09.05.1966

DEANoch im Rennen

Der Sekt war schon kaltgestellt worden. Ehe jedoch Franz Heinrich Ulrich, Aufsichtsrat-Chef der Deutschen Erdöl-AG (Dea), im Hause der Düsseldorfer Deutschen Bank zum fröhlichen Umtrunk bitten konnte, nahmen ihn die Amerikaner James W. Foley und Frederic H. Brandi beiseite.
Direktor Foley vom amerikanischen Öltrust Texaco und Bankier Brandi hatten den-vorbereiteten Vertrag zur Übernahme der Dea perfekt machen wollen. Zwei Tage zuvor aber waren sie,zu einem Höflichkeitsbesuch nach Bonn aufgebrochen und niedergeschmettert zur rückgekehrt.
Anstatt zu unterschreiben, eröffneten sie Ulrich und den in feierliches Schwarz gekleideten Herren - am Freitag vorletzter Woche -, das Geschäft sei leider am Einspruch der Regierung gescheitert.
Ulrich ("So ein Affentheater") protestierte sofort dagegen, daß Bonn den Dea-Aktionären "die freie Wahl ihrer Vermögensanlagen beschränkt" habe; und bat seine Gäste, die rechtlich unbedeutende Bonner Episode,nicht zu überschätzen. Foley und Brandi jedoch glaubten in Bonn ein deutliches "Ami go home" herausgehört zu haben. Sie reisten ab.
70 000 Dea-Aktionären bescherte die Regierung auf diese Weise einen eigenen schwarzen Freitag. Der Börsenkurs, der durch die Gerüchte über das bevorstehende Umtauschangebot auf 186 Punkte geklettert war, sackte auf 134 Punkte ab - noch niemals zuvor hatte ein westdeutsches Wertpapier innerhalb von zwei Stunden mehr als 20 Prozent seines Wertes eingebüßt.
Ulrich, Foley und Brandi hatten seit Ende 1965 in aller Stille darüber verhandelt, wie die Dea - einziger Ölkonzern der Bundesrepublik in westdeutschem Besitz, aber ohne ausreichende Ölvorkommen - mit dem amerikanischen Öltrust verbunden werden könnte.
Die Texaco Inc., nur mit den 1530 Tankstellen ihrer Beteiligungsfirma Caltex auf dem westdeutschen' Markt vertreten: war vor allem an den 4800 Dea- und 'Rheinpreußen-Zapfsäulen interessiert '(siehe Graphik). Geld spielt für die Texaner keine Rolle: Texaco erzielt jährlich Gewinne im Höhe von 2,4 Milliarden Mark.
Im Bundeswirtschaftsministeriun argwöhnten jedoch die Energiereferenten, die Amerikaner würden das Geschäft allzu "texanisch" und ohne Rücksicht auf die deutschen Interessen abwickeln.
Dabei hatte Vize-Chairman Foley, Texaco-Aktionär mit 65 Millionen Mark und Texaco-Manager mit 876 000 Mark Jahresgehalt, einige nationale Konditionen Ulrichs bereitwillig akzeptiert. Er versprach, die Dea als "eine aktiv in Deutschland produzierende" Gesellschaft weiterzubetreiben und nicht nur die Tankstellen zu unterhalten. Er gelobte auch, die 26 000 Dea-Mitarbeiter weiter zu beschäftigen.
Schon um die Jahreswende hatten die Texaner der 'Bundesregierung ihre Kaufpläne bekanntgeben wollen, waren aber von der Dea-Verwaltung belehrt worden: Was heute-in Bonn besprochen: werde, stehe am nächsten Tag in den Zeitungen. Dea-Generaldirektor Ferry von Berghes markierte Unwissenheit, als ihn Ende März Staatssekretär Dr. Fritz Neef vom Bundeswirtschaftsministerium auf die Transaktion ansprach.
So war das Feld nicht eben gut vorbereitet, als die Texaco-Männer in Bonn bei Kurt Schmücker vorsprachen und die Ansicht der Regierung über ihre Kaufabsicht erbaten.
Hinzu kam, daß der Ansturm amerikanischer Aufkäufer allmählich in der
Bundesrepublik nicht nur Wohlwollen hervorruft. Denn Westdeutschlands Notenbank unterhält große Dollar-Reserven, um die US-Zahlungsbilanz zu schonen, und macht ",somit die steigenden Investitionen der USA in Deutschland erst möglich" (Abs).
Hermann Josef Abs von der Deutschen Bank forderte deshalb schon vor Jahresfrist, den Kapitalvormarsch der Amerikaner wenigstens in einer Evidenzzentrale registrieren zu lassen.
Dr. Alexander Menne, Vorstandsmitglied der Farbwerke Hoechst AG und Vorsitzender des Wirtschafts- und Mittelstandsausschusses im Bundestag,erklärte vor kurzem in New York, gegen die Übernahme großer Aktienpakete sei nichts einzuwenden; Umtauschangebote an' deutsche Kleinaktionäre jedoch könnten Unruhe hervorrufen. Menne meinte, notfalls müsse dagegen sogar vom Bundestag ein Gesetz erlassen werden.
Auch Bundeswirtschaftsminister Kurt Schmücker äußerte zur Überraschung seiner Besucher aus Texas Bedenken gegen "Zeitpunkt und Form" der Dea -Übernahme:
Es müsse sorgfältig geprüft werden, meinte Schmücker, ob der Kauf nicht zu negativen Reaktionen im Parlament führe, denn er wolle die grundsätzliche liberale Mineralölpolitik der Regierung nicht durch eine unüberlegte Aktion gefährdet sehen.
Gastgeber Schmücker, in Terminnot, reichte Brandi und seine Begleiter schließlich an Staatssekretär Neef weiter, der' einen Arbeitskreis zu bilden und in 14£ Tagen der Texaco eine Stellungnahme zu übermitteln versprach. Im übrigen, so riet Schmücker, sollten die Besucher auch mit dem amerikanischen Botschafter konferieren.
Schmücker wußte nicht, daß US-Botschafter George McGhee, selbst Ölmillionär aus Texas, bereits vorher von Ludwig Erhards Kanzlei-Minister Ludger Westrick angesprochen worden war.
Und hatte der Wirtschaftsminister noch in verbindlicher Form ("Wir können weder genehmigen noch verbieten, sondern nur beraten") diskutiert, so waren die Amerikaner von Erhards Sonderminister recht massiv angegangen worden. Westrick über die Dea -Transaktion: "Das kommt überhaupt nicht in Frage."
Nach dem Auszug der Amerikaner versuchte Kurt Schmücker eilig, den Makel antiamerikanischer Umtriebe von Bonn zu nehmen. Der Minister zum SPIEGEL: "Ich habe lediglich darum gebeten, für meine endgültige Antwort einige Zeit zur Überprüfung durch Experten meines Hauses zu erhalten." Und: "Darüber, daß die Amerikaner ihre Bemühungen insgesamt und abrupt abgebrochen haben sollen, liegt mir keine authentische Meldung vor."
Die Dea erwartet, daß mindestens drei amerikanische Trusts das Rennen noch nicht aufgegeben haben und neue Angebote machen werden: die Continental Oil Company (Conoco), die Gulf Oil und - die Texaco.
Texaco-Direktor Foley
"So ein Affentheater"

DER SPIEGEL 20/1966
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