll ihre eigene nackte Schulter küßte. "Kommen Sie, seien Sie ein Narziß", drängte der Text. "Nehmen Sie ein Bad zu fünfzig Dollar - in 'Parfum de Bain' von D'Orsay!"
Vielleicht ist jugendlicher Narzißmus geradezu der Inbegriff des Typs vom "Neuen Jungen Mann" und vom "Neuen Mädchen", verkörpert etwa durch die englische Photo-Schönheit Jean Shrimpton, von der "Newsweek" - etwas erschrocken - einmal notierte, sie habe "den kühlen Blick der heutigen Jugend, leicht schmollend, so unnahbar wie ein Paar, das in die narzißtischen Träumereien des Jerk versunken ist".
Tom Burke, Kolumnist in "Gentlemen's Quarterly", beschrieb nach einem Streifzug durch die Diskotheken in Manhattan, wie sich die Begegnung eines solchen Paares abspielt: "Da war einer von diesen Knaben im 'Arthur', er tanzte Frug, Jerk, Monkey und Swim mit einem Mädchen - und er sah genauso aus wie sie. Beide hatten eine makellose Haut, beide waren um die Augen leicht geschminkt, ebenso ihre Lippen, nicht silbern oder knallig rot, sondern rosa, in einem milden, sanften Ton. Ihre Hemden waren aus rosa Spitze, ihre Anzüge aus schwarzem Tuch mit Nadelstreifen, dazu schwarze Stiefel und langes schwarzes Haar."
Sind es Narzisse, die sich von ihrem eigenen Spiegelbild nicht trennen mögen? Die sich zum Ausgehen so anziehen und zurechtmachen, daß sie den ganzen Abend lang im Partner das Abbild ihrer selbst betrachten können - wenn sie nicht ohnehin beim Tanz in narzißtischer Selbsthingabe versinken.
Während sich Kleidung und Kosmetik der Geschlechter immer mehr annähern, gibt es demgegenüber ein Symbol, das ganz eindeutig männlich ist: der Tiger.
Ein schönes Mädchen namens Barbara Feldon pries, auf ein Tigerfell hingestreckt, ein Haarmittel für Männer an, indem sie sich an alle Tiger draußen im Lande wandte. Der Esso -Werbespruch "Pack den Tiger in den Tank" ist ein ähnlicher Dschungelruf an uns Tiger in allen Landen. In einer Anzeige wurde kürzlich der Esso-Tiger gezeigt, wie er im Fond eines Kabrioletts sitzt. Auf dem Vordersitz versucht ein Mann, ein sich sträubendes Mädchen zu küssen. Sie sagt: "Freddy ... ein Tiger in diesem Wagen ist genug!" Der Tiger ist somit identifiziert: als ein verteufelter Schürzenjäger und als erhöhte
Motorkraft zugleich - männliche Potenz und Motorleistung werden durch ein und dasselbe Symbol dargestellt.
Das britische Satiren-Magazin "Private Eye" enthüllte wohl den wahren Symbolgehalt des Tigers, als es kürzlich scherzweise kurzärmelige Trikothemden mit der Aufschrift anbot: "Nehmen Sie sich in acht, gnädige Frau, ich habe einen Tiger in meiner Hose."
Dr. S. I. Hayakawa, ein Wissenschaftler für Wortbedeutungslehre, schrieb einmal einen Artikel "Sexuelle Phantasie und der Wagen von 1957", in welchem er darlegte, daß die primäre Funktion der Automobilkonstruktion darin bestehe, "die sexuellen Ängste der Männer zu mildern". Ich habe seither keinem Buick ohne Erröten ins Auge blicken können.
Ich bezweifle, daß wir den Potenzsymbolismus ebenso spektakulär noch in den heutigen Modellen finden. Aber genutzt wird er sicher noch. So erschien kürzlich eine Anzeige: ein Mädchen im Bikini, hingestreckt neben ein Fiat -Kabriolett. Der Text schreit: "Die zweitbeste Form in Italien", dann murmelt er: "zu dem kleinen Preis von 2585 Dollar ... Stilisiert von Pininfarina ... Legen Sie sich mit Fiats Kurven in die Kurve ..." Der Wagen mutet an wie das "Playmate des Monats" im "Playboy".
Interessante Beiträge zur Reihe der Sex-Symbole hat auch der Film geleistet. Ich meine nicht die großen Stars, die Liebesgöttinnen unserer Zeit. Ich meine vielmehr die Pop-Sex-Symbole des Films, die unbedeutenden Eintagsfliegen, die immer wiederkehrenden Stereotypen, zu denen das breite Publikum sehr schnell und natürlich eine Beziehung herstellt.
