09.05.1966

HOFFMANN001 mit 007

Mit Bild und Signum des Superagenten James Bond wird nicht nur Rasierschaum und Achselhöhlenspray verkauft - 007 wirbt neuerdings auch für den Jazz: Ende letzten Monats brachte die Hamburger Schallplattengesellschaft "Philips Ton" in der renommierten "Twen"-Serie ein Album mit 007-Swing heraus, bespielt vom Kölner Hammond-Organisten Ingfried Hoffmann, 30. Titel: "From Twen with Love".
Begleitet von zwei elektrisch verstärkten Gitarren, von Zupfbaß und Schlagzeug, ließ sich Hoffmann von den Bond-Film-Soundtracks zu eigener Melodik inspirieren: Im Berliner Philips-Studio am Potsdamer Platz orgelte er unteranderem einen "Phantomwalk", den Twist "Yeah, Dr. No", variierte Titelmelodien zu "Feuerball" und "Goldfinger" und spielte "Vabanque im Casino Royale".
Die vorgehaltene Bond-Pistole auf dem Umschlagbild dieses Jazz-Reißers soll "die Platten-Hörer zum Kauf der Hoffmann-Musik geradezu zwingen" - so will es der Philips-Plattenproduzent Siegfried E. Loch. Er hat Grund dazu: Eine vorausgegangene Hoffmann-Platte (Titel: "Hammond Tales") ist als Ladenhüter verstaubt. Loch: "Unser Versuch, Ingfried Hoffmann mit einer reinen Jazzplatte bekannt zu machen, ist gescheitert. Dieses Mal probieren wir es mit dem Bond-Trick, und das wird klappen. Schließlich ist Hoffmann ja einer der großen europäischen Jazz -Musiker."
Daß bislang so wenige europäische Musikanten die Orgel zum Swingen bringen, liegt nicht nur daran, daß es laut Hoffmann - "doch bedeutend leichter ist, ein Banjo zu kaufen und zu transportieren als eine Orgel"; offenbar fällt es weißen Musikanten immer noch schwer, dem "elektrischen Horn" (so die US-Organistin Shirley Scott), das vor allem in den Jazz-Bars von Harlem und anderen Negerstädten der USA ertönt, Blue Notes abzugewinnen. Der von Hoffmann geschätzte Organist Lou Bennett und der prominenteste Hammond -Virtuose Amerikas, Jimmy Smith, beispielsweise sind beide farbig.
Schon um 1930, als Stummfilm -Pianisten und Neger-Pastoren der elektrischen Orgel larmoyante Traumklänge und süße Jesus-Lieder entlockten, ließen farbige Musiker die Orgel gelegentlich jazzen. Doch erst als um 1955 die Jazzer den Gospel-Rhythmus der Negerkirchen zum lukrativen "Soul-Beat" ummünzten, wurde das Orgelspiel in Nachtklubs heimisch. Viele farbige Jazzpianisten schlagen seither nicht mehr die Pianotasten an, sondern erzeugen in Tanz-Lokalen und Platten -Studios lieber den voluminösen Hammond-Sound.
Doch nicht allein diese negroide Vorliebe für das Orgelspiel erklärt, daß US-Plattenhersteller noch vor der deutschen Premiere der Hoffmann-Orgel -Platte "dringlich" die Bänder der Bond -Produktion "zur Verwertung" anforderten. Amerikas Jazzfans hatten Ingfried Hoffmanns talentierten Orgelschlag schätzen gelernt, als der gebürtige Düsseldorfer mit Klaus Doldingers Quartett in den USA musizierte.
Talent hatte Hoffmann, seiner Meinung nach, schon als Kleinkind erkennen lassen. "Ich absolvierte bereits als Zweijähriger", sagt der Organist, "ein tägliches Musikpensum von über acht Stunden." Es bestand vor allem im geduldigen Anhören der Klavierübungen seines zehn Jahre älteren Bruders, des Beethoven- und Liszt-Interpreten Ludwig Hoffmann. Und auch Ingfried Hoffmann wollte ursprünglich Konzertpianist werden. Mit Bachs "Wohltemperiertem Klavier" debütierte er als Zwölfjähriger.
Doch die gemäßigten Temperaturen der klassischen Musik sagten dem Wunderkind auf die Dauer nicht zu. Auf Piano, Trompete, Ventilposaune, Baß und Gitarre spielte der Student des Düsseldorfer Robert-Schumann-Konservatoriums und der Kölner Musikhochschule (Nebenfächer: Philosophie, Psychologie) alsbald heißen Jazz.
Und schon bei den ersten deutschen Amateur-Jazz-Festivals 1955 und 1956 bekam Hoffmann als bester Klavierspieler Preise. Doch erst seit er an der Hammondorgel sitzt, wird er von Kollegen und Kritikern "als einer der profiliertesten Jazzmusiker Deutschlands" bezeichnet, so der "Welt"-Kritiker Werner Burkhardt.
Und die Zeitschrift "Twen", die Hoffmanns Platte mit dem 007-Look vertreibt, befand: "Er ist Europas Jazz -Organist 001."
Hülle zur Hoffmann-Platte
Goldfinger auf der Orgel.
Organist Hoffmann (2. v. l.), Jazz-Combo: Yeah mit Dr. No

DER SPIEGEL 20/1966
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