02.05.1966

GESELLSCHAFT / SEXDie gefallene Natur

Die Langewelle des Volkes erzeugt ein enormes Maß an lüsterner Neugier.
Psychoanalytiker Wilhelm Reich, "Die Sexualität im Kulturkampf".
Die Mädchen zeigen ihren Nabel herum, als ob es der Hope-Diamant wäre. Sie lassen sich die Haare ins Gesicht wehen und balancieren ihre Oberweite vor sich her wie ein Torten -Tablett.
Sie tun es im Sand, im Schnee, im Schlafzimmer - und vor allem im Vierfarbendruck. Von den Kiosken und Plakatwänden herab drängen sich ihre flaumigen Flanken beharrlich in die Wachtraumwelt des Zeitgenossen, bis, wie Fernseh-Pfarrer Sommerauer sagt, "auch der letzte Mann merkt, was für einen Mist er zu Hause hat".
Die Musik der Jugend ist schierer Drüsenlärm - elektrisch verstärkt und laut genug, "daß der ganze Unterleib innerlich mitvibriert" (Auskunft einer 16jährigen Oberschülerin aus Donauwörth).
"Die Mädchen fangen im Durchschnitt mit 17 an, Erlebnisse zu haben, und zwar nach sehr kurzer Bekanntschaft", berichtet der Frauenarzt einer bayrischen Kreisstadt. "Häufig kommen ,Bräute', die auf die Frage, wie lange kennt ihr euch denn schon, antworten ,Ach, schon lange.' Wenn ich nachbohre, stellt sich heraus, daß es gerade acht Tage her ist."
Gutbürgerliche Mütter eilen verstört zur Jugendberatung, weil sie in den Handtaschen ihrer Töchter Verhütungsmittel gefunden haben. "Neulich kam eine Dame aus besten Münchner Traditionskreisen", erzählt ein Jugend-Fürsorger. "Sie hatte in der Brieftasche des Freundes ihrer Tochter einen Kalender entdeckt, in dem die Tochter ihre sicheren Tage rot eingetragen hatte - für ein Jahr im voraus."
Über eine Nackedei-Party im Keller eines Hamburger Innenstadt-Hauses ließ sich der Norddeutsche Rundfunk ("Das deutsche Vita") unlängst von einer 22jährigen kaufmännischen Angestellten erzählen: "Ich ... besorgte mir zwei, drei der Schleier und tütelte sie mir also so vor den Bauch und vors Oberteil, daß man nicht auf Anhieb gleich alles sehen konnte ... Es hat Spaß gemacht, wie die alten Knaben sich da dran hochzogen, denn ich war weitaus die Begehrteste..
Kaum ein Tag vergeht, ohne daß die Massenpresse die Deutschen mit neuen Enthüllungen über erotische Tankstellen (Regensburg), über die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln im Etablissement "Clausewitz" (Berlin), über Schüler-Unzucht in der Schilfhütte (Werl) erschreckt. Keine deutsche Zinkbadewanne, so scheint es, in der nicht eine rote Inge säße.
Und all die Bettseller der Literatur, all die Leinwandspiele über Spiele auf der Leinwand, die Stretch-Pos und Schattenaugen, die Begierde im Büro, die Playboy-Philosophie und das Zetern der Tugendwächter addieren sich zur Pop-Allegorie einer Zeit, die von Sex besessen ist.
Die gleiche Generation, die Sonnenenergie in handlichen Bomben bereithält und zur Landung auf dem Mond gerüstet ist, gebärdet sich, als sei die Lust am Fleisch die neueste und größte ihrer Errungenschaften. Der westliche Industriemensch scheint die Rückkehr in einen Zustand zu erstreben, den die Bewohner von Tahiti nie verlassen haben - und den Captain Cook, der Südsee-Entdecker, vor 200 Jahren mit Widerwillen so beschrieb:
"Beide Geschlechter pflegen zu ihrer Unterhaltung die unanständigsten Dinge in Wort und Tat auszudrücken, ohne dabei die geringste Gemütsbewegung an den Tag zu legen; und sie genießen solche Unterhaltung mehr als jede andere."
Nichts demonstriert den Umschwung deutlicher als das hypnotische Interesse an "solcher Unterhaltung", das die bundesdeutsche Öffentlichkeit und ihre Medien übermannt hat. Noch 1955 erkühnten sich die deutschen Illustrierten allenfalls, ein dezentes Diven -Dekolleté auf der Frontseite zu zeigen, und selbst dabei lag der optische Akzent meist auf dem seelenvollen Augenaufschlag. Durchschnittlich nur knapp zehn Prozent der Photos in den Heften waren der Geschlechtsattraktion gewidmet.
Doch mit dem Beginn der sechziger Jahre - und noch entschlossener mit dem Oben-ohne-Eklat von 1964 - eröffnete die bunte Presse den Striptease der Titelmädchen unter dem Vorwand, Bademoden ("Hübsche Haut und wenig Stoff"), gemusterte Körperstrümpfe ("Der Tiger unterm Kleid") und Urlaubswonnen ("Jagd auf Skihasen") vorzuführen. Millimeterweise vorantastend, machte die Entblößung erst hart an Brustwarzenhof und Venushügel halt - denn dort wacht die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften. Weil die Redaktionen nicht mehr zeigen konnten, zeigten sie es häufiger. Von 52 Nummern des vergangenen Jahres präsentierten 27 Titel von "Quick", 28 von "Revue" die weibliche Epidermis im Stadium fortgeschrittener Entblätterung. Und bei der "Neuen Illustrierten" ragte Queen Elizabeth anläßlich ihres Deutschlandbesuchs vollgewandet und gibraltargleich einsam aus der nackten Welle.
Zugleich überrollte die Sexpansion den Textteil. In einer typischen Woche schrieben die zwölf größten Illustrierten und Frauenzeitschriften in 12 610 Zeilen über Abtreibung ("Im Namen der Frauen") und Zeugung ("Wir möchten gern ein Kind"), von Promiskuität ("Mädchen im gefährlichen Alter") und Prostitution ("Frohsinn bis zum 8. Stock"). Eheschließung, -bruch und -scheidung, Impotenz und Eifersucht.
Sogar in den Seiten von Deutschlands größter und seriösester Illustrierten, "Der Stern", hallte vorübergehend das Echo der Sexplosion wider.
"Die Frauen dieser Welt" hieß im letzten Jahr eine "Stern"-Serie von Gordian Troeller, der in den unterentwickelten Gebieten Afroasiens herausfand, wie unterentwickelt die Europäer seien - in sexueller Hinsicht. Negerinnen hielten einen Galan für impotent, wenn er nicht gleich beim ersten Rendezvous mit ihnen schliefe.
Unterdessen kolportierte "Revue" die jüngste Sex-Fama von den "allzu freien Ehepaaren", die sich über Bekanntschaftsanzeigen zu Sexpartys und Frauentausch zusammenfänden. Und "Quick" erreichte spätestens mit Nummer 12/66 den Zustand des Mannes aus dem vielerzählten Witz, der selbst beim Anblick eines schlichten Quadrats an ein Pärchen im Bett denken muß.
Auf 164 Seiten dieses Hefts war praktisch nur Matthias Walden und das Impressum frei von Sex. Aus Anlaß der Hochzeit von Amsterdam erörtert Luise Rinser die Frage: "Dürfen zwei, von deren Fortpflanzungsfähigkeit der Weiterbestand einer Dynastie abhängt, vor der Hochzeit miteinander schlafen?"
