16.05.1966

BELLMERPuppen des Bösen

Seine altmeisterlich gestrichelten Bilder Zeichnungen und Graphiken brachten ihm den Ruhm eines "Dürer des Surrealismus" und "Arcimboldi des Fleisches". Vor allem aber brachten sie ihn in Verruf: Hans Bellmer, 64, galt bislang eher als ein zeichnender Erotomane, dessen vexierende Sex-Hexereien in den Giftschrank gehörten.
Doch die Sex-Welle wogt, und der Surrealismus hat Renaissance - kein Wunder also, daß nun, nach der Entdeckung oder Wiederentdeckung von Moreau, Beardsley, Klimt und Schiele, Oelze und Schröder-Sonnenstern, Janssen und Wunderlich, auch Bellmers Stunde schlägt.
Avisiert wurde diese Bellmer-Stunde 1963, a1s die Frankfurter Galerie Sydow eine erste größere Bellmer-Schau arrangierte und die Berliner Verlegerin Renate Gerhardt Bellmers Buch "Die Puppe" auf den Markt brachte. Erst seit diesem Frühjahr jedoch scheint der Bellmer-Bann endgültig aufgehoben.
Bellmers Sexualvisionen, die der Stuttgarter Buchhändler Wendelin Niedlich, allzu zaghaft, noch Ende Februar vier Stunden lang einer Hundertschaft von geladenen Gästen vorwies, wurden bis zum vorletzten Wochenende in der Berliner Kollektiv-Ausstellung "Phantastische Figuration" zur Schau geboten. Im April präsentierte sie das Ulmer Museum (31 Zeichnungen), im Mai sind sie in der Kölner Galerie Gmurzynska (acht Bilder, 32 Zeichnungen, 29 Graphiken) zu sehen.
Ob Berlin, Stuttgart, Ulm oder Köln, phantastische Figurationen sind die ausgestellten Arbeiten allesamt. Es sind mit genialischem Strich fixierte Mädchen- und Frauenleiber, deren zerfließendes, tröpfelndes, schrundiges Fleisch sich dem Betrachter bisweilen wie unter einem Röntgenschirm darbietet: Zwischen Fleischwülsten werden Gerippe sichtbar, die Haut ist ein abstreifbares Hemd, unter Gesichtern und Brüsten beginnt ein Dschungel von Innereien.
Bellmer bietet - etwa in seiner Kupferstichserie "à Sade" - die präzisen Radierungen lasziver Hirngespinste, er potenziert die Möglichkeiten jeglicher Potenz und malt die Nimmersatt-Träume eines Nicht-Gesättigten: Die Körper und Körperteile, die er zeichnet, sind anatomisch zergliedert, sie wuchern, wachsen zusammen, verwandeln sich, verschmelzen in andere Körper oder lösen sich in leerer Fläche wieder auf.
"In seinen erotischen Werken", so verstand "Le Monde" diese traumhaften Vivisektionen geschundenen Fleisches, "vereinigt Hans Bellmer die Zerknirschung der deutschen Seele mit der surrealistischen Provokation."
Zu dieser Provokation kam Bellmer, 1902 im damals preußischen Kattowitz geboren, verhältnismäßig spät. Nach bestandenem Abitur verbrachte er, seinem verhaßten Vater zum Ärgernis, erst einmal drei Jahre in einer Stahlfabrik und in einem oberschlesischen Kohlenbergwerk. Sein Studium an der Technischen Hochschule Berlin, 1923 begonnen, gab er schnell wieder auf. Bellmer wurde Typograph für den linksgerichteten Malik-Verlag und fertigte Schutzumschläge und Buchillustrationen ganz im Geschmack seines Freundes George Grosz. Von 1927 bis 1933 arbeitete er als Werbegraphiker in Berlin.
Zum Surrealismus bekehrten ihn schließlich die Nationalsozialisten. Bellmer protestierte gegen deren Machtantritt, indem er sich weigerte, eine bürgerlich-nützliche Tätigkeit auszuüben; statt dessen widmete er sich seiner zwecklosen Bastelei von Fetischen: Er konstruierte mit Kardangelenken und seltsamen Mechanismen versehene "künstliche Mädchen", die er in allen nur möglichen Positionen photographierte - 'im Wald und im Zimmer, mit Dessous bekleidet oder nackt, mit Kopf und ohne, mit zwei Beinen oder vier.
So entstand Bellmers "Puppe", die. dem französischen Surrealisten-Dichter Paul Eluard zufolge, ,Kinder und Tiere in Schrecken versetzt, Wangen erbleichen und das Gras noch grausamer grünen läßt".
1938, nach dem Tod seiner Frau, emigrierte der Puppenspieler nach Paris. Er saß während des Krieges mit Max Ernst in einem südfranzösischen Internierungslager, warf seinen deutschen Paß in einen Abwasserkanal und begann, nach einigen Monaten im Maquis, wieder zu zeichnen; unter anderem illustrierte er Texte vor Baudelaire ("Die Blumen des Bösen"), Georges Bataille und de Sade.
Die Pariser Galerie Daniel Cordier hat dem Spätsurrealisten Bellmer inzwischen eine große Retrospektive gewidmet.
Das Ausland hingegen blieb bis heute renitent. Eine Londoner Ausstellung, von der Galerie Robert Fraser geplant, kam beispielsweise nicht zustande, weil die Drucker streikten: Sie weigerten sich, Bellmer-Kataloge und Bellmer-Plakate zu fertigen.
In Deutschland jedoch ist nun die Zeit für Bellmer gereift: In naher Zukunft will die hannoversche Kestner-Gesellschaft, der Bundesrepublik bedeutendste Avantgarde-Galerie, die große Bellmer-Schau bieten.
Bellmer-Selbstbildnis
Mädchen mit vier Beinen
Bellmer-Puppen, Bellmer-Graphik: Die Haut ist ein obstreifbares Hemd

DER SPIEGEL 21/1966
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