25.04.1966

ENZYKLOPÄDIENEpidemie mit Eifer

Richard Wagner hatte gut gespeist. Nach dem Dessert bedankte er sich bei seiner Gastgeberin mit einer Tafelmusik. "Seiner edlen Wirtin Frau Gräfin von Pourtalès zur Erinnerung" schrieb er ein Klavierstück: "Ankunft bei den schwarzen Schwänen".
Für Wagners harmlose Frau-Wirtin -Version, die wie alle seine Klaviermusik bei seinen Zeitgenossen keinen Anklang fand, soll jetzt ein breites Publikum gewonnen werden. Der Schwanengesang wird zusammen mit allen anderen Klavierkompositionen des Musikdramatikers zum erstenmal in Plattenrillen gepreßt. Spielzeit: 93 Minuten und 31 Sekunden.
Diese Publikation ist symptomatisch für eine neue Platten-Epidemie: der mit "geflissentlichem Eifer veranstalteten Gesamtschauen" ("Die Zeit"). Künstlerische Wegbereiter des modischen Trends zu enzyklopädischen Ausgaben sind Musiker und Ensembles der Nachwuchs-Generation. Sie pauken für ein einmaliges, mäßiges Honorar (ohne Lizenz-Beteiligung) ganze Gattungen ein, um sie dann stereophon zu konzertieren. Der deutsche Pianist Martin Galling, 30, der Wagners Klavier-Komplex für die französisch-amerikanische Schallplattengesellschaft "Vox" büffelte: "Nie im Leben rühre ich wieder einen Ton Wagner an!"
Um so mehr rühren sich Gallings Finger jetzt für andere Vox-Töne: Auf 21 Langspielplatten soll der Spieler das gesamte Klavierwerk des Thomaskantors Bach präsentieren. Preis: 339,50 Mark. Für dasselbe Geld und ebenfalls auf 21 Platten bringt die Firma auch Bachs sämtliche Orgelkompositionen heraus, die der Lübecker Organist Walter Kraft einspielt.
Unternehmen solchen Umfangs, gegen die der Karajan-Zyklus der neun Beethoven-Symphonien wie gewerblich Kleinkunst anmutet, sind in dieser Systematik neu für den deutschen Markt. Denn bislang galt die Konservierung ganzer Werk-Einheiten noch als diskographische Großtat und interpretatorische Lebensaufgabe:
- Fünf Jahre brauchte der Beethoven -Spezialist Artur Schnabel (1882 bis 1951), um die 32 Klaviersonaten von Beethoven nach vier Jahrzehnten Konzerttätigkeit auf 168 Matrizen zu ritzen;
- nach dem Zweiten Weltkrieg, auf dem Höhepunkt seiner Karriere, wagte sich der Pianist Walter Gieseking (1895 bis 1956) erstmals an das gesamte Klavierwerk Mozarts. Die Raritäten kamen auf elf Langspielplatten heraus.
1956, zur 200. Wiederkehr von Mozarts Geburtstag, propagierte die "Philips" ein Prestige-Programm von damals beispiellosem Ausmaß: Sie wollte den ganzen Mozart aufnehmen. Doch der Plan kam über die Anfänge nicht hinaus. Andere Firmen indes konnten wenig später ähnliche Vorhaben durchaus verwirklichen:
- Die "Deutsche Grammophon Gesellschaft" bewilligte dem Ungarn Tamás Vásáry acht Chopin-Klavierplatten, die als verbilligte Weihnachts -Subskription 1965 aufgelegt wurden. Jetziger Preis: 168 Mark;
- die "Teldec" ließ den amerikanischen Pianisten Julius Katchen auf vier Langspielplatten den Klavier -Nachlaß von Johannes Brahms spielen. Preis: 100 Mark. Für 150 Mark bietet dasselbe Unternehmen den ersten Stereo-Zyklus der sechs Tschaikowski-Symphonien an (Dirigent: Lorin Maazel). 378 Mark verlangt die Teldec dagegen für die dreifache Musikmenge: Von der polnischen Marke "Polskie Nagrania" importierte sie das komplette Oeuvre Frédéric Chopins und edierte die Klaviertöne auf 18 in Deutschland gepreßten Platten;
Doch mehr als alles andere schätzen die Platten-Enzyklopädisten die Mozart-Musik: Während die Frankfurter Filiale der amerikanischen "CBS" auf ihrem Dumping-Etikett "Westminster" die 41 Mozart-Symphonien für 107,80 Mark (elf LP) ankündigt, rüsten sich Deutsche Grammophon Gesellschaft und Philips-Ton zu konkurrierenden Gesamtaufnahmen der 21 Original-Mozart-Konzerte für Soloklavier und Orchester. Philips hat die Wiener Pianistin Ingrid Haebler ans Klavier gesetzt, die Grammophon läßt den Ungarn Géza Anda vom Piano aus auch das Orchester dirigieren.
In großem Stil setzt indes bislang nur die Vox, Außenseiterin im internationalen Konzerngeschiebe, aufs Ganze: In ihrem Katalog überwiegen die Serien-Editionen bei weitem die Einzelaufnahmen. Das Firmenlager in Münster/Westfalen offeriert so kostspielige Kuriosa wie sämtliche Streichquartette von Beethoven, Mozart, Schubert, Schumann, Brahms und Dvorák.
Vox tönende Gesamtschau enthält ferner jeden Klavierton des Romantikers Felix Mendelssohn-Bartholdy (Spielzeit: zehn Stunden, 16 Sekunden) und jede Orgel-Note des Barock-Komponisten Dietrich Buxtehude. Den derzeitigen Langspielrekord hält der österreichische Pianist Alfred Brendel, 34, mit Werken jenes Komponisten, in dessen Wiener Wohnung er heute lebt: Ludwig van Beethoven. Für 291 Mark können sich Fanatiker klassischer Klavierkünste 922 Minuten und 13 Sekunden durch sämtliche Sonaten, Variationen, Rondos und Bagatellen hören.
Doch diese Glanzleistung soll demnächst überspielt werden - vom amerikanischen Dekany-Quartett, das sich zur Aufnahme der 83 Haydn-Streichquartette rüstet. Für das Mammut -Unternehmen sind 30 Langspielplatten vorgesehen, die 485 Mark kosten.
Nach den Verkaufsaussichten dieser Großprojekte befragt, lamentiert ein Vox-Sprecher: "Es ist viel schwerer, solche Dinge zu verkaufen als etwa eine 'Tosca'-Aufnahme mit der Callas."
In der Tat: Während die Callas "Tosca" bereits in 15 000 Exemplaren rotiert, sind von Wagners Klavier-Kuriosa noch keine 100 Kassetten abgesetzt.
Pianistin Ingrid Haebler
Zehn Stunden Mendelssohn
Dirigent Maazel
Fünf Jahre Beethoven
Pianist Katchen
Nie wieder Wagner

DER SPIEGEL 18/1966
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