Auf die "schönen Geständnisse der Barbara Valentin" ("Alle Gäste sollten nackt baden...") folgt "Das sechste Gebot", eine "Dokumentation" über den Ehebruch, die eine Menge Mißtrauen gegen neue Einrichtungsgegenstände schürt ("Auch die Ehefrau ist manchmal kein Engel. Und wenn sie schnell neue Möbel will, bleibt das sechste Gebot auf der Strecke"). Selbst das Kochrezept ist sinnlich: "Schnelles Ragout für Verliebte".
So magisch wurden die Blicke der Illustrierten-Leser von den Sex-Motiven angezogen, daß - wie eine Untersuchung unlängst ergab - kaum noch Interesse für die abgedruckten Anzeigen übrigblieb. Große Werbeagenturen bekundeten denn auch Unwillen darüber, daß die Anzeigen ihrer Kunden neben grobsinnlichen Halbstarken placiert werden. In Österreich wurden jetzt "Quick" und "Revue" wegen ihrer Sex-Last von den Behörden für ein halbes Jahr aus dem Straßen- und Kioskhandel gezogen.
Die "künstliche Atmosphäre erotischer Kühnheit" (wie die Pariser Zeitschrift "Candide" es nannte) erfüllt die Kinos mit erwartungsfrohem Glucksen, wenn schon im Vorprogramm eine Blondine, durch den Duft der Herrenparfüms "Mister L" von Sinnen gebracht, schweratmend versucht, einen reglosen Smokingträger durch Füßeln, Streicheln der Brust und Beknabbern des Ohrs aufzumuntern.
Schon unter den Titeln des Hauptfilms zieht sich bisweilen eine aus (wie Cyd Charisse in einer der neuesten Spionage-Klamotten, "Leise flüstern die Pistolen"). Lustgekeuche rasselt aus den Lautsprechern ("Ekel"), und was im "Schweigen" noch schockierte, wirkt jetzt schon so geläufig wie einst der Kuß vor der Haustür.
Es geht nur noch darum, wie schnell und wie oft es zur Paarung kommt (Dean Martin in "Küß mich, Dummkopf": "Wenn ich es eine Nacht auslasse, hab' ich am nächsten Morgen wahnsinniges Kopfweh") - und mit welchen Variationen: zum Beispiel mit einem Handkantenschlag von Ihr, der ihn in Wallung bringt, worauf er sie durch Zehengriff mit Übertreten hingabebereit macht ("Goldfinger").
Doch am schärfsten ist die Literatur. Bücher, die noch vor zehn Jahren verboten worden wären - und wie Millers "Wendekreis" tatsächlich verboten waren -, füllen die Bestsellerlisten.
Da wird eine Defloration mit klinischer Liebe zum Detail geschildert (McCarthy: "Die Clique"). Was einem Studenten in einem Negerbordell Drolliges widerfuhr (Gover: "Ein Hundertdollar Mißverständnis") wird per Monolog ebenso plastisch beschrieben wie eine Vielfalt von Geschlechtsakten im Stehen (Mailer: "Der Alptraum"), unter Wasser (Fleming: "Feuerball"), auf der oberen Plattform in einem doppelstöckigen Omnibus (Miller: "Sexus") und sogar im Bett - aber dann zwischen Männern (Baldwin: "Eine andere Welt").
Der elementarste biologische Vorgang sichert nicht mehr nur das Fortbestehen der Menschheit, er hält ganze Wirtschaftszweige in Gang: Stimulans für Illustrierten-Auflagen, Östrogen für das vom Fernsehen ausgezehrte Kino, Seller -Qualifikation für Literatur, potenter Anreißer in der Werbung - sei es für Mund-Spray, Autoreifen oder Costa-Brava-Ferien. Die Wirtschaft hat sich der Sexualität bemächtigt und vertreibt sie, steril verpackt und handlich, im Neckermann-Stil - wie in Beate Uhses Großversand, dessen Sortiment stärkende Pralinen, verhütende Cremes und broschierte Liebestechnik bietet.
"Eine Flut dämonischer Kräfte überschwemmt unser Volk. Unzählige werden zum hemmungslosen Lebensgenuß und Ausleben ihrer Triebe verlockt", donnert ein Aufruf der evangelischen "Aktion Sorge um Deutschland", die von den Kirchenführern Dietzfelbinger, Scharf und Wilm unterstützt wird.
Es ist nur einer der sich häufenden Proteste der aufgebrachten Ehrbarkeit, die in jedem Wochenendhaus eine Orgie und in jeder Wohnheim-Bude eine kopulierende Studentin sieht.
Die "Diktatur der Unanständigkeit" und den
"Sexualterror" wollte die "Aktion Saubere Leinwand" Adolf Süsterhenns durch eine Verfassungsänderung brechen, die eine strenge staatliche Zensur etablieren soll.
Und Wilhelmine Lübke, Gattin des obersten Verfassungshüters, ermutigte die frommen Frauenverbände: "Es wäre ein gutes Zeichen, wenn sich der seit langem angestaute Zorn über die Herabsetzung der Menschenwürde Bahn zu brechen vermöchte in einem klaren, entschlossenen Bekenntnis zur Durchsetzung der inneren Ordnung, in der destruktive Elemente keine Chance mehr haben."
Doch nicht nur die offiziellen Kulturwächter, auch Eltern, die sich für liberal und aufgeklärt halten, beschleicht das große Unbehagen, wenn sie ihre Teen-Töchter bei der Lektüre von "Bravo" heißohrig mit der "Frage aller Fragen" beschäftigt finden: "Sie liebt ihn. Er geht aufs Ganze! Als Beweis ihrer Liebe! Was soll sie tun?"
Die Frage der Fragen für den gereiften Bundesbürger ist, ob die zum "Sex" aufgehottete Geschlechtsanziehung tatsächlich im Begriff ist, dieses Land in ein einziges Freudenhaus zu verwandeln. Und ob er etwas versäumt, wenn er nicht mit von der Auszieh-Party ist.
Dem Blick auf die Geschichte indes hält das Gefühl, die Zeiten seien noch nie so zuchtlos gewesen, nicht recht stand. Nicht nur im Altertum und auf Tahiti, auch im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation hat es Epochen gegeben, von deren Ausgelassenheit die Gegenwart noch weit entfernt ist.
Verglichen mit den Gespielinnen, die Hieronymus Bosch um 1500 in seinem "Garten der Lüste" gemalt hat, wirken die "süßen, wilden Mädchen" der illustrierten Presse eher wie schleifengeschmückte Marzipanschiweinchen.
Was sich in den heißesten Beatschuppen abspielt, ist ein Nonnenreigen gegen die altdeutsche Tanzmanie an der Wende des 16. Jahrhunderts: "Das wüttend leben, gnant tanz", wie der Chronist meldet, "da man den hindern entplözet unt öffentlichen kisset." Das
Gaudium endete gewöhnlich mit "Umbwerfen", wodurch ein "Fleischhaufen" entstand.
Die bundesdeutschen Kleinstadt -Skandaletten in Heilbronn oder Bamberg, selbst wenn die wüstesten Klatsch -Versionen darüber zuträfen, verblassen kläglich neben dem "nacketten spill", das die Renaissancemenschen von Nürnberg, 1468 erstmals urkundlich fixiert, mit ihren Frauen trieben unter dem Vorwand, die "Wahl des Paris" zu rekonstruieren.
Keine Unkeuschheit steht bei Günter Graß oder Norman Mailer, die nicht uriger bei Grimmelshausen, Rabelais oder Swift nachzulesen wäre. Und beim Vergleich zwischen der prallen Aktion in den Badehäusern des späten Mittelalters (Basel hatte allein 15 davon) und dem Sexkult von heute entringt sich dem Sittenberichter Joachim Fernau ("... und sie schämten sich nicht") ein heimwehkranker Seufzer: "Was waren unsere Ur-Ur-Großväter dagegen bei der Besichtigung der Badestuben doch für herrliche Schweine!"
