25.04.1966

STEINBERGGestrichelte Pointen

Er will nicht der Karikaturist sein, für den die Welt ihn hält. "Ich bin vielmehr", sagt Saul Steinberg, "ein Schriftsteller, der malt."
Anlaß zu dieser Selbstinterpretation: eine Ausstellung, die der amerikanische Zeichner Steinberg, 51, kürzlich in der Pariser Galerie Maeght eröffnete. Er zeigt, erstmals nach einer selbstverordneten Ausstellungspause von 13 Jahren, wieder seine feingestrichelten Pointen - neue allegorische und symbolische Figuren, Zeichen, Zahlen, Worte und Masken.
Es sind kalligraphische Blätter voller op-artiger konzentrischer Kreise, Labyrinthe für Betrachter-Blicke, kleine und große Indianer, eine Sphinx mit Hakennase, Spitzbart und Zylinder, Hunde und Katzen und immer wieder ungezählte kunstvoll geschnörkelte Fragezeichen und Zahlen.
Der amerikanisch naturalisierte, in Rumänien geborene Schöpfer dieser Zeichen-Welt setzt noch heute Erkenntnisse, die er während seines wenig planvollen Studiums gewonnen hat, in Bilder um. Als Psychologie- und Architekturstudent in Bukarest und Mailand schulte er seinen Blick an altägyptischer Malerei und modernen Toilettenkritzeleien, an der Kunst der primitiven Maler und den Zeichnungen von Geistesgestörten, an den Malwerken des Franzosen Georges Seurat und des Schweizers Paul Klee.
Seine erste Zeichnung erschien 1936 in einer Mailänder Zeitschrift. Erinnert sich Steinberg: "Ich habe sie binnen zehn Minuten gemacht, und als sie gedruckt war, habe ich jede einzelne Linie sehr viel länger mit den Augen noch einmal nachgezogen."
Mittlerweile kann Steinberg, der gelegentlich mit Picasso vierhändig arbeitete, seine Linien nicht mehr zählen: In den dreißig Jahren seit seinem Debüt zeichnete er unter anderem fast allwöchentlich einige Seiten für die amerikanische High-brow-Zeitschrift "The New Yorker" und füllte ein halbes Dutzend Bücher, die auch in Deutschland erschienen sind. Sein Strich wurde immer aggressiver, die Porträts seiner Mitbürger - vornehmlich seiner amerikanischen - gerieten immer satirischer.
In Paris zeigt er jetzt - auf braunes Packpapier gekritzelt - seine bislang drastischsten Menschen-Darstellungen: verzerrte Masken, mit denen er den amerikanischen Mittelstandsbürger karikiert. Steinberg: "Besonders in Amerika setzen die Leute Masken des Glücks auf. Sie haben immer ein Lächeln im Gesicht. So sehen sie hübsch, freundlich und gesund aus, und niemand braucht sich um sie zu kümmern." Niemand - außer Steinberg.
Auch um die Franzosen kümmert sich der malende Schriftsteller neuerdings. Fast täglich sitzt er in einer Ecke der Galerie Maeght und beobachtet die Besucher seiner Ausstellung. Sie werden sich demnächst in satirischen Steinberg-Zeichnungen wiedersehen.
Steinberg-Maske
Auf braunem Packpapier ...
Zeichner Steinberg
... verzerrte Gesichter ...
Steinberg-Zeichnung
... von amerikanischen Bürgern

DER SPIEGEL 18/1966
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