Eines dieser Pop-Symbole kann mit dem Begriff "Pussycat" bezeichnet werden. Es ist das köstliche "Jum-Jum -Mädchen", das hauptsächlich als schmückendes Beiwerk, als Ornament begehrt ist.
Primär ist sie ein Produkt der männlichen Phantasie, ein entzückendes, liebes "Bunny", das all die schönen Dinge symbolisiert, wie sie im Evangelium
des "Playboy"-Herausgebers Hugh Heffer verkündet werden. Sie heißt wechselweise Jane Fonda, Virna Lisi, Elke Sommer, Jill St. John oder Romy Schneider. Sie verkörpert alle Mädchen, die sporadisch im Leben von James Bond auftauchen, für kurze, stürmische Affären - und dann wieder abtreten, manchmal durch Einwirkung von Gewalt,
Sie verkörpert alle die Mädchen, die Peter O'Toole in "Was gibt's Neues, Pussy?" einfach verführen muß. Sie hat die Persönlichkeit eines Puffmais -Automaten. Vielleicht ist gegenwärtig Ursula Andress die Königin der Pussycats, eine Art Supergirl, das nicht geboren wurde, sondern von dem Planeten Krypton herabstieg, wo irgend jemand die physischen Dimensionen der idealen Frau auf einer IBM-Lochkarte ausgestanzt hatte, um sie in voller Größe aus der Maschine hervorgehen zu lassen, wie Minerva aus dem Haupt des Jupiter.
Eine Variante zur Pussycat ist das "Kinky Girl". Sie beherrscht gewöhnlich Judo, Karate und andere kämpferische Sportarten und hat einen pervers männlichen Zug in ihrem Make-up. Ursula Andress debütierte als ein solcher Typ in "Dr. No", und Honor Blackman verkörperte ihn als Pussy Galore in "Goldfinger". Honor Blackman war vorher im englischen Fernsehen berühmt geworden: Sie spielte eine Detektivin, die stets von Kopf bis Fuß in schwarzes Leder gekleidet war und hart mit den Männern umsprang.
In Flemings Buch wurde aus Pussy Galores lesbischen Neigungen kein Hehl gemacht, im Film ist das allerdings nur angedeutet. Bond treibt ihr die Kinken aus, indem er sie in einem Judo-Wettkampf von Mann zu Mann fair und ehrlich schlägt und aus ihr eine nachgiebige, begehrenswerte Frau macht.
Barbara Feldon, wie geschaffen für den TV-Spot "Mit euch Tigern möchte ich ein Wörtchen reden", wird in einer neuen Fernsehserie der National Broadcasting Company ("Get Smart") eine ähnliche, wenn auch ins Komische verschobene Rolle spielen. Ähnlich soll Anne Vrancis einen weiblichen Privatdetektiv ("Honey West") verkörpern, gleichfalls mit Judo-Künsten ausgestattet. Modesty Blaise, die Heldin eines englischen Spionagestreifens, ist ein weiteres Beispiel für diesen Typ: Während der "Pussycat"-Typ auf eine köstliche Weise sexy ist, erhält das "Kinky Girl" durch seine männlichen Züge etwas Pikantes, das nach einer anschaulichen Formulierung der amerikanischen Kritikerin Susan Sontag, "ihrem Geschlecht wider den Strich geht".
Als führendes männliches Pop-Sex -Symbol beherrscht Sean Connery alias James Bond noch immer die Szenerie. Seine Grausamkeit und Gewalttätigkeit appellieren an die masochistische Seite der Frau; zugleich aber kann er an ihre sadistische Seite appellieren: Er wird oft geschlagen und gefoltert, und seine Verwundbarkeit und seine Leiden dienen zum Ausgleich der Bilanz, die anfänglich zu seinen Gunsten ausfiel. Den Frauen bleibt die Chance, wieder mit ihm gleichzuziehen, indem sie ihn für andere leiden sehen - danach können sich Mitleid und mütterliche Gefühle wieder frei entfalten. Einige Ableger von Bond, so etwa Michael Caine in "The Ipcress File" (deutscher Titel:
"Ipcress - streng geheim"), spielen ähnliche Rollen.
Iperess ist eine realistischere Spionagegeschichte als die Bond-Streifen, und Caine ist offenbar eine Art Gegenstück zu Bond. Er ist ein Anti-Establishment -Typ mit einem verdrehten, seltsamen Sinn für Humor, er liebt Bücher und klassische Musik und kocht gern. Bond ist dagegen ein Clubman, ein wenig ein Snob, und sein Verhältnis zu seinem Chef ist fast beängstigend ehrfurchtsvoll. Auch Caine ist, wenn er es sein muß, gewaltsam und unbarmherzig; er hat weniger Frauen, obwohl er bei ihnen nicht weniger erfolgreich ist. Und in einer Szene am Ende des Filmes durchleidet auch er eine schmerzvolle Gehirnwäsche.
