30.05.1966

BUNDESREPUBLIKTrommeln und Triangel

In aller Welt trachten Sportler nach Meisterschaften und Medaillen. In Deutschland hinderte ein Sportverband seine besten Sportlerinnen zehn Jahre lang systematisch daran, zu siegen: der Deutsche Turner-Bund (DTB). Die bundesdeutschen Turnerinnen, deren Turnvater Jahn vor 150 Jahren das Turnen erfand, schwingen und springen bei internationalen Meisterschaften nur noch in der dritten Riege mit.
Mit 1,69 Millionen Mitgliedern ist der DTB der zweitgrößte deutsche Sportverband. Er konzentrierte sich bislang auf die Breitenarbeit. Höchstleistungen erfüllten die konservativen Turnführer mit Mißtrauen. Eine gelungene Riesengrätsche gilt ihnen nicht mehr als ein kerniges Turner-Lied, ein Olympischer Zwölfkampf weniger als ein pathetisches Weihespiel auf der Turnfestwiese.
"Höchste Leistung wird in der letzten Bewegungsmöglichkeit gesehen", mäkelte Turnführerin Sophie Dapper, 77. Deshalb wurden nach den Olympischen Spielen 1952 die deutschen Turnerinnen aus dem internationalen Wettkampfverkehr gezogen. Sie durften nur noch an Schauturnen teilnehmen. Für die deutschen Turnschwestern werden "eigene Stunden für rhythmisch-musikalische Arbeit mit Trommeln, Hölzern, Triangeln und Becken" (Jahrbuch der Turnkunst) angesetzt.
Vorgeschriebene Pflichtübungen lehnten die DTB-Gouvernanten ab. Was den deutschen Turnerinnen ihrer Meinung nach frommte, formulierten die ideologischen Vorturnerinnen so: "Lebendig von innen erfülltes Bewegen" (Sophie Dapper), "beschwingt, organisch, frohmachend und gemeinschaftsbindend" (Altturnerin Henni Warninghoff) oder "weseneigene Gymnastik und gelöst schwingende, natürlich fließende Bewegungsverbindungen" (Frauenturnwartin Irmgard Foerster).
Lediglich zu den Europameisterschaften der Frauen 1957 und 1959 mit Kür-Kämpfen, aber ohne Pflicht, wurden je zwei deutsche Turnerinnen entsandt. Beim erstenmal wurden die Deutschen unter 19 Teilnehmerinnen 16. und 18.
"Am Barren fiel diesmal Rosi Fottner vom Gerät", stand im DTB-Jahrbuch über den Auftritt. Zwei Jahre später wurde die beste Deutsche Neunzehnte. Bei der Olympia-Ausscheidung 1964 war selbst die schlechteste Zonen-Turnerin noch erheblich besser als die beste bundesdeutsche Teilnehmerin.
Obwohl die telegenen Kunstturnerinnen dem DTB zu erheblichen Einnahmen verhalfen, wurde an ihnen ständig gespart. Der Trainer Hans Timmermann, der im Hamburger Leistungszentrum die besten Nachwuchsturnerinnen ausbildet, wurde vom DTB als Lehrwart abgesetzt. Er hatte die Mädchen statt nachts mit dem Zug am Morgen per Airbus zu einem Lehrgang nach Frankfurt eskortiert und Mehrkosten zurückgefordert.
Noch beim letzten Länderkampf im Mai dieses Jahres gegen Ungarn traten die deutschen Turnerinnen in ihren eigenen, unterschiedlichen Trainingshosen an. Dazu wurden ihnen die Jacketts der Männerriege verpaßt. Die Hamburger Ersatzturnerin Barbara Quester, 17: "Ich sah aus wie Peter Pan." Drei Tage vor dem Ungarn-Länderkampf wurde die Hamburger Nationalturnerin Irmgard Lüdemann beauftragt, für die Frauenriege Turnanzüge zu kaufen. Die Aufwendungen von je 28,95 Mark und zusätzlich fünf Mark für ein Gastgeschenk bestritten die Turnerinnen von 40 Mark Spesen.
In einigen Vereinen regte sich schließlich Opposition. In Berlin, München und bei der Hamburger Turnerschaft von 1816, dem ältesten Turnverein der Welt, trainierten ehrgeizige Mädchen trotz angedrohter Sperren die international vorgeschriebenen Pflichtübungen. Die oppositionellen Vereine organisierten untereinander Vergleichswettkämpfe im Olympischen Achtkampf.
Vor dem Ehrgeiz der talentierten Turnerinnen und der harten Kritik selbst aus den eigenen Vereinen ließ der DTB 1962 widerstrebend auch internationale Wettkämpfe mit dem kompletten Pflicht- und Kürprogramm wieder zu. Jugendliche Turnerinnen, wie die Hamburgerin Christel Lahrs, 17, die gegen den Willen der DTB-Führung das internationale Programm trainiert hatten, qualifizierten sich für die Nationalriege.
Doch die jahrelange Isolierung hatte die Deutschen weit zurückgeworfen. Die Nationalriege verlor sogar Länderkämpfe gegen Frankreich, Holland und Ungarn. Das kostete die DTB-Führung viel von ihrem internationalen Prestige. "Wir wollen in die Weltklasse zurück", kündigte deshalb DTB-Bundesoberturnwart Franz Klemm kurz vor dem DTB-Bundestag am vorletzten Wochenende in Hamburg an.
Klemm und einige andere Alt-Funktionäre, unter deren Verantwortung die bundesdeutschen Kunstturner international den Anschluß verpaßt hatten, traten zurück. Ihre moderner eingestellten Nachfolger wollen auch den Spitzenturnerinnen wieder auf das Weltniveau verhelfen. Der Turnertag beschloß, ein zentrales Leistungszentrum in Frankfurt zu errichten. Den Spitzenturnerinnen soll eine eigene Bundestrainerin zugeteilt werden.
Die Kursänderung des DTB beugte einer möglichen Spaltung vor. Einige Klubs planten bereits, einen eigenen Kunstturnverband zu gründen.
Notionalturnerin Irmgard Lüdemann am Schwebebalken. Für die Alt-Funktionäre ein Weihespiel
Nationalturnerin Christel Lahrs
Für die Mädchenriege Männerjacken

DER SPIEGEL 23/1966
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