30.05.1966

WESTERNMafia an der Macht

Amerikanisch am ersten Film", sagte
Regisseur Sergio Leone, 39, "waren nur die Uniformen, die Gewehre und der Kodakfilm." Das Lichtspiel mit den US-Einzelteilen war ein italienischer Western.
Der europäische Western ist südwärts gezogen - nach Italien. Nachdem die Deutschen, mit mittlerweile zehn Karl-May-Western (SPIEGEL 43/1963) den Wilden Westen nach Jugoslawien und Spanien verlegt hatten, werden jetzt auch die Berge und Täler der Landschaften Latium und Kampanien als Canyons und Prärien gebraucht.
Die dort gedrehten Italo-Western "Für eine Handvoll Dollar", "Für ein paar Dollar mehr", "Eine Pistole für Ringo"; "Ringos Rückkehr", "Sieben Pistolen für MacGregor" und "Pistolenhand" sind (laut "Corriere della Sera") die "italienische Version der 007-Filme"
- und sie sind sogar erfolgreicher als
die Bond-Brutalrevuen: Fast jeder Western-Titel spielte bislang mehr Lire ein als "Goldfinger".
Der Erfolg kam - nach über einem Dutzend billiger Western-Imitationen - vor einem Jahr mit dem Farbspektakel "Für eine Handvoll Dollar": die Geschichte zweier Familien, die sich gegenseitig aus der Western-Welt schießen. Die Regie hatte ein Unbekannter namens Bob Robertson, auch die (ebenfalls amerikanischen) Namen der meisten Darsteller standen in keinem Filmhandbuch.
Sie wären bestenfalls in einem druckfrischen Pseudonyme-Lexikon zu finden gewesen: Bob Robertson war der italienische Regisseur Sergio Leone ("Der Koloß von Rhodos"). Er gab sich erst zu erkennen, nachdem sein Werk von der Presse als "König der italienischen Western" ausgerufen worden war.
"Für eine Handvoll Dollar" hat mittlerweile mehrere Hände voll Lire gefüllt: 2,3 Milliarden - mehr als Fellinis "Dolce Vita" binnen drei Jahren. Der Verleih für Italien ("United Artists") ließ Leone und das Team - außer dem Kodak, den Gewehren und den Uniformen waren auch zwei Darsteller original amerikanisch - gleich die Fortsetzung fabrizieren. Titel: "Für ein paar Dollar mehr". Und demnächst wird Leone seinen dritten Western drehen - diesmal auch im wahren Wilden Westen und mit dem amerikanischen Hauptdarsteller Henry Fonda.
Derweil hat Western-Nachahmer Leone schon Nachahmer gefunden. Die bekannteren: der schnelle Sergio Corbucci, der in drei Monaten drei Western abdrehte; und Duccio Tessari mit seiner Serie "Eine Pistole für Ringo" (Slogan: "Ein Western, der Ihren Nachbarn vielleicht in einen schrecklichen Pistolenhelden verwandelt") und "Ringos Rückkehr" (Slogan: "Ein Western, in dem mit Leichen nicht gespart wird").
Die vielen Toten sind typisch für den Western auf italienisch - auch ihre Nachbehandlung: "Die Leichen", sagt Regisseur Tessari, "müssen noch voll Blei gepumpt werden, denn diese letzten Kugeln machen den Leuten am meisten Spaß."
Die heimischen Western beschäftigten bald Italiens Intellektuelle. Kritiker Alberto Moravia: "Alle haben heute Angst vor der Übervölkerung. Da ist es eine große Verlockung zuzusehen, wie die Leute massenhaft umgebracht werden."
In den Italo-Western sterben zehn- bis zwanzigmal mehr Menschen als in den gängigen US-Originalen. Errechnete Regisseur Tessari: Wir haben in einem Jahr mehr Munition verbraucht als (der amerikanische Western-Regisseur) John Ford in 30 Jahren." Und die Opfer werden "mit methodischer Grausamkeit dahingeschlachtet, einer nach dem andern, wie Mäuse und Insekten" (so Kritiker Mario Soldati).
Der wilde Western verdarb die Charaktere. Der alte Sheriff "der - wie Gary Cooper in "12 Uhr mittags" - den Colt nur für Gesetz und Recht zog, verfärbte sich in Italien zum "schwarzen Helden" (Leone): Er kennt keinen Kodex, hat Spaß am Töten und erschießt seine Gegner - in Amerika unmöglich -, auch wenn es nicht sein muß, von hinten.
Die Gewalt nahm den Western "alle psychologische und patriotische Romantik" (Corbucci). Das Fehlen anderer Western-Klischees erklärte Corbucci einfacher: "Rinderherden zum Beispiel gibt es in Italien nicht."
Für schwarze Heldentaten gab der Pionier Leone Beispiele. In seinem Erst -Western "Für eine Handvoll Dollar" läßt er Männer und Frauen füsilieren, Gefangene foltern und mit Gewehrkolben in den Unterleib schlagen. Banditen schießen auf ein Kind, ein Mädchen bekommt eine Faust in die Zähne, und einem Desperado werden mit einem Stiefelabsatz die Finger zerdrückt. Leone: "Die Gewalt in meinen Filmen ist harmlos, verglichen mit dem, was wirklich geschah."
Konkurrent Corbucci, den inzwischen Hollywood holte: "Unsere Filme sind absolut sadistisch. Ich hoffe, das alles hat bald ein Ende."
In Sicht ist das Ende nicht. Von den drei Dutzend falschen Western, die Italien (zum Teil mit deutschem Geld und deutschen Schauspielern) drehte, haben sechs schon deutsche Kinos erreicht. Erfolgreich an der Spitze: "Für eine Handvoll Dollar". Und den Siegeslauf im eigenen Land hemmt nichts - nicht einmal der "Osservatore Romano", der zwar den Spaßfilm "Casanova 70" bannte, Leones Horrorstreifen aber für Erwachsene freigab.
Künstlerhilfe bot auch des Landes Großproduzent Carlo Ponti - seine Frau Sophia Loren soll unter Leone die "Calamity Jane" spielen, eine West-Heldin, die nur ihre Pistole liebt.
"Die Amerikaner drehen schon lange nicht mehr, was den Leuten gefällt", sagte Sergio Leone. "Darum haben wir etwas Neues versucht."
So neu ist das Ergebnis nicht. "Einem Amerikaner", schrieb die "New York Herald Tribune", "kommt das alles vor, als hätte die Mafia die Macht übernommen."
Western-Regisseur Leone
Der Sheriff der Italiener ...
... erschießt den Gegner von hinten: Italienischer Western "Eine Pistole für Ringo"

DER SPIEGEL 23/1966
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