Ein weiterer bemerkenswerter männlicher Filmtyp ist der des "komödiantischen Satyrs". Er ist sozusagen unser Freund, der Tiger, und seine Mädchen sind alle Pussycats. Peter O'Toole verkörpert ihn in "Was gibt's Neues, Pussy?": Er ist ein solcher Vielfraß von Pussycats, daß er in einer Traumszene so etwas wie ein sexuelles Delirium tremens durchlebt. Anders Marcello Mastroianni in "Casanova 70": Für ihn sind Pussycats bloß noch ein Kinderspiel - sein Tank ist schon leergelaufen, weil er den Reiz der Eroberung nicht mehr empfindet. Nur wenn er seinen Verführungs-Abenteuern Gefahr beimischt, vermag er seine amourösen Fähigkeiten wiederzuerlangen.
Ich möchte diesen Überblick über die modernen Sex-Symbole mit einer kurzen, tiefgründigen Bemerkung über den Rock'n'Roll abschließen, die, wenn ich mich richtig erinnere, von einem Musikkritiker des Londoner "Observer" stammt.
Er meinte, die Gitarre, das wichtigste Instrument des Rock'n'Roll, müsse wohl auch das grundlegende Sex-Symbol dieser Bewegung sein, da ihre Form - ähnlich der eines Stundenglases - an den Körper einer Frau erinnert. Sie ist wie jene primitiven Statuen, etwa die Steinzeit-Venus von Willendorf, die eine Frau nur als Hüften, Schenkel und Bauch darstellen. Als Elvis Presley, das erste Sex-Symbol der Rock'n'Roll-Ära, seine Gitarre schlug und dazu mit den Hüften Kreisbewegungen vollführte, beutete er diesen Symbolgehalt bis zur Neige aus.
So werden denn vielleicht in einigen tausend Jahren die Archäologen (die sich über ihrer letzten Entdeckung, der Zeitkapsel der New Yorker Weltausstellung, zu Tode langweilen) zufällig eine Gitarre ausgraben, so wie einst die Altertumsforscher die Venus von Willendorf entdeckten. Wahrscheinlich wird einer der Gelehrten konstatieren: "Hm, achten Sie mal auf die grobe Ähnlichkeit zu den weiblichen Geschlechtsteilen. Es muß irgendein primitives Fruchtbarkeitssymbol sein." Und der Verfasser des großen Geschichtswerkes über das 20. Jahrhundert wird die kultischen Symbole des Rock-Zeitalters beschreiben:
"Auf der Rollbahn des Kennedy Airport stiegen die Jungen Könige, auch 'Beatles' genannt, vom Himmel hernieder ... Und die jungen Maiden stürmten ihnen entgegen und beteten sie nach dem Ritus des Beatle-Schreis an. Immer wieder kehrten sie zu demselben Platz zurück, und die Mädchen stürzten sich auf sie und versuchten, ihnen Stücke ihrer Kleidung zu entreißen; tatsächlich schienen sie oft die jungen Götter selbst in Stücke reißen zu wollen, wie die Thrazierinnen weiland Orpheus in Stücke rissen, weil er sich ihnen gegenüber gleichgültig gezeigt hatte.
"Wenigstens einmal im Jahr kamen die Jungen Könige und spielten ihre dunklen, frenetischen Rhythmen, und die Maiden schrien und brachten ihnen Geldopfer dar. Dennoch wuchs die Trauer der Maiden mit jedem Jahr. Denn sie wußten, daß eines Tages der Große König des Pop die Abschiedsvorstellung geben würde und daß die Jungen Könige nicht länger jung bleiben würden."
Männlicher, weiblicher Typ 1966: "Dem eigenen Geschlecht wider den Strich"
Jerk-Tanzende
"Seien Sie ein Narziß"
Sex-Symbol Gitarre
Anbetung mit Schreien
Sex-Symbol Tiger
Dschungelruf ins Land
Männer beim Make-up: "Ihr seid die Burschen, die den Mut haben ... Männertyp "Satyr"*
Der sexuelle Vielfraß ...
... muß zum Ausgleich leiden: Männertyp "Bond"**
* O'Toole in "Was gibt's Neues, Pussy?".
** Sean Connery in "Feuerball".
Von Richard R. Lingeman

DER SPIEGEL 18/1966
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