25.04.1966

Martin MorlockSCHAU HIN

Neben der Rubrik "Telephonseelsorge" findet der innerlich Friedlose im amtlichen Fernsprechbuch die Nummer 29 01 41. Wählt er sie bei Tag oder Nacht, meldet sich ein Pfarrer vom Dienst; ein katholischer, versteht sich, denn wir befinden uns im Bezirk der Oberpostdirektion München.
Der evangelische Christ in seiner Gewissensnot ist hier schlechter bedient, kann sich jedoch zu schicklicher Stunde an sein Pfarramt wenden. Was aber tut der Freigeist, wenn es ihm an Halt gebricht?
Er schlägt nach unter "Humanistische Union e. V., Informationsstelle für Lebenshilfe" und wählt den Anschluß 35 13 33. Dort meldet sich allzeit der Doktor phil., Diplom-Psychologe und gelernte Uhrmacher Ernst Ritter von Xylander, 43, vormals "Konfirmationsverweigerer", zeitweilig Briefkastenonkel der Illustrierten "Revue", heute wissenschaftlicher Leiter der Aktion "Freie Lebenshilfe" und, wie er mir nahmündlich mitteilt, "gläubiger Atheist".
Was denn das sei, frage ich, und werde belehrt: Ein gläubiger
Atheist sei ein Mensch, der sich von "Angst und Schaudern", genannt "Mysterium Tremendum", aber auch von "Verzückung oder stillem Glücklichsein ('Mysterium Fascinans') über die gesicherte Wirklichkeit hinaustragen und hinausweisen" lasse. "Wie der Christ glaubt, daß er nie aus Gottes Hand falle, so vertrauen wir der Wirklichkeit, die uns umfaßt."
Schon bei dieser Erläuterung tönen häufig des Frei-Seelsorgers Lieblingsvokabeln "ideonom" und "ontonom". Ich lerne hinzu: Die ideonome Denkweise verlange: "Gott will - Du mußt!", wobei der Begriff "Gott" beliebig durch "Partei", "Führer" oder "Vaterland" ersetzbar sei. Die ontonome fordere auf: "Schau hin - denk nacht", werte mithin nicht autoritär, sondern humanitär. "Sie will nicht zwingen, sondern überzeugen."
Mit solchem Rüstzeug ausgestattet, vermag ich dem Gläubigen auf Exkursionen durch die Gebiete "Demokratie", "Liebe" ("wirkliche Liebe schaut hin") oder "Schuld und Strafe" zu folgen.
Ernst von Xylander ist kein Eiferer. Sanftmütig beurteilt er die ideonomen Brauchtümer des Abendlandes. Einzig der Gedanke an das deutsche Standard-Nachtgebet "Ich bin klein, mein Herz ist rein ..." bringt ihn minutenlang in Harnisch; er nennt es "Gehirnwäsche im wörtlichsten, übelsten Sinne".
"Ich bin klein" - damit werde dem Kind suggeriert, es sei "von niederem Stande, untergeordnet, zum Gehorsam, zum 'Bravsein' bestimmt wie alle kleinen Leute". Die Aussage "mein Herz ist rein" leite es zum Verdrängen alles dessen an, was einer sentimentalen Wunschvorstellung der Erwachsenen widerspreche.
Indes, nicht um Nachtgebete geht es bei einer atheistischen Informationsstelle. 280 Anrufe hat sie seit Juni 1965 bewältigt; die meisten betrafen Rechts- und Geldangelegenheiten ("dafür bin ich nicht zuständig"), an zweiter Stelle rangierten Ehe- und Liebesprobleme, an dritter Erziehungsfragen, an letzter "akute Verzweiflung", ("kommt sehr selten vor"). Erkundigungen nach empfängnisverhütenden Mitteln und Adressen von Freikörperkulturvereinen ("das Glück des Tabu-Durchbrechens") wurden bislang nicht eingeholt, gleichwohl ist der Seelenhirte dafür gewappnet.
"Angenommen", teste ich, "ein zum Freitod Entschlossener will sich von Ihnen telephonisch einen letzten Trost
spenden lassen - was sagen Sie zu ihm? "
Der Inhaber des Anschlusses 35 13 33 denkt stirnrunzelnd nach. "Ich würde versuchen, seine Trotzreaktion zu entschärfen oder ihm vor Augen halten: Es gibt keine Möglichkeit, etwas Gutes zu erleben, wenn man tot ist ..." Doch diese seine Tröstung befriedigt Herrn von Xylander nur unzureichend. Er benötige ein konkreteres Beispiel von seelischer Bedrängnis.
Nun ist es an mir, nachzudenken. "Nehmen wir an, es meldete sich mitten in der Nacht ein gewisser Humbert Humbert, 38, und berichtete Ihnen tief erschüttert, er habe soeben mit seiner Stieftochter, dem Nymphchen Lolita, 12, der Schande gepflogen - mit welchen Worten würden Sie ihn aufrichten?"
Dieses Beispiel, man sieht's an seiner aufklarenden Miene, gefällt dem Psychologen.
"Ich würde sagen: Mr. Humbert, jetzt ist es passiert, machen Sie das Beste daraus. Wenn Sie von dem Mädchen fasziniert sind, müssen Sie herausfinden, was Sie fasziniert. Das kann nicht nur die sexuelle Reizung sein. Lassen Sie Lolita bei einer Erziehungsberatungsstelle diagnostizieren und versuchen Sie, eine Frau aus ihr zu machen. Wenn sie reif geworden ist, werden auch Sie reifer geworden sein."
von Xylander
Von Martin Morlock

DER SPIEGEL 18/1966
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