Dann kam die Syphilis, von Spaniern aus dem neuentdeckten Amerika eingeschleppt. Dann wurde die Religiosität durch Reformation und Gegenreformation erneuert und gesteigert. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts hin setzte sich die christliche Geschlechtsmoral in der aufstrebenden Bourgeoisie gründlicher durch als je zuvor.
Diese Moral hatte weniger mit der Bergpredigt zu tun als mit der altorientalischen Legende vom Sündenfall, die allein der Sexualität alle Schuld an den Übeln der Welt gab. Von ihr gebannt, brannten die Kirchenväter ihrer Religion den Abscheu vor Körper und Sexus ein. Ihre Geschlechtsfurcht wurde zum Trauma einer ganzen Kultur. "Es ist dem Menschen gut", kündete Paulus, "daß er kein Weib berühre." Der heilige Augustinus, der vor
seiner Bekehrung ein berüchtigter Playboy war, räumte immerhin ein, daß der Geschlechtsakt nach Gottes Plan nötig sei, um Kinder zu erzeugen. Aber er fragte sich, warum Gott diese beklagenswerte Notwendigkeit auch noch mit Lustgefühlen ausgestattet habe.
Deshalb versuchte er, das himmlische Versehen mit einem Gebot zu korrigieren, daß der Mensch sich zwar paaren müsse, aber keine Lust dabei empfinden dürfe. Thomas von Aquino allerdings gestand den Katholiken dann doch zu, daß ein Ehepaar auch Gefallen an der Vereinigung empfinden könne, wenn es nur das Ziel der Fortpflanzung dabei fest im Auge behalte.
Die Protestanten unterschieden sich nur dadurch, daß sie noch unerbittlicher in bleichem Sündenbewußtsein erstarrten. In Morallehre und Lebenspraxis vollendeten sie die totale Trennung zwischen christlich-idealer Liebe, durch die der Mensch sich seinem Gott nähert, und der Sexualität, die ihn ans Tierische fessele als Schandmal seiner "gefallenen Natur" (Augustinus).
Das Mal zu tilgen, erzog diese Moral besonders die Frauen so, daß wenigstens sie den Augustinischen Wunsch nach lustlosem Verkehr fast erfüllten. Um 1890, auf dem Höhepunkt der viktorianischen Prüderie, konnten Mediziner in Europa und Nordamerika übereinstimmend erklären, es sei eine schmutzige Verleumdung zu behaupten, Frauen hätten Geschlechtsgefühle.
Die Umwälzung der Gesellschaft und ein Weltkrieg waren nötig, die eiserne Jungfrau der Sexualverdrängung zu sprengen. Mit steigenden Rocksäumen, fallenden Hemmungen, Kintopp-Vamps und Jazzmusik brachten die 20er Jahre in allen Industrienationen die erste hitzige Rebellion gegen die überlieferte Sittsamkeit.
"Vor wenigen Jahren war es für ein unverheiratetes Mädchen noch eine Schande, keine Jungfrau zu sein. Heute haben Mädchen aller sozialen Schichten ... begonnen, die Auffassung zu entwickeln, daß es eine Schande ist, mit 18, 20 oder 22 Jahren noch immer Jungfrau zu sein." So frohlockte damals der Psychoanalytiker Wilhelm Reich, der sich in Berlin zu einem der vehementesten Verfechter einer neuen "geschlechtsbejahenden Kultur" aufgeschwungen hatte.
"Sex war nicht mehr etwas, das man erdulden muß, wie die Mütter behauptet hatten", notierte Scott Fitzgerald in Amerika. "Viele Frauen entdeckten, daß Liebe dazu da ist, Spaß zu machen."
Überall in der großstädtischen Avantgarde drang Sigmund Freuds psychoanalytische Doktrin durch, wonach vor allem die heuchelnde Verdrängung der Sexualität die Menschen neurotisch, krank, elend und gemein mache. Aus ihr entstand die neue umgekehrte Heilsbotschaft: Befreit den Sexus, und der Mensch wird gesund, glücklich und gut.
In der Weimarer Republik wurde schon 1922 ein "Deutscher Bund für Mutterschutz und Sexualreform" gegründet, dessen Programm missionarisch verkündete: "Wir wollen nicht, daß die natürliche Erziehung der Geschlechter als 'Sünde' und ,Sinnlichkeit' gebrandmarkt ... und 'die Knechtung des Fleisches' zum obersten Prinzip der Moral erhoben wird. Für uns ist der Prüfstein der Moral die Frage, ob sie dazu beiträgt, ein reicheres und harmonischeres Leben zu führen..."
Damals schon wurden von den Verfechtern wie von den Gegnern des Sittenwandels die Positionen bezogen, von denen aus sie noch heute einander bekämpfen. 1924 bereits wurde auch die Auffassung der Sauberkeitsvertreter, wie sie noch immer in Gebrauch ist, gültig formuliert:
"Unser gesamtes öffentliches Leben gleicht heute einem Treibhaus sexueller Vorstellungen und Reize ... Das Ergebnis dieser Art von Erziehung kann man an der heutigen Jugend in nicht gerade erfreulicher Weise studieren. Sie ist frühreif und damit auch vorzeitig alt geworden ... Das öffentliche Leben muß von dem erstickenden Parfüm unserer modernen Erotik befreit werden!"
So schrieb Adolf Hitler in "Mein Kampf". Zumindest in diesem Punkte war die große Mehrheit des Volkes mit ihm einer Meinung. Doch wieder einen Weltkrieg später zeigte sich, daß dieses "Treibhaus" keine vorübergehende "Verfallserscheinung" jüdisch - demokratischer Schlamperei war. Es war ein säkularer Klimawechsel der Kultur.
Denn nun, mit dem Aufbau der Wohlstandsgesellschaft, setzte der Prozeß, der in den zwanziger Jahren begann, sich auch in Westdeutschland fort - ohne rebellischen Elan diesmal, dafür aber in massenhafter Breite. Nun begannen alle die Faktoren zusammenzuwirken, die den traditionellen Verhaltenskodex unterminieren:
- Die Geschlechtskrankheiten, dieses "Gift unter den Rosen der Lust" (wie Goethe sie beklagte), sind von
der Medizin gebändigt worden. So sehr hat sich ihr Abschreckungseffekt verflüchtigt, daß heute schon wieder eine spürbare Zunahme syphilitischer Erkrankungen besonders bei Minderjährigen gemeldet wird - als Folge allzu sorglosen Umgangs.
- Verbesserung und Ausbreitung der Verhütungsmittel laufen darauf hinaus, den einstmals zwingenden Zusammenhang von Koitus und Zeugung aufzuheben. Sind die Mittel und das Wissen zuhanden, dann vermag die Furcht vor einem Kind, diese traditionell stärkste Bremse, theoretisch niemand mehr zu stoppen - weder Ledige noch Verheiratete.
- Mädchen und Frauen ans Haus zu fesseln, war die wichtigste soziale Kontrolle von einst. Emanzipation und Berufstätigkeit haben diese Schranke beseitigt. Die Anonymität
der Großstadt-Gesellschaft und das Automobil haben eine Überwachung durch Eltern und Nachbarn fast unmöglich gemacht.
Gleichwohl könnten diese elementar veränderten Bedingungen nicht wirksam werden ohne den Schwund der Religiosität. Martin Luther erkannte nicht als erster, daß die Neigung, das Leben hier auf Erden ungezügelt zu genießen, oft den Zweifel an der Unsterblichkeit der Seele hervorruft - und umgekehrt. Er erklärte, die "Epikuräer in Italien" behaupteten, "die Seel wär sterblich, denn das mache ein fröhlich Angesicht und einen guter Dinge".
