13.06.1966

FRANZÖSISCHE TRUPPENGroßmutter im Ouartier

Das Häuschen auf Triers Markt weist seine Bedeutung mit dem Schild aus: "Männer - Hommes". Zweisprachig kommt die Stadt den Bedürfnissen entgegen, die ihre Bestimmung als größter Standort französischer Truppen in der Bundesrepublik mit sich bringt.
Wie lange dieses deutsch-französische Idyll allerdings noch dauern wird, hängt nicht von den Bürgern der Stadt ab, die mit den französischen Soldaten gut auskommen, sondern von den Regierungen in Bonn und Paris, die sich über einen neuen Rechtsstatus für de Gaulles Soldaten einigen müssen.
Zweisprachig will auch General Massu, der einst mit seinen Fallschirmjägern in Algerien einen unerbittlichen Kampf gegen die Rebellen führte und seit März Befehlshaber der Streitkräfte de Gaulles auf deutschem Boden ist, seine Aufgaben der Verteidigung der Deutschen und der Verständigung mit den Deutschen erfüllen. Eine, seiner ersten Maßnahmen war der strikte Befehl an alle seine Soldaten, Deutsch zu lernen.
Seitdem büffeln die Poilus aller Dienstgrade Deutsch. Aber die von dem Para-Heros befohlene ;Fraternisation erschöpft sich nicht in dem Versuch, die hinderliche Sprach-Barriere zu überwinden. Der General persönlich kam und siegte bei einem deutsch-französischen Tennis-Wettkampf in Baden-Baden und ritt für Frankreich auf einem internationalen Turnier. Wenn Massu nicht reitet, sondern fährt, benutzt der Vier-Sterne-General in betonter Bescheidenheit keinen Citroän DS 21, sondern einen Mercedes 190, der schon mehrere Jahre alt ist.
Bescheiden müssen auch seine Offiziere und Mannschaften leben. Der französische Soldat erhält in der Bundesrepublik als Wehrpflichtiger einen monatlichen Sold von zehn Mark plus 9,78 Franc (etwa 8,50 Mark). Barbesuche muß der Franzose bei dieser Bezahlung zwangsläufig den Kameraden aus Amerika überlassen, was sich für das Zusammenleben mit den Deutschen als sehr förderlich erwiesen hat.
Dennoch bringt die Stationierung der Franzosen Geld in deutsche Kassen. Versetzt nach Deuschland, schleppen sie, wie Triers Oberbürgermeister Josef Harnisch, 52. formulierte, "Großmutter, Mutter und Kind mit sich". Diese Armada der Verwandten trägt dazu bei, daß sich schon in Friedenszeiten mehr Franzosen auf deutschem Boden aufhalten, als es nach den militärischen Plänen im Krieg der Fall sein würde. Mit zivilen Anhängern sind es 120 000.
Im Unterschied zu den amerikanischen und englischen Truppen kosten die französischen Soldaten den deutschen Steuerzahler kein Geld. Paris verlangt nicht, wie Washington und London, eine deutsche Devisenhilfe für die Stationierung seiner Streitkräfte und auch nicht den Ankauf von großen Mengen Rüstungsmaterials für die Bundeswehr.
Lediglich die Unterkünfte der Soldaten und ihrer Angehörigen mußten vom Bund bereitgestellt werden - sie stellen einen Wert von rund zehn Milliarden Mark dar. Ihre Nutzung ist unentgeltlich. Die laufende Unterhaltung jedoch sowie die Rechnungen für Gas, Wasser, Licht, Kanalbenutzung, Straßenreinigung und Müllabfuhr werden von den französischen Zahlmeistereien beglichen.
Weil in der Bundeskasse schon seit Jahren das Geld dafür fehlt, die Franzosen in frontnäheren Unterkünften unterzubringen, liegen Massus Truppen, die zur ersten französischen Armee gehören nicht vorn am Eisernen Vorhang, sondern hinten in der Etappe:
eine Panzerdivision mit dem Stab in
Trier, mit zwei Panzerbrigaden in Saarburg und Wittlich 'sowie mit einer Panzergrenadierbrigade in Landau;
- eine Panzergrenadier-Division mit dem Stab in Freiburg, mit zwei Panzer-Grenadierbrigaden in Konstanz und Offenburg sowie mit einer Panzerbrigade in Tübingen.
Diese Kampfverbände umfassen etwa 35 000 Mann. Hinzu kommen neben einem Korpsstab in Koblenz Armee-Truppen in fast gleicher Stärke: Aufklärungs - und Fernmeldeverbände, Atomartillerie, Flak, Pionier-Einheiten, Transport- und Versorgungsdienste. Sie liegen in der Pfalz und in Süddeutschland. Die am weitesten nach Osten vorgeschobene französische Einheit ist das mit 'amerikanischen Hawk- und Nike-Raketen ausgerüstete Flieger-Abwehr-Regiment 402 im Raum München.
