06.06.1966

STARFIGHTERSterben nach A 12

Der deutsche Atombomber vom Typ "Starfighter" F 104 G hatte Triebwerkschaden. Der Pilot, Hauptmann Wolfgang Willam, 31, vom Jagdbombergeschwader 31 in Nörvenich kurvte die Landebahn 29 des Nato-Notflugplatzes Upjever in Friesland an.
Im Anflug auf den ungewohnten Platz tauchten plötzlich vor dem Piloten die Bauernhäuser der Gemeinde Schortens auf. Ein Aufprall im Dorf schien unvermeidlich. Da riß Staffelkapitän Willam den "Starfighter" noch einmal nach oben. Erst hinter dem Dorf zog er den Schleudersitz.
Mit 45 Grad Schräglage schoß die F 104 G in die Erde. Wenige Meter davor prallte Willam auf den Acker: Der Katapultsitz - zu spät betätigt - hatte ihn mit dem Druck der Schleuderraketen umgebracht.
Elf Tage später - am 10. Oktober 1965 errichteten die Bauern von Schortens dem Bundeswehr-Hauptmann Willam an der Absturzstelle ein Birkenkreuz. Auf einem Ackerwagen sprach Pastor Mönnich ein Dankgebet, daß der Pilot sein Leben geopfert habe, um die 2500 Seelen des Dorfes vor einer Katastrophe zu bewahren.
Aus demselben Grunde - weil Willam unter Einsatz seines Lebens Schaden abgewendet habe - beantragte die Rechtsabteilung des Bundesverteidigungsministeriums bei dem für die Beamten- und Soldatenbesoldung zuständigen Bundesinnenministerium, den toten Hauptmann postum aus der Gehaltsgruppe A 11 in die nächsthöhere Besoldungsgruppe, die A 13 (Majore), zu befördern. Nach dem Beamtengesetz kann eine höhere Pension gezahlt werden, wenn ein Beamter im Dienst sein Leben eingesetzt hat.
Das Bundesinnenministerium beschied die Kollegen vom Verteidigungsministerium: Der tote Hauptmann werde wunschgemäß in die nächsthöhere Besoldungsgruppe angehoben. Doch nicht in die A 13 für Majore, sondern in die auf die A 11 folgende A 12.
Aber die Bundeswehr kennt die Besoldungsgruppe A 12 gar nicht. In dieser Rubrik des Bundesbesoldungsgesetzes ist wohl das Salär für Amtsräte, Archivoberamtmänner, Kanzler Erster Klasse oder Bibliotheksoberamtmänner festgelegt, nicht aber die Besoldung eines vergleichbaren militärischen Ranges, denn: Einen Ober-Hauptmann oder einen Unter-Major gibt es nicht. In einem Schreiben stellte das Bundesverteidigungsministerium Frau Bärbel Willam in Düren bei Aachen vor die Wahl, für sich und ihre beiden Kinder Antje, 6 Jahre, und Karsten, 10 Monate, die Witwen-Pension eines Hauptmannes (1177,66 Mark monatlich) oder eines Oberamtmanns (1415,32 Mark) in Empfang zu nehmen. Das Ministerium belehrte die Witwe: Wenn sie sich für die höhere Pension entscheide, müsse sie allerdings laut Paragraph 141 a des Beamtengesetzes auf die Flugunfall-Entschädigung von 20 000 Mark verzichten, die das Hassel-Amt für jeden "Starfighter"-Piloten bei einer privaten Versicherung abgeschlossen hat.
Präzis rechnete die Pressestelle des Verteidigungsministeriums aus: Durch den höheren Pensionssatz von monatlich 237,66 Mark hätte die Witwe Willam binnen sieben Jahren ihren Verzicht auf die Flugunfall-Entschädigung ausgeglichen.
Bärbel Willam, 29, hat sich für die Oberamtmanns-Witwen-Pension entschieden.
Pilot Willam
Dorf gerettet
Piloten-Witwe Bärbel Willam
Entschädigung verloren

DER SPIEGEL 24/1966
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