30.05.1966

BULATOVICBackender Befreier

Dreizehn Jahre hat die Welt auf ihn gewartet. Jetzt ist er gekommen: Godot.
Gebeugt unter Mehlsäcken und weiß bestäubt, trat er am letzten Samstag auf die Bühne des Düsseldorfer Schauspielhauses - im dramatischen Erstling des Montenegriners Miodrag Bulatovic, 36. Titel des Werkes: "Godot ist gekommen".
Er kam aus dem Stück, in dem er seit 13 Jahren nicht kommt - aus Samuel Becketts "Warten auf Godot". Die rätselvollste Figur des modernen Theaters hatte dort einen Namen, aber keine Gestalt; sie konnte als Gott oder als die Formel für die Nichtexistenz Gottes gedeutet werden.
In der "Variation über ein sehr altes Thema", wie Bulatovic sein Stück bezeichnet, erscheint Godot nun ungöttlich, leibhaftig und dreifaltig - als "Bäcker, Lustmolch und Befreier".
Dem "Warten auf Godot" hatte Bulatovic vor acht Jahren in Belgrad zugesehen. Beckett, so schien es Bulatovic, "hat einen fatalen Fehler gemacht - er hat vergessen, Godot herbeizuführen". Im vergangenen Jahr schrieb Bulatovic die Korrektur und ließ ihn kommen.
Die Premiere sollte im Belgrader Avantgarde-"Theater 212" sein. Die so genannte Bühne - ursprünglich hatte sie 212 Plätze und Einheitsbilletts zu 212 Dinar - gilt als eine der modernsten Europas. Sie spielt mit Vorliebe absurde West-Dramen, die im Osten verstanden werden - als politische Stücke.
Die - Bulatovic-Fortsetzung des Beckett-"Wartens" wurde politisch offenbar verstanden und bislang in Belgrad nicht präsentiert. Mitte vorigen Jahres durfte, nach Abdruck in einer Zeitschrift, auch das Bulatovic-Buch "Der Held auf dem Rücken des Esels" nicht gebunden erscheinen (SPIEGEL 37/1965).
Der "reklamesüchtige, unstete junge Mann" (so die Belgrader Zeitung "Politika") reiste daraufhin nach Paris zu einem "Studienaufenthalt" (Bulatovic), der heute noch dauert. "Ich bin links wie alle Schriftsteller der Welt", sagt Bulatovic. "Aber ich lasse mir von kleinen ideologischen Kanaillen nicht das Leben komplizieren." Bei Diskussionen hatte er gemerkt: "Die meisten Kommunisten leiden an Geschwüren und Verstopfung."
Als Bühnen und Verleger von seinem Stück hörten, machten sie "Jagd auf mich" (Bulatovic). Erinnert sich das Wild: "Auf einmal fingen alle an, Geld zu geben. Ich habe das Geld angenommen, denn ich bin ein naiver Junge vom Balkan."
Mit dem plagiierten Godot ging Bulatovic zu Beckett und fragte: "Meister, werden Sie gegen mich sein, weil ich Godot kommen ließ?" Beckett, gütig: "Nein, ich habe nichts gegen die Menschheit."
Bulatovic jedoch hatte ein "Bedürfnis, etwas gegen die Menschheit zu schreiben". Er hält sein Stück für eine "totale, aggressive Satire", die das "Hauptgewicht auf die Freiheit legt".
Sein backender Lustmolch Godot betritt eine sumpfige, fröschevolle Landschaft, in der er das gesamte Personal des Beckett-Stückes findet: die Tippelbrüder Wladimir und Estragon, den Herren Pozzo mit dem Knecht Lucky und den Botenjungen.
Das Milieu ist etwas balkanburlesk. Pozzo schwadroniert wie ein "Held auf dem Rücken des Esels", Züge mit quiekenden Schweinen rollen vorbei, und die Luft ist erfüllt mit Schießlärm oder Matratzenquietschen. Denn wo Godot hintritt, legt er sich zuerst zum Postfräulein.
Da diese Welt "nur durch Mehl und guten Willen gerettet werden kann" (Bulatovic), stopft Godot die Warter mit Mehl und befreit den geknechteten Lucky. Doch Lucky wirft sich zum Diktator auf und läßt den Bäcker als "Volksfeind" (imaginär) erdrosseln - "die Urteilsverkündung findet unmittelbar danach statt".
Weil die Exekution eben nur imaginär war, kann Godot wieder zu seinem Postfräulein gehen. Aber das Balkanliebchen liegt inzwischen unter einem anderen in den Brennesseln. Da wartet Godot, bis er zum nächsten Fräulein kommt.
Die Postbeamtin, wenngleich im Drama unsichtbar, ist nicht unwirklich. Bulatovic: "In meiner Imagination existiert eine übergeordnete Beamtin - aber es gibt auch eine konkrete." Der Dichter hat sie als "rassige, vollblütige Balkanstute" in Erinnerung.
Bei der Düsseldorfer Uraufführung ließ Regisseur Werner Kraut das Matratzenquietschen (Bulatovic: "Das schönste Geräusch") elektronisch zu "akustischen Grundzeichen" (Kraut) verfremden. Das eher wort- als gedankenreiche Stück kürzte er auf zweieinhalb Stunden und dopte es zu "totalem Theater" (Kraut).
"Jetzt glaube ich", sagte Bulatovic, "daß ich ein dramatischer Schriftsteller bin, und man müßte mich eigentlich eine Zeitlang in diesem Glauben lassen."
Dramatiker Bulatovic
Der Held kommt aus einem Stück ...
... in dem er nicht kommt: Bulotovic-Stück "Godot ist gekommen" in Düsseldorf*
+ Rechts: Wolfgang Groenebaum als Godot.

DER SPIEGEL 23/1966
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