Luther verdammte das "Epikuräertum" der Renaissance als die ärgste der Sünden. Aber er sah auch, daß Reichtum und Muße fast unweigerlich dazu verführen. Und nicht nur von seinem Standpunkt leuchtet ein, daß der beispiellose Massenwohlstand der Gegenwart einem Epikuräertum der Massen Vorschub leistet.
Auf Not und Langeweile reduzierte der Pessimist Schopenhauer die möglichen Grundzustände des Durchschnittsmenschen. Gelinge es ihm, der Not zu entrinnen, verfalle er um so sicherer der Langeweile und dem muffigen Gefühl, am wahren Leben vorbeizuvegetieren. Der Münchner Psychologe Ernst von Xylander bestätigt heute: "Sobald es keine drängenden politischen und sozialen Probleme mehr gibt, entsteht ein Antriebsüberschuß, der sich aufs Private konzentriert. Die Leute fragen sich, was sie nun mit sich anfangen sollen."
Eben aus dieser von der Langeweile erzeugten "lüsternen Neugier" (Reich) hat sich der augenfälligste Aspekt des Sexkults entwickelt: Sex als Zuschauersport; Sex nicht aktiv betrieben, sondern als Erbauung daran, wie es andere treiben; Sex als der Kinogänger und Illustriertenleser bescheidenes Vergnügen an Dingern, welche sie nicht kriegen.
Das Skandalinteresse und die Kolportagen über Frauentausch und ehebrechende Massen-Unmoral beweisen zunächst nur, daß die Illustrierten offenbar für Leute gemacht werden, die nicht zu Frauentausch-Ringen gehören und deren Ehen auf drückende Weise ungebrochen sind. Wer wirklich energisch sündigt, giert nicht nach gedrucktem Abklatsch für acht Groschen.
Die populäre Presse spiegelt nur Bedürfnisse, nicht Tatsachen - die uneingestandenen und unausgelebten Bedürfnisse ihres Millionenpublikums. Auch Ewald Struwe, Chefredakteur der "Neuen Illustrierten", behauptet, die Sex-Welle existiere nur, weil die Leute durchaus glauben wollten, daß es sie gibt.
"Nichts kann die Deutschen von der stolz-verschämten Gruselvorstellung abbringen, daß sie seit einigen Jahren 'verdammt verrucht' sind", bekennt Struwe, der diese Vorstellung selbst mit am emsigsten geweckt hat. "Obwohl es die Richter bei den Party-Prozessen schwer hatten, überhaupt ein Urteil zu begründen, glaubte man, eine Welle der Entartung gehe durchs Land."
Aber Struwe und seine Kollegen reiten mit auf dieser Welle. Selbst aus ihren Auswüchsen spricht noch die Rücksicht auf die verklemmt-laszive Mentalität eines Publikums, dem das Sex-Tabu in Wahrheit noch tief in den Knochen steckt.
Kaum bringt eine Illustrierte Skandalöses anders als unter dem Vorwand der Entrüstung. Für jedes Reizmotiv krampft sie nach moralischen Alibis.
Wenn "Quick" eine "Life"-Reportage über den "Playboy"-Chef Hugh Hefner nachdruckt, dann windet sich die Redaktion vor verlogener Empörung über diesen Mann, "der aus dem Vorzeigen des unverhüllten weiblichen Körpers ein Riesengeschäft gemacht hat".
Fast alle Gewagtheiten des erlaubten Sexkults entpuppen sich bei genauerem Hinsehen als harmlos und neckisch und rückversichert - frech aber sittsam wie Animiermädchen, die einen Mann erst aufputschen und dann nach Hause zu seiner Frau schicken. Es sind Anreißer, die sofort wieder zurückgenommen werden - wie die pseudoriskante Wäschereklame, die jüngst in Amerika eine Menge Augenbrauen hochgezogen hat:
"Kayser ist fabelhaft im Bett", verheißt der Slogan. Die Annonce ist für Nachthemden; "Kayser" ist die Firma, die sie herstellt, und das Sittengesetz ist unangetastet.
Sogar (und gerade) "Das Schweigen" und seine Affäre haben demonstriert, wie der christliche Geschlechtsbann noch in seiner scheinbaren Niederlage grimmige Triumphe feiert. Kaum ein zeitgenössischer Künstler ist so vom Sündenbewußtsein beherrscht wie Regisseur Ingmar Bergman. Und keiner seiner Filme ist von so morbider Aversion gegen den Sex gezeichnet wie "Das Schweigen".
"Paarung als Höllensturz der Verdammten", schrieb Georg Ramseger damals in der "Welt" mit jener mönchischen Begeisterung, die das Werk in den aufgeklärtesten Kritikern weckte. "Geschlecht als Grauen und Geißel, Verzweiflung und Haß als bittere Bilanz des Sexus, das ist es."
Und das war es offenbar, was die Selbstkontrolleure zur ungekürzten Freigabe hinriß: weil dieser Film genau wie ein Großteil der sexbesessenen Literatur den eingefleischten Horror nicht anficht, sondern bekräftigt, den der Pfarrer und Sexualpädagoge Heinz Hunger bedauernd in die Formel faßt: "Keinem von uns ist das Geschlechtliche rein."
Auch dem Bundesgerichtshof nicht. Er hält daran fest, jeden nichtehelichen Austausch von gewagteren Zärtlichkeiten mit dem Urväter-Donnerwort "Unzucht" zu brandmarken. Denn, sagen die obersten Richter: "Der Inhalt der Sittengesetze kann sich nicht deswegen ändern, weil die Anschauungen über das, was gilt, wechseln."
Der gleiche alttestamentliche Geist beseelt die "Große Strafrechtskommission" des Bundesjustizministeriums, die eine überfällige Rechtsreform ausarbeiten soll. Die Rechtspraktiker aber neigen nach Ansicht prominenter Kritiker dazu, die noch immer gültigen Sittlichkeitsparagraphen von 1871 eher zu verschärfen als liberaler zu fassen.
Und wie eine Parodie auf diese Bestrebungen wirkt die jüngst von Jugendschützern und Staatsanwälten entfesselte Jagd auf Schallplatten mit frivolem Liedgut, das selbst zu Kaiser Wilhelms Zeiten erlaubt und populär war. Typische Titel: "Willst du mal mein Karlemännchen sehen" und "Paula, mach die Bluse zu".
"Nichts anderes ist darauf zu antworten, als daß die Befreiung des Sexus in der gegenwärtigen Gesellschaft bloßer Schein sei... Die Sexualtabus sind gegenwärtig stärker als alle anderen, selbst die politischen ..."
Diese frappante Folgerung zieht der Frankfurter Sozialphilosoph Theodor Adorno aus dem Durcheinander von Sexkult und Sex-Trauma, von neuen Gelüsten und alten Geboten, das auf der öffentlichen Szene herrscht. Mit einer ganzen Reihe von scharfsinnigen Beobachtern ist Adorno der Meinung, daß der Reizrummel durchaus kein Ausdruck und kein Auswuchs eines moralischen Umsturzes sei, auch keine Massenverführung zur Massenunzucht. In Wahrheit sei der Sexkult eine bloß vorgeträumte und eingebildete Kompensation für eine sexuelle Befreiung, die in der Realität nur bruchstückhaft stattgefunden hat und niemals vollständig stattfinden kann.
Philosoph Ludwig Marcuse dazu: "Wenn die lockeren Bilder und Texte einen entscheidenden Ursprung haben, so den einen: daß Millionen nicht genug von dem haben, was sie in der Phantasie ausgiebiger genießen können."