Komplettiert wird diese Streitmacht durch Teile einer Luftwaffengruppe, (Stärke 10 000 Mann), die auf Flugplätzen in Lahr und Freiburg liegen, durch Flieger-Abwehrtruppen in der Schwäbischen Alb und durch die gemischte Kampfgruppe in West-Berlin. Sie umfaßt ein Panzer-Bataillon, ein Panzergrenadier-Bataillon und zwei Gendarmerie -Kompagnien.
In Friedenszeiten macht die Gesamtstärke der französischen Armee an Rhein und Mosel rund 73 000 Mann aus; ein Drittel mehr als die britische Rhein-Armee. Im Alarmfall kann sie innerhalb von drei Tagen bis auf 110 000 Mann verstärkt werden.
Wie lange dieser militärische Logierbesuch allerdings noch-bleiben wird, entscheidet sich bei Verhandlungen, die am Anfang dieser Woche begonnen haben. Im Bonner Außenamt trafen sich am Montag die Ministerialdirektoren Meyer -Lindenberg vom Auswärtigen Amt und de Beaumarchais vom Pariser Außenministerium, um über den künftigen Status der französischen Soldaten in der Bundesrepublik zu beraten.
Die Bundesregierung vertritt den Standpunkt, daß de Gaulles Truppen ihre "weitgehenden Rechte" (Außenminister Schröder) nicht mehr in Anspruch nehmen dürfen, wenn Frankreichs Truppen vom 1. Juli an dem Nato-Oberbefehl entzogen werden. Die französische Regierung hat zwar ihre entgegengesetzte Meinung bekräftigt, daß ihr Recht auf Truppenstationierung unabhängig von der militärischen Integration gültig sei, ist aber bereit, die Truppen aus der Bundesrepublik abzuziehen, wenn Bonn dies wünscht oder es zu keiner Einigung über die weitere Stationierungsgrundlage kommt.
Die Stationierungsrechte gehen noch auf die Besatzungszeit zurück und wurden in den Pariser Verträgen aus dem Jahr 1954, in denen der deutsche Beitritt zur Nato beschlossen wurde, neu formuliert.
Aufgrund dieser Verträge unterstehen die französischen Soldaten und ihr ziviles Gefolge auch in Deutschland der französischen Straf- und Zivil-Gerichtsbarkeit. Demgegenüber sind die rund 7000 deutschen Bundeswehr-Soldaten, die gegenwärtig in Frankreich stationiert sind, bis hin zu Verkehrsunfällen und Vaterschaftsangelegenheiten französischem Recht unterworfen.
In den von ihnen in Deutschland belegten Kasernen, Übungsplätzen und Depots üben die Franzosen das unbeschränkte Hausrecht aus, die Bundeswehr-Depots in Frankreich dagegen unterstehen einem französischen Offizier, ohne dessen Genehmigung nichts eingelagert und nichts entnommen werden darf.
Die französischen Truppen in der Bundesrepublik dürfen sich ohne Genehmigung der deutschen Behörden frei bewegen, die Bundeswehreinheiten in Frankreich brauchen dagegen für alle Ortsveränderungen einen zweisprachigen Marschbefehl, dem das Pariser Armee-Ministerium zustimmen muß. Französische Militärmaschinen sind beim Überfliegen deutschen Gebietes lediglich an die internationalen Luftsicherheits-Bestimmungen und die entsprechenden Nato-Vorschriften gebunden; die Bundesluftwaffe hingegen muß jeden einzelnen Flug über französisches Territorium vorher in Paris genehmigen lassen. Die Pariser Regierung kann jeden deutschen Soldaten als unerwünscht bezeichnen und ausweisen. Bonn hat kein entsprechendes Recht gegenüber französischen Soldaten.
"Vergleichbare Rechte", wie sie Frankreich auf seinem eigenen Territorium in Anspruch nimmt, will Bundesaußenminister Schröder nun für die Bundesregierung erkämpfen, nachdem de Gaulle die Nato-Integration aufgekündigt hat. Ob es bei diesen deutschfranzösischen Verhandlungen zu einer Einigung kommen wird, ist ungewiß. Doch besteht zwischen Deutschen und Franzosen in der Bundesrepublik nach 20 Jahren Truppenstationierung bereits Blutsverwandtschaft: Wann immer das Rote Kreuz Blutspender sucht, krempeln die Poilus die Ärmel hoch.
Algemeen Handelsblad
Die Wacht am Rhein - bald wieder allein?
Franzosen-General Massu, Untergebene: Blut gespendet

DER SPIEGEL 25/1966
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