16.05.1966

TSCHECHOSLOWAKEIExport nach Westen

Das Ziel, so gute Filme zu drehen,
"daß uns die Polen darum beneiden" (so der Prager Filmdramaturg Jan Prochazka), hatten sich die tschechoslowakischen Filmer 1958 gesteckt. Jetzt haben sie es erreicht.
Im vorigen Jahr schon holten die Tschechen bei den internationalen Filmfestivals mehr Preise ab als die Konkurrenten im Westen. Nun- machen sie einen weiteren Fortschritt - sie importieren West-Kapital für die einheimische Produktion und exportieren ihre Regisseure in den Westen.
Renitent und liberal waren die CSSR-Filmkünstler, Mitarbeiter des zentralisierten und sozialisierten "Tschechoslowakischen Staatsfilms", schon früh. Auf dem Elften Parteitag der tschechischen KP zum Beispiel beklagten sich die Funktionäre, daß "die Spielfilmproduktion nicht immer die Hand am Puls des sozialistischen Lebens" habe.
Nach dem Studenten-Krawall 1963 in Prag ließen die jungen tschechischen Regisseure die Hand ganz vom Puls und legten sie ans Herz vor allem junger Mädchen: Nachdem Milos Formans Film "Die Liebe einer Blondine" durch die einheimischen Kinos und im Westen gelaufen war, bemerkte der Pariser "Figaro": "Papas CSSR ist tot."
Bis dahin hatte das westliche Publikum nur die tschechischen Senioren gekannt - den Puppenfilmer Jiri Trnka und den Trickregisseur Karel Zeman. Von da an lernte es die junge Garde kennen: Vojtech Jasny ("Wenn der Kater kommt"), Oldrich Lipsky ("Limonaden-Joe"), Vera Chytilowa ("Von etwas anderem") und Jan Nemec ("Diamanten der Nacht") sowie das Regie-Duo Jan Kadar und Elmar Klos ("Der Angeklagte").
Seit 1962 sind die Tschechen auf Filmpreise abonniert, bei den Festivals von San Francisco bis Moskau. Und die Erfolgsliste wird immer länger. In diesem Jahr wurden bereits ausgezeichnet:
- "Es lebe die Republik", ein Spielfilm von Karel Kachyna, mit dem Hauptpreis des Festivals von Mar del Plata;
- "Wie man ein braves Kind bekommt", ein Trickfilm von Milos Macourek und Stanislav Látal, mit dem Hauptpreis von Tours;
- "Der Laden an der Hauptstraße", von Kadar und Klos, mit dem begehrtesten Preis der Welt, dem "Oscar" (für den besten nicht-englischen Spielfilm).
Die Erfolgsfilme entstanden bislang in tschechischen Staats-Studios. Westliche Produzenten erschienen dort nur, um eigene Filme zu drehen - in den Ateliers Barrandov, Gottwaldov und Bratislava sind Spielfilme um 20 bis 30 Prozent billiger herzustellen als auf den preisgünstigen Filmgeländen Italiens. Beispielhaft ist der Etat von Barrandov: 1965 wurden dort 30 Filme für nur 90 Millionen Kronen (30 Millionen Mark) gedreht.
Seit kurzem lassen sich die CSSRFilmregisseure von West-Produzenten auch in die West-Studios holen. Als erster wurde Jiri Sequens - 1965 in Moskau für seinen Heydrich-Spielfilm "Das Attentat" ausgezeichnet - abgeworben. Für eine griechische Produktion drehte er in einer abbruchreifen athenischen Villa das Lichtspiel "Epitaph für Freund und Feind".
Die Geschichte, die 1945 in Berlin spielt und einen SS-Offizier als Helden hat (gespielt vom "Melissa"-Mann-Darsteller Günther Stoll), gefiel den Produzenten so gut, daß sie bei Sequens einen zweiten Film bestellten.
Den bislang größten Abschluß mit dem CSSR-Staatsfilm machten die italienischen Produzenten Carlo Ponti und Morris Ergas. Für 40 Millionen Mark werden künftig sieben Filme nach tschechischen Drehbüchern und unter tschechischer Regie mit westlichen Stars gedreht:
- Oldrich Lipsky, 42, dreht drei Sciencefiction-Filme;
- Karel Zeman, 56, verfilmt zwei Jules-Verne-Romane;
- Milos Forman, 34, inszeniert zwei Komödien.
Lipsky wird Pontis Geld auf Sardinien verdrehen, Forman wird Außenaufnahmen in England und den USA machen und mit Federico Fellinis Drehbuchautor Ennio Flaiano zusammenarbeiten. Ponti verpflichtete alle drei Regisseure, in englisch zu drehen - die Filme sollen gleich auf dem größten Markt gestartet werden, in den USA.
Die Italiener waren von der Prag-Reise kaum zurück, da erschien Manfred, Barthel, Produktions-Chef der Bertelsmann-Firma "Constantin Filmverleih", bei ihnen, um sich als dritter in den Bund aufnehmen zu lassen.
Die neuen "Oscar"-Preisträger Kadar und Klos waren schon vor der Verleihung einig mit der US-Produzentin Marie Desmarais. In ihrem Auftrag machen sie die erste amerikanischtschechische Koproduktion - den ersten tschechisch-regierten Film, der- in der Neuen Welt hergestellt wird. Der Stoff: Karel Capeks Roman aus den dreißiger Jahren "Der Krieg mit den Molchen".
Derlei internationale Arrangements sind für die Tschechen auch verlockend, weil die Gagen höher sind. "Forman beklagt sich bitter", berichtete die Korrespondenz "Filmreport", "daß man (in der Tschechoslowakei) von der Regiearbeit als 'Anfänger' kaum leben kann."
Forman bekam für seine Arbeit an der Blondinen-Liebe nur 30 000 Kronen (etwa 10 000 Mark). Da die Prager Filmer ihre Lichtspiele sorgfältig vorbereiten und deshalb meist nur einen Film pro Jahr fertigen, verdienen sie im Schnitt 12 000 Mark jährlich.
Im Westen können sie besser verdienen: 100 000 Mark pro Spiel und mehr.
Tschechischer Film "Die Liebe einer Blondine"*: Nicht immer die Hand am Puls
Hana Brejchova, Vladimir Pucholt.

DER SPIEGEL 21/1966
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