Die Psychologie erklärt, die übermäßige gedankliche Beschäftigung mit sexuellen Dingen rühre eher von entbehrter Lust und einem verkümmerten Triebleben her als von realer Libertinage. Der amerikanische Autor Nelson Algren schließt daraus, der Sexkult entspringe der Sexfurcht: "Da das Publikum sich lieber an die Beschreibung der Leidenschaft als an letztere hält, wünscht es, weiter Bilder der Leidenschaft zu sehen, um ja nur keine Leidenschaft zu fühlen."
Theodor Adorno nennt den Zuschauer -Sex sogar schlicht "sozialisierten Voyeurismus". Ein Voyeur aber ist einer, dem das Zuschauen mehr gibt als der Akt selbst, der folglich nur noch schaut und darin seinen Lustgewinn findet.
Doch nicht nur gelegentliche Fortpflanzung bezeugt, daß die Bundesbürger mehr tun als Pin-ups betrachten und "Fanny Hill" lesen. Sie haben ein Geschlechtsleben. Aber durch den Wust aus Wahn und Meinung, der es umgibt, ist nicht leicht zu erkennen, wie es wirklich aussieht, wie es auf den Sexkult und die neuen Existenzbedingungen reagiert.
"Es gibt soviel Antworten wie Frauen", erwidert der Berliner Frauenarzt Eberhard Schätzing auf die Frage nach generellen Verhaltensänderungen. "Alles ist in Fluß", orakelt Psychologe von Xylander. "Es gibt nichts, was es nicht gibt. Die alten Verhaltensnormen funktionieren nicht mehr, aber neue haben sich noch nicht durchgesetzt."
Was Ärzte, Sozialforscher und Jugendbetreuer in Erfahrung bringen, trotzt jedem Pauschalurteil. Das empirische Material, das sie liefern, gleicht den Fragmenten eines Puzzles. Selbst wenn es sich zu einem Bild des sexuellen Realverhaltens zusammensetzen läßt, ist der Eindruck oft so verblüffend ungereimt wie das Geschlechtsleben von vier 19 und 20jährigen Primanern in München, die sich zu einer Amateur -Beatband zusammengetan haben:
Der erste von ihnen, Sohn eines Handwerksmeisters und eine wenig anziehende Erscheinung, hat ein burschikoses Intimverhältnis mit einer drallen, bürotätigen Arbeitertochter ("Die einzige Sorte Mädchen, die für ihn zu haben ist", sagen die anderen). An eine Heirat wird von beiden nicht gedacht.
Der zweite, Beamtensohn und ausnehmend hübsch, hat starken Zulauf von Mittel- und Handelsschülerinnen des Typs "süße 17". Mit ihnen unterhält er Techtelmechtel, die selten länger als sechs Wochen dauern und sich auf "Party-Knutschereien" beschränken. Intim verkehrt er nur mit einer 27jährigen Sekretärin.
Der dritte, nervös und musisch begabt, wird von den anderen als "Jungfrau" verspottet und bestreitet nicht, daß er es sei. Er hält die meisten Mädchen für "hurenhaft aggressiv" und verabscheut sie. Sein einziger Kontakt sind gelegentliche Konzertbesuche mit Gymnasiastinnen aus seinem Tennisklub. Nur bei denen sei er sicher, daß sie es "nicht schon beim ersten Abend darauf anlegen, vernascht zu werden".
Der vierte endlich, Lehrerssohn und kein Adonis, aber von rauhem Scharm, hat sich in den Kopf gesetzt, das ansehnlichste Mädchen des Viertels, eine 18jährige Kosmetik-Verkäuferin, zu besitzen. Sie hat sich auch herbeigelassen, mit ihm zu gehen, aber zu mehr nicht. Ihres Wertes bewußt, widerstand sie monatelang seinem Drängen - bis er sich ein Verlobungsversprechen abrang. Außergewöhnlich ist keiner dieser Fälle. Aber typisch daran ist nur eins: die Tendenz der Jugend, Sex vor der Ehe nicht nur zu suchen, sondern zur ungeschriebenen Konvention zu erheben. Das ist der Punkt, in dem sich alle Beobachter einig sind. Hier im vorehelichen Bereich wandelt sich das Sexualverhalten am stärksten und greifbarsten.
Ein Versuch, diese Entwicklung in Zahlen zu fassen, ist für die Bundesrepublik im vergangenen Jahr von einem Sozialforscher-Team unter der Leitung des Psychologie-Professors Hitpass unternommen worden. Das Team hat 100 unverheiratete 20jährige aus allen Bevölkerungsgruppen in stundenlangen Gesprächen einvernommen. Professor Hitpass: "Wir fanden, daß 58 Prozent der Mädchen und 68 Prozent der Jungen bereits intime Beziehungen zum anderen Geschlecht aufgenommen hatten."
Die Schätzungen einiger Jugendämter liegen noch höher. Und in Wien ergaben sozialärztliche Reihenuntersuchungen von Berufsschülerinnen, daß dort sogar 17 Prozent der 14jährigen Mädchen, 20 Prozent der 15jährigen, 34 Prozent der 16jährigen und 50 Prozent der 17jährigen ihr erstes Erlebnis gehabt haben.
Die hohen Quoten aus Österreich kommen freilich nicht dadurch zustande, daß die Wiener zwar katholisch sind, aber, wie der Herr Karl sagt, "net seah". Auch in der Bundesrepublik liegt der Anteil der Früherlebnisse bei Berufsschülerinnen, also Mädchen der unteren Gesellschaftsschicht, deutlich über dem Durchschnitt. Denn hier enthüllt sich der zweite Aspekt, bei dem die meisten Ärzte und Sozialforscher übereinstimmen:
"Die Klassenunterschiede", erklärt der Berliner Psychologe und Pädagoge Helmut Kentler, "sind in den sexuellen Ansichten und Verhaltensweisen sehr stark ausgeprägt" - trotz des Dogmas von der Nivellierung der Gesellschaft, das von den Päpsten der Soziologie jahrelang gepredigt wurde.
Von Klassenzugehörigkeit und Bildungsgrad wird das Geschlechtsleben des Deutschen markanter beeinflußt als von seiner Konfession oder davon, ob er in der Großstadt lebt oder auf dem Land. "Es ist falsch zu glauben", konstatiert Professor Hitpass, "daß die Sexualisierung der (vorehelichen) Geschlechterverhältnisse... in der Großstadt stärker wäre als auf dem Lande" - trotz der vielbeschworenen Legende von der Verderblichkeit großstädtischer Reizüberflutung.
Wie sehr dagegen der Klassenunterschied auffällt, betont auch Hans Giese, Leiter des Hamburger Universitätsinstituts für Sexualforschung. Er ist der Mann, der das Sexualverhalten der hansestädtischen Studentenschaft durch Fragebogen zu ermitteln suchte. Giese selbst war überrascht, daß sich die Hälfte der Studentinnen, die seine Fragen beantworteten, als unberührt bezeichnete.
Das ist eine ungleich höhere Virginitätsquote als bei den Mädchen der Unterklasse. Dennoch ist Giese von der Glaubwürdigkeit der Studentinnen überzeugt - aus einem scheinbar paradoxen Grund. Denn "fast alle von denen, die sich als unberührt bezeichneten, räumten ein, daß sie gleichwohl sexuell aktiv seien, und zwar mit Männern".
Lösung der Paradoxie: "Etwas, wovon wir glaubten, daß es nur in Amerika
stark verbreitet sei, nämlich Petting." Das heißt: Reizspiel bis zur Spannungslösung. Oder, wie die Amerikaner sagen: eine Methode, den Kuchen zu essen und ihn trotzdem aufzubewahren.
