23.05.1966

HALBGÖTTER AUS BLANKENESE

Laß du den Generalstab sorgen, und der Feldmarschall ist geborgen.
Mephisto in "Faust II"
Generalstabsoffiziere und Truppen offiziere waren in Preußen -Deutschland stets zweierlei. Die Bundeswehr-Demokraten aber wollten den Klassengegensatz zwischen den beiden verwischen.
Bonns zweiter Verteidigungs-Minister, Franz-Josef Strauß, ehemaliger Flak -Oberleutnant, sah - wie sein Vorgänger Theodor Blank - im Generalstäbler ein überfälliges Relikt traditioneller Kasten-Arroganz. Bonns erster Generalinspekteur, Adolf Heusinger, im Generalstabsdienst ergraut, zeigte sich - wie fast immer - kompromißbereit: 20 Prozent aller Generalstabsstellen blieben für Truppenoffiziere reserviert.
Die zünftigen Generalstäbler distanzierten sich alsbald von den Außenseiter-Kameraden, die in ihre Reservate einbrachen: "Da kommt wieder einer von der Heusinger-Spende."
Der deutschnationale Bundesverteidigungsminister Kai-Uwe von Hassel will nun ganz ohne Konzessionen an die Troupiers auskommen: Die Generalstabsstellen stehen vom nächsten Jahr an nur noch den Absolventen der Blankeneser Führungsakademie offen.
Damit setzt die Bundeswehr eine Tradition fort die Preußens Wehrreformer Scharnhorst im Jahre 1810 mit der "Höheren Kriegsschule für Offiziere" begründete. Vier Jahre später schon galt Gneisenau, Generalstabschef des preußischen Feldheeres, im Offizierkorps mehr als dessen Oberbefehlshaber Blücher.
Unter dem älteren Moltke, dem Generalstabschef während der deutschen Einigungskriege 1864, 1866, 1870/71, spielte sich ein spezieller Generalstabs-Dienstweg ein. Die Befehlshaber der Armeen unterstanden dem König, Ihre Generalstäbler dem Generalstabschef Moltke, der über sie die Armeen zu dirigieren suchte. Generalstäbler, die ihre Befehlshaber nicht im Moltkeschen Sinn zu lenken vermochten, bekamen die Ungnade des Chefs zu spüren.
So erging es dem Grafen Schlieffen, der als späterer Amtsnachfolger Moltkes jene verdeckte Führungstechnik des Generalstabes mit der Devise umschrieb: "Viel leisten, wenig hervortreten, mehr sein als scheinen."
Gleichwohl brüstete sich Ludendorff, während der Tannenberg-Schlacht 1914 Chef des Generalstabes der Hindenburg-Armee, noch ein Jahrzehnt später: "Als ich Tannenberg gewann..."
Seeckt der als Chef der Heeresleitung nach dem Verbot des Generalstabes durch den Versailler Friedensvertrag das Reichsheer Weimars mit General stäblern aller Rangklassen durchsetzte, rügte Ludendorffs taktlosen Dünkel mit dem Satz: "Generalstabsoffiziere haben keinen Namen."
Generaloberst Halder, Generalstabschef des Heeres von 1938 bis 1942, belehrte die Schüler der Berliner Kriegsakademie im Mai 1942: "Wenn die deutschen Truppen nach Beendigung dieses Krieges siegreich durch das Brandenburger Tor marschieren, wird vom Generalstab nur in einer knappen Zeitungsnotiz die Rede sein."
Die Zeitungsnotiz fiel aus, und dem großdeutschen Führer Adolf Hitler mißfiel die nüchterne, ihn bremsende Genauigkeit des Generalstabes. Im November 1942 sagte er: "Es ist eine alte Erfahrung, daß der Generalstab den Gegner grundsätzlich überschätzt. Polen und Frankreich sind in diesem Zusammenhang eine einzige Blamage gewesen."
Die glanzvolle Abgeschlossenheit des Generalstabskorps spiegelte sich in den Insignien: karmesinrot unterlegten silbernen Kragenspiegeln und vier Zentimeter breiten karmesinroten Hosenstreifen, die jeden Generalstäbler von der Offiziermasse leuchtend abhoben. Hitler befand, der Generalstab sei nur "eine nichtsnutzige Loge", die er vergessen habe aufzulösen.
Hitlers Chefadjutant, General Schmundt, Generalstäbler aus dem Potsdamer Infanterie-Regiment 9 ("Graf Neun"), pflichtete seinem Kriegsherrn bei: "Und wenn ich den Kerlen die roten Streifen eigenhändig von den Hosen reißen muß."
In Hitlers Generalstab lief bei Kriegsende der Slogan um: "Mit uns geht's schlecht, ohne uns geht's gar nicht."
Auch die Bundeswehr bedarf der "generalstabsdiensttuenden Offiziere". Sie hat zwar keinen nationalen Generalstab mehr; Planung und Führung der Operationen gehören zu den Aufgaben der integrierten Nato-Kommandobehörden. Aber sie hat knapp 900 General- und Admiralstabsstellen in
- Nato-Stäben;
- Führungsstäben des Bundesverteidigungsministeriums;
- Korps-, Divisions- sowie Brigadestäben.
Diese Generalstabs-Epigonen sind nicht mehr die "Halbgötter", wie Bismarck ihre exklusiven Vorgänger im Zorn nannte. Die roten Streifen an den Hosen fehlen. Der Zusatz "i. G." ("im Generalstab") darf dem Dienstgrad - im Gegensatz zu früher - nur angehängt werden, solange das Amt im Generalstabsdienst ausgeübt wird.
Geblieben ist den Bundeswehr-Generalstablern:
- das zweieinhalbjährige Studium an der Führungs- (früher: Kriegs-) Akademie;
- der preußische Generalstabsspiegel
am Rockkragen;
- das stolze Bewußtsein, nach strenger Auslese und Ausbildung zur militärischen Funktionselite zu gehören. Für die Generalstabsausbildung kann sich jeder Bundeswehr-Offizier qualifizieren. Das General- oder Admiralstabsziel erreichen aber nur 80 bis 90 Prozent der Führungsakademiker, pro Jahr 120 Hauptleute und Kapitänleutnante.
Dieser Ausstoß deckte bislang nicht den Bedarf. Die "Heusinger-Spende" - Truppenoffiziere für den Generalstabsdienst - half die Lücke schließen.
Die Front war von Anfang an mißtrauisch: "Das ist doch nur ein fauler Kompromiß. Wenn genügend Halbgötter ausgebildet sind, wird man uns wieder zur Truppe schicken."
Tatsächlich sind Inzwischen so viele "gebildete Soldaten" an der Führungsakademie der Bundeswehr produziert worden, daß von 1967 an alle für "generalstabsdiensttuende Offiziere" ausgeschriebenen Stellen mit Hamburger Vollakademikern besetzt werden können.
Die Front hat recht behalten.
Generalstäbler Gneisenau, Moltke, Schlieffen, Seeckt, Halder, Heusinger: Die Front behielt recht

DER SPIEGEL 22/1966
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