"Petting ist bei Oberschülern und jungen Angestellten Trumpf", bestätigt Helmut Kentler aus Berlin. "Allerdings sind die Mädchen dabei zum großen Teil recht unbefriedigt." Trotzdem fingen die Mädchen nicht selten sogar damit an, "um den männlichen Partner zu binden, oft aus einem Gefühl mangelnder Liebe zu Hause oder 'weil es eben einfach dazugehört', wie sie sagen".
In jedem Fall sei der Petting-Kompromiß zwischen alter Moral und neuer Liberalität ein Beweis, "wie erstaunlich groß die Hemmungen noch sind" - obwohl Oberschüler und Studenten am meisten dazu neigen, die Sexualgebote von Kirche und Eltern auch dann schlicht lächerlich zu finden, wenn sie nicht so komisch sind wie der Rat des Hamburger Pädagogen und Oberstudienrats Hans Heinrich Muchow, 66, den Geschlechtstrieb "In Dur... fortissimo" niederzusingen. Muchow zum "15- bis 16jährigen lieben Jungen": "Wenn die Unruhe über Dich kommt... dann ist es gut, daß Du eine Melodie innerlich bereit hast, die Du absingen kannst."
Kentler: "Es muß schon allerhand passieren, daß jemand unter 18 Jahren Geschlechtsverkehr hat. Den Mädchen würde es oft sogar leichter fallen als den Jungen, die Sorgen haben, sich zu blamieren."
Zugleich geben sich die Jungen der Oberklasse in ihren Ansichten tolerant, ohne diese Toleranz selbst allzu heftig auszunutzen. Sie sind sexuell weit besser aufgeklärt als ihre Altersgenossen aus der Arbeiterklasse, aber sie wenden ihre Kenntnisse zögernder an.
Das geht aus einer ausführlichen Studie über "Das Sexualwissen der Jugend" hervor, die der evangelische Theologe Heinz Hunger vorgenommen hat. Hunger schließt daraus, daß frühzeitige und sachliche Aufklärung im Gegensatz zu einem populären Vorurteil die Tugend eher zu fördern als zu verderben scheine.
Die Arbeiterjugend dagegen verfügt nur über dubiose biologische Kenntnisse. Den Wissensstand, besonders der Mädchen und Frauen, nennt Professor Kirchhoff in Göttingen "einfach schrecklich". Heinz Hunger bekam auf 31 einschlägige Fragen im Durchschnitt kaum drei richtige Antworten. Aber theoretische Ignoranz hindert diese jungen Leute nicht, sich um so früher und zielstrebiger in die sexuelle Praxis zu stürzen.
"Die Mädchen wissen oft gar nicht, was sie da tun", kommentierte ein Wiener Arzt den häufigen Frühverlust der Virginität, "aber sie tun es." Ein Grund ist, daß die Arbeiterjungen das Petting der Schüler und Studenten für eine bürgerlich-dekadente Schweinerei halten.
"Der strikt normale Akt ist für sie die einzige gesunde und akzeptable Form der Geschlechtsaktivität", erklärt die Ärztin Hildegard Lange-Undeutsch, die an der Freien Universität Berlin eine Beratungsstelle für Intimfragen leitet. "Alles andere wird von ihnen als pervers empfunden." Und die Mädchen, doziert Hans Giese, "machen mit, weil es von ihnen erwartet wird, nicht weil sie es selber brennend wünschten". Denn Frauen werden durch die Umwelt noch stärker beeinflußt als Männer. Was als "weiblich" gilt, ist keineswegs von Natur aus festgelegt und kann sich radikal ändern. Der amerikanische "Führer zur Sexkunde", ein Kompendium von 41 Autoritäten, zur "sexuellen Information" der Nordamerikaner verfaßt: "Werden die Mädchen dazu erzogen, daß sie keusch und jungfräulich sind, dann werden sie sich allermeist auch so betragen. Wird hingegen erwartet, daß sie provokativ auftreten und ihre sexuellen Reize hervorkehren, dann werden sie zweifellos auch das tun."
Die Konvention des Schicklichen ist umgekippt. Aber auch wo sie das Gegenteil von dem verlangt, was sie früher gebot, ist sie Konvention geblieben. Ein Mädchen, das sich der nächstbesten Beatschuppen-Bekanntschaft ohne Zieren hingibt, handele so unpersönlich folgsam, so wenig spontan und eigenwillig wie früher eine Jungfer, die sich
pflichtschuldig versagte, argumentiert die Psychologin Esther Harding: "Das junge Mädchen... kann genau so unter konventionellem Zwange handeln, wie es ihre Tanten und Großtanten taten, wenn sie ihren Männern mit steifen Förmlichkeiten entgegentraten."
Der Unterschied ist nur, daß das Tabu der Unberührbarkeit den Mädchen einst einen Schutz gewährte, den auch der zudringlichste Jüngling respektieren mußte und den sie anrufen konnten, ohne gleich für das zu gelten, was man in München eine "fade Nocken" nennt. Deshalb hat der Hinfall des Tabus die Mädchen oft bloß dem umgekehrten Druck unterworfen, zum Beischlaf bereit zu sein - aber wiederum nicht mit jedem.
Auf der anderen Seite nämlich hält der männliche Besitztrieb auch unter der jungen Generation die überkommene Doppelmoral aufrecht, die einem Mädchen entschieden weniger erlaubt als einem Jungen. "Einen darf sie vorher schon gehabt haben, vielleicht auch zwei, wenn sie glaubwürdig versichern kann, daß es mit denen nicht richtig hingehauen hat", erläuterte ein Stuttgarter Pennäler. "Aber bei zweien wird's schon kritisch, außer sie ist hübscher als BB."
So steht ein Mädchen in einer schwer berechenbaren Zwickmühle zwischen dem Zuwenig, das es zum Mauerblümchen, und dem Zuviel, das es zum Flittchen macht. Manche Beobachter schließen daraus, die sexuelle Emanzipation habe die Frauen nur noch stärker der männlichen Willkür ausgeliefert - eine Ansicht, die von der Französin Agnes Varda in ihrem Film "Das Glück" sarkastisch an einem schreinernden Pascha demonstriert wird, der seine Frau mit sonniger Skrupellosigkeit (und einer willigen Telephonistin) betrügt, wieder liebt, erneut betrügt und ins Wasser treibt.
Auch der deutsche Sozialpathologe Joachim Bodamer ("Der Mann von heute") glaubt, der moderne Mann betrachte die Welt als seinen Harem. Er habe die Frauen in einen "erotischen Konkurrenzkampf" gehetzt, der den "hohen Persönlichkeitswert der Zurückhaltung und Scham" zerstöre, "der zur Frau so unlöslich gehört, daß sie ohne ihn keine Frau ist".
Trotzdem deutet nichts darauf hin, daß die Jungen zu motorisierten Faunen geworden seien, die aufgescheuchte Kurzrock-Nymphen im Dutzend erlegen. Dionysische Zügellosigkeit ist nur in der Phantasie des Spießertums ausgebrochen.
"Daß die alte Moral nicht mehr gilt, heißt nicht, daß jede Moral aufgehört hat", erklärt Sexualforscher Giese. "Innerhalb des nach der herkömmlichen Auffassung Unsittlichen steckt die neue Ordnung."
Eine Art "selbstregulierter Schicklichkeit" nennt es die amerikanische Anthropologin Margaret Mead.
Denn auch die Jungen sind von der neuen potentiellen Freiheit im Grunde mehr erschreckt als entfesselt. Genau wie die Mädchen streben sie fast fluchtartig in feste Verhältnisse. Ganz überwiegend bilden sich "Partnerschaften", von denen Kurt Seelmann, der frühere Leiter des Münchner Stadtjugendamtes, sagt:
"Die Partner wechseln selten und haben eine menschlich enge Beziehung. Die Angst vor der Einsamkeit ist auch bei den Jungen größer als die Lust nach sexueller Abenteuerei. Der Don-Juan-Typ ist stark im Abbau. Sogar den Fasching verbringen die Jugendlichen häufig ausschließlich als Paare."
Andere Kenner bestreiten freilich mit Nachdruck, daß der Geschlechtsverkehr eine engere Bindung, eine tiefere Vertrautheit herbeiführt, als sie früher in keuscheren Liebschaften bestand. "Die meisten Jugendlichen hören von ihren Eltern, die Sexualität sei etwas Animalisches. Aber auch der jungen Generation gelingt es nicht, etwas Menschlicheres, Persönlicheres daraus zu machen", sagt der Frauenarzt einer bayrischen Provinzstadt. "Die sexuelle Betätigung steht fremd und isoliert neben der persönlichen Beziehung, die meist ganz unerotisch nüchtern und kameradschaftlich ist."
Bisweilen sei die Sex-Aktivität sogar nur ein dürftiger Ersatz für eine persönliche Beziehung, kommentiert Helmut Kentler aus Berlin. Ein junger Arbeiter habe ihm gesagt: "Die Studenten habens gut, die können sich mit ihren Mädchen über alles mögliche unterhalten. Bei uns wird es immer gleich langweilig, und dann geht es eben unter den Rock."
Diese proletarische Reduktion auf den biologischen Vollzug ähnelt dem lustlosen augustinischen Zeugungsakt fraglos sehr viel mehr als dem Sinnenrausch, für den sich Liebende einst freudig haben foltern und vierteilen lassen. Gerade die Leichtigkeit, mit der voreheliche Intimität zu haben ist, und die sachliche Selbstverständlichkeit, mit der sie betrieben wird, haben dem Erlebnis eine Menge Reiz und Intensität geraubt.
"Wir gehen ins Theater oder auf eine Party zu Freunden, und anschließend gehen wir ins Bett wie ein altes Ehepaar", gesteht eine Münchner Kunststudentin. "Wir sind prima aufeinander eingespielt, und ich möchte es nicht missen. Aber ein bißchen mehr Herzklopfen bei dem Ganzen wäre nicht schlecht."
Nichts Betrüblicheres ließe sich über den jugendlichen Sex sagen, als daß er vor der Ehe schon am Ehe-Elend dumpfer Gewöhnung krankt. Dieses Elend nicht auszubreiten, sondern zu beheben,
war das Hauptziel der Sexualreformer schon in den 20er Jahren: ein "erfülltes Geschlechtsleben in der Ehe" besonders auch für die Frauen zu erreichen - oder, wie es Robert Musil ausdrückte, Wege zu zeigen, "verheiratet und dennoch vergnügt zu sein".
Und so viel ist dem Sexkult gelungen, daß er die verheirateten Millionen in einem der Geschichte unbekannten Ausmaß überzeugt hat, sie alle hätten einen Anspruch auf Wonnen im ehelichen Gemach, die jede Vereinigung zu einer Kombination aus Brillantfeuerwerk, Weihnachten und einem Wolkenritt zum Himmel machen. Aber wie das zu erreichen sei, weiß der Kult nicht anders zu lehren als mit der Kochbuch-Methode ungezählter Aufklärungsschriften und Frauenmagazin-Artikel.
Auch unter den Jugendlichen findet Kurt Seelmann eine neue Betonung der "Technik" - entnommen aus dem Wust
von Betriebsanleitungen für den Geschlechtsapparat. Mehr Eheleute als je zuvor versuchen sich in Abwandlungen und Experimenten.
Daß dies besser sei als Apathie, wird von kaum jemand bestritten. Aber nach ein paar Jahren Gemeinschaftsexistenz vermag auch sexuelle Akrobatik das begnadete Schwindelgefühl nicht zurückzugewinnen, das in der Freierszeit schon ein erhaschter Kuß bewirkte. Und erhoffte Feuerwerke, die nicht losgehen, können Ehen mehr strapazieren als apathische Resignation.
Auffallend oft berichten Ärzte, Psychotherapeuten und kirchliche Eheberater, wie häufig ihnen heute Fälle psychischer männlicher Impotenz begegnen. Er bekomme wiederholt Klagen von Frauen, deren Männer um die 30 "alle drei Monate einmal zu ihnen ins Bett gehen", teilt Pfarrer und Lebensberater Adolf Sommerauer mit. Er gibt die Schuld dem "ständigen Vorgaukeln von Idealbildern": Solche Männer hätten keine Lust mehr an ihren Frauen, weil sie nicht aussähen wie die Puppen auf den Titelblättern von Illustrierten.
Mehr noch rufen die neuen Lustansprüche der Frauen bei nicht wenigen Männern Beklemmung und Befangenheit hervor. Die "Überbewertung des Orgasmus", sagt Psychologe Ernst von Xylander, provoziere viele Frauen, ihren Männern vorzuwerfen, sie verstünden nicht zu befriedigen. Diese Klage verschlimmert nur das Problem, daß "die Abstumpfung des sexuellen Appetits" in der Ehe "durch keinen guten Willen und keine Liebestechnik abzuwenden ist".
So grollte der alte Sex-Revolutionär Wilhelm Reich, der die Einehe deshalb konsequenterweise abschaffen wollte. Aber die Ehe ist in Europa ganz überwiegend stabil geblieben. Nur verschwindend wenige Männer leisten sich "serielle Polygamie", indem sie ihre Ehefrauen nach einigen Jahren gegen ein neues Modell eintauschen.
"Die Zahl der Ehebrüche hat sich gegenüber früher nicht spürbar vermehrt", bestätigt Professor Kirchhoff in Übereinstimmung mit den meisten seriösen Beobachtern. Die Ehepartner, die einander jede Freiheit geben, existieren fast nur als Wunsch- und Gruselphantasie in der populären Presse.
Manche Sozialforscher glauben sogar, daß gerade die Lösbarkeit des modernen Ehebundes eher moralisch wirke und nicht - wie das Vorurteil meint - entsittlichend. Die Gefahr, daß die Ehe an einem Seitensprung zerbrechen könne, schüchtert ein - im Gegensatz zu früher, als Mann und Frau in der beruhigenden Gewißheit sündigen konnten, daß ihr Hausstand in jedem Falle erhalten bleibt.
Zudem ist die emanzipierte Frau, anders als ihre Ahnen, weit weniger bereit, Abenteuer ihres Mannes als unvermeidliches Naturereignis hinzunehmen. Ihr größeres Selbstbewußtsein empfindet Fremdgänge als schwerste persönliche Kränkung. Deshalb kann sich ein fehltretender Zeitgenosse ungleich mehr häuslichen Ärger einhandeln, als seine Väter je zu befürchten hatten.
Den Ausschlag aber gibt, daß die Bundesbürger, selbst wenn sie die überstrenge religiöse Moral ablehnen, bang überzeugt sind, daß ungebremste Lust unvereinbar ist mit einem Minimum an Ordnung, Familie und menschlichem Anstand. Tausendfach wird täglich von Männern und Frauen beschlossen, die Ehe und das Glück der Kinder nicht für frischeres Fleisch und verjüngte Erregungen aufs Spiel zu setzen.
Tausendfach erfindet das Leben selbst die Moral von neuem. Und doch vertreibt weise Beherrschung nicht das große Sehnen nach Sex als der modernen Essenz des Daseins, des Erfolgs, des Vergnügens. Man will den Spaß trotzdem haben - aber ohne das Risiko.
Aus diesem widerspruchsvollen Wunsch ist unter den Verheirateten der Mittel- und Oberschicht ein Brauchtum entstanden, das an Urlaubsstränden und auf Wochenend-Partys allenthalben praktiziert wird. Scharfsinnig hat es der amerikanische Autor Max Gunther als "Sünden-Symbolismus" gekennzeichnet. Man sündige nicht wirklich, sondern tue nur so als ob. Man symbolisiere Sünde.
Zum Beispiel durch schlüpfrige Reden: "Männern wird nicht nur erlaubt, sie werden ermutigt, Dinge zu sagen, für die man sich früher duellierte", schreibt Gunther über den neuen Geselligkeitskomment, der sich auch in der Bundesrepublik eingebürgert hat. "Auf Partys nehmen sie oft ein theatralisch laszives Gehabe an. Die Frauen gehen hocherfreut darauf ein. Obwohl im Grunde brav und äußerst ehrbar, lechzen sie danach, sich leicht verworfen vorzukommen."
Es ist Usus, daß eine solche Frau nach dem dritten "Halb-Blut" ("... Puls fühlen ... tanzen...") in gespielter Verzückung die Augen verdreht, wenn der beste Freund ihres Mannes ihr tolldreiste Anträge macht - unter der Bedingung, daß ihr Ehegespons danebensitzt und das Knie seiner Nachbarin lange genug locker läßt, um den Scherz mit einem wissenden Grinsen zu quittieren.
Es wird Wange an Wange von Kopf bis Fuß getanzt. Es wird in einer zahmeren, quasi-öffentlichen Abart des Teenager-Petting kreuz und quer gekost. Die anderen Gäste müssen es sehen können, wenn sie wollen. Denn diese Öffentlichkeit des Geschehens ist nicht schamlos: Sie ist der Ausweis seiner Harmlosigkeit.
"Wir leben ja, was Sex anbetrifft, in einem puritanischen Zeitalter", fand der Hamburger Verleger Gerd Bucerius unlängst vor der Fernsehkamera. Als er Student gewesen sei, "gehörte es dazu, mindestens einmal einen Tripper gehabt zu haben".
Manche Leute ziehen sich routinemäßig aus, wenn sich die Illusion libertinösen Lebensgenusses anders nicht mehr einstellen will. Aber sich in einem Schlafzimmer einzuschließen und Ernst zu machen, verstößt zutiefst gegen die Regeln des Sünden-Symbolismus. Die gleiche Frau, die sich eben noch handfest hat herzen lassen, macht sich erschrocken los, sobald sie Anzeichen authentischer Leidenschaft bei ihrem Galan - oder sich selbst - bemerkt.
Grund: Maulhurerei und erotische Mimikry sind als neue Konvention der Aufgeklärten nur erlaubt, wenn sie ungefährlich bleiben für Seelenfrieden, Ehe und Karriere. Und je ungefährlicher sie ist, desto unbeschwerter schwelgt man in der kuriosen Kunst, in exakter Umkehrung früherer Gepflogenheit, schlimmer zu scheinen, als man ist - und so fest an diesen Schein zu glauben wie die Illustrierten. Man scheide in dem wohlig-schockierten Gefühl, meint Max Gunther, eine Orgie gefeiert zu haben.
Beide aber - Sexkult und Sünden-Symbolismus - gehen zurück auf die erotische Utopie eines Lebens in "Üppigkeit, Muße und Wollust" (wie Baudelaire es definierte).
Es ist die Wunschvision hinter allen Paradiesen, die Menschen sich je ausgemalt haben; hinter all den Augenblicken der Erfüllung, die von der Kunst und den Sagen der Liebe beschworen worden sind; sogar hinter den meisten politischen Entwürfen einer besseren Welt - bis hin zum Marxismus.
Selbst das christliche Reich der Seligen erweist sich im Kern als eine gereinigte, vergeistigte Version des panerotischen Traums, die gleichwohl von der Verheißung sensueller Wonnen durchdrungen ist.
Renaissance, Aufklärung und Natur -Romantik haben diesen Traum von neuem erotisiert und verweltlicht. Die Sexualität hat das Paradies, aus dem sie verbannt war, zurückerobert. Und eine Zivilisation, die an ihren religiösen und politischen Heilslehren zweifelt, hat sich die Helena aus der Tiefdruckpresse zum Idol gewählt - sinnlich gemacht von einem Wohlstand, der die Vision von Üppigkeit und Wollust der Wirklichkeit näherzubringen scheint als je zuvor in der Geschichte.
Aber im Sexkult erfüllt der Traum sich nicht. Im Sexkult wird er zum banalen Gespenst seiner selbst, zu einer kommerzialisierten Wunscherfüllungs-Phantasie, die immer deutlicher neurotische Züge zeigt: im Fetischismus der Konsumgüter-Anbetung, in der narzistischen Selbstliebe der Kosmetik, im Exhibitionismus der Unterhaltungsindustrie und dem Voyeurismus ihrer Kunden, im Snob-Sadismus der Bond-Welle, im Potenzrausch der Auto-Manie.
Die meisten Zeitgenossen sind zu intelligent, an diese Phantasien wirklich zu glauben. Und doch können sie ihrer nicht entbehren, weil sie das einzige zu sein scheinen, was ihrem Streben nach Geld und Rang noch einen vagen Sinn und ein lockendes, wenngleich illusorisches Ziel gibt.
Aus Geschäftsinteresse hat der Sexkult die erotische Utopie zu dem Wahn verdreht (und verharmlost), der Garten der Lüste lasse sich durch den Kauf von Markenartikeln und Gesellschaftsreisen erschließen. Und doch ist dieser Wahn ein lebenswichtiger Bestandteil der Überflußgesellschaft. Er übt in ihr die gleiche Funktion aus, die der mechanische Hase beim Windhundrennen erfüllt: Keiner erreicht ihn, aber alle hält er in Trab - die Geldverdiener und Verbraucher, den Umsatz und die Konjunktur.
"Häschen" (oder "Bunnies") heißen auch die busigen Bajaderen in den typischen Tempeln des Sexkults - den internationalen "Playboy"-Klubs. Als Klubmitglied darf man sich von ihnen am Dachgarten-Swimmingpool Drinks servieren lassen. Man darf mit ihnen baden und flirten. Man darf sie im "Playboy"-Magazin dreifach gefaltet und mit einer Heftklammer im Nabel nackt sehen.
Nur anfassen - gebieten die Regeln des Klubs - darf man sie nicht.
Kino-Reklame 1966
"Eine Flut dämonischer Kräfte...
Illustrierten-Titel 1966
... überschwemmt unser Volk"
Werbung 1966
"Das öffentliche Leben...
Literatur 1966
... ist ein Treibhaus der Reize"
Mini-Röcke in Berlin: Was denkt ein Mann beim Anblick eines Quadrats?
Sex-Autor Gover
Monolog in Freudenhaus
Sex-Autorin Mary McCarthy
Liebe zum Detail
Sex-Autor Fleming: Zehengriff mit Übertreten
Mittelalterliches Badehaus: Im Heiligen Römischen Reich ...
... Epochen der Ausgelassenheit: Oben-ohne-Mädchen im Freibad (Hamburg)
Sex-Kritiker Hitler
Erstickendes Parfüm
Liebhaber Goethe
Giftige Rose
"Neue Illustrierte", "Neue"-Chefredakteur Struwe: "Die Deutschen glauben ...
... sie seien verdammt verrucht": Beate-Uhse-Geschäft (in Hamburg)
Schwedischer Film "Das Schweigen": "Grauen und Geißel...
... als bittere Bilanz?". Protestaktion gegen Sex-Filme in Karlsruhe (1965)
Die Welt
Deutsche Jugend: "Die Leute fragen sich . .
... was sie nun mit sich anfangen sollen": Deutsche Party
Bunnies in einem Londoner Nachtlokal: Anfassen verboten

DER SPIEGEL